Vereinskurier - Ausgabe 8 - August 2003

Prof. Hans Münch, Fritz Pützschler

Jubiläen der Chemnitzer Industrie - 120 Jahre

Zu den Firmen des traditionsreichen Chemnitzer Maschinenbaues, deren Namen Legende sind, gehört die Schubert & Salzer Maschinenfabrik Aktiengesellschaft Chemnitz. Sie wurde im gleichen Jahr gegründet, in dem Chemnitz über die Schwelle einer Großstadt mit 100.000 Einwohnern wuchs: 1883.
Der ursprüngliche Firmenname ist trotz verschiedener Änderungen im Laufe von 120 Jahren und der Popularität des Betriebes zuletzt unter der Bezeichnung "Wirkbau" noch immer lebendig. Schubert & Salzer - ein Unternehmen der Textilbranche mit besonderer Erfahrung im Bau von Wirkmaschinen - weckt bei vielen Chemnitzern älteren Jahrgangs sowie bei ehemaligen Kunden im In- und Ausland Erinnerungen an beste Zeiten des westsächsischen Maschinenbaues. Der Name Schubert & Salzer ist mit der Entwicklung der sächsischen lndustriemetropole Chemnitz seit über 100 Jahren verbunden. Das Unternehmen kannte Zeiten der Hochkonjunktur, aber auch tiefer wirtschaftlicher Rezession. Am 25. Mai 1883 ließen sich der Kaufmann Carl August Schubert und der Maschinenbauer Franz Bruno Salzer als Besitzer einer am 1. April des gleichen Jahres in der Poststraße 35 eingerichteten Werkstatt für den Bau von Strumpfwirkmaschinen in das Handelsregister beim Königl. Sächsischen Amtsgericht zu Chemnitz eintragen. Es wurde die erste Akte der späteren Weltfirma Schubert & Salzer, Maschinenfabrik Aktiengesellschaft Chemnitz angelegt.
65 Jahre später, als die zur Großindustrie zählende Firma "Im Namen des Volkes" enteignet wurde, füllten ihre Akten ein ganzes Fach im Handelsregister.

Allein aus diesen Überlieferungen lässt sich eine geradezu stürmische Entwicklung des Unternehmens ableiten, wobei es vor allem große Marktanteile im Wirkmaschinen-Sektor erwarb. Imposant war zunächst die rasche Entwicklung und Ausbreitung der Fabrikationsanlagen an den Standorten Adorfer Straße, später Lothringer Straße/Annaberger Straße, der Fürstenstraße (= Teilbetrieb von H. Alban Ludwig), der Zwickauer Straße (Eisen- und Metallgießerei), Scheffelstraße (in Seidels Eisengießerei) und schließlich in Hohenstein-Ernstthal, Zweigwerk von ehem. Theodor Lieberknecht.

Auch die technisch-technologische Entwicklung in Verbindung mit einer fast einmalig universellen Produktionspalette ist höchst interessant. Das bemerkenswert umfangreiche Produktionsprogramm umfasste vor allem ein breites Sortiment von Textilmaschinen, aber auch - wie einst bei Hartmann - von ausgewählten Werkzeugmaschinen. Das Profil reichte von Wirk- über Strickmaschinen, Spinnereimaschinen, Spezial-Spulmaschinen, Zwirn-, Gardinen- und Tüllmaschinen bis zu Stickmaschinen im Textilmaschinen-Sektor. Bei Werkzeugmaschinen waren es vor allem Rundschleifmaschinen, Drehbänke verschiedener Art, Fräs- und Hobelmaschinen (Shaping). Trotz dieser "Warenhausstruktur" widmete man dem Wirkmaschinenbau bei der Erzeugnisentwicklung und Produktion stets die größte Aufmerksamkeit.

Dem entsprach das Unternehmen bereits bei der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft 1889/90 mit dem Firmennamen "Chemnitzer Wirkwaren-Maschinenfabrik vorm. Schubert & Salzer". Als Haupterzeugnis wurden ab 1891 Cotton-Flachwirkmaschinen hergestellt, genannt nach dem englischen Erfinder und Konstrukteur William Cotton. Diese Maschinen galten bei ständiger technischer Vervollkommnung als die "größte Spezialität des Werkes" (Prof. Bürger, 1933). Durch die Anwendung dieser Maschinen in großem Umfang wurde die Entwicklung des Strumpfwirkergewerbes zur massenproduzierenden Großindustrie im westsächsischen Bezirk möglich. Im Ergebnis harten Konkurrenzkampfes fusionierten 1912/13 H. Alban Ludwig (Chemnitz, Fürstenstraße 21) und Theodor Lieberknecht (Hohenstein-Ernstthal) mit Schubert & Salzer. In ihrer Regie wurden Cotton-Wirkmaschinen nach dem System Alban Ludwig und Theodor Lieberknecht weiter produziert, so dass nach dem 1. Weltkrieg die Firma Schubert & Salzer in der Herstellung von Flachstrickmaschinen an 1. Stelle in der Welt stand.

In dieser Zeit zwischen 1920 und 1928 erreichten Schubert & Salzer als Großunternehmen die produktivsten Jahre ihrer Entwicklung. Die Strumpfwirkmaschine hatte einen solchen technischen Stand erreicht, der es ermöglichte, Wirkware mit über 780.000 Maschen pro Minute herzustellen. (Um 1880 waren es ca. 2.000 Maschen/Minute). In der Unternehmensgeschichte von Schubert & Salzer konnte 1928 mit einer Bruttoproduktion von 48 Mill. Mark bei 5.500 Beschäftigten der absolute Höhepunkt der Entwicklung registriert werden. Danach kam - kurz vor dem 50jährigen Betriebsjubiläum - die große Weltwirtschaftskrise von 1929-1932.

Pünktlich zum "Goldenen Betriebsjubiläum" am 1. April erschien in den Chemnitzer Neuesten Nachrichten vom 31.03.1933 ein Aufsatz "50 Jahre Schubert & Salzer". Er war mit einer Gesamtansicht des Hauptwerkes an der Lothringer Straße und einem "Blick in die ständige Maschinen- und Waren-Ausstellung" des Unternehmens illustriert. Hier wurde alles präsentiert, was der Jubilar 50 Jahre nach der Auslieferung der ersten, noch handwerklich gefertigten Strumpfwirk-maschinen zu bieten hatte. Das waren in erster Linie über 20 Haupttypen des Wirkerei- und Strickereimaschinenbaues, dabei besonders ausgewiesen automatische Rundstrickmaschinen für die Herstellung aller Arten nahtloser Strümpfe sowie Rundstrick-maschinen für die Trikotagenproduktion. Ein "Knüller" gelang den Konstrukteuren von Schubert & Salzer mit der Entwicklung von Jacquard-Petinet-Maschinen, auf denen mittels Sondereinrichtungen gemusterte Ware hergestellt werden konnte. Ringelsocken oder Strümpfe mit Längsstreifen, Plattier-, Laufmaschen- und durchbrochenen Mustern waren mögliche Produktvarianten beim Einsatz dieser Maschinen. Ein Exemplar davon befindet sich im Besitz des Industriemuseums Chemnitz. Zwei besondere Beispiele aus dem weiteren Produktionsprogramm sollen noch genannt werden. Im Spinnereimaschinenbau gelang es der Fa. Schubert & Salzer in den frühen 20er Jahren erstmals, beim Bau von Wagenspinnmaschinen den Selfaktor mit ortsfesten Spindeln auszurüsten. Dieses konstruktive Prinzip wird noch heute bei vollautomatischen Streichgarnspinn-Maschinen angewandt. Und schließlich soll auf ein Arbeitsgebiet aufmerksam gemacht werden, das allgemein nicht mit Schubert & Salzer in Verbindung gebracht wird: den Chemnitzer Fahrradbau. So stellten die 1896 gegründeten Fahrradwerke Salzer & Co GmbH zu Beginn des 20. Jahrhunderts innerhalb der "Wirkwaren-Maschinen-Fabrik vorm. Schubert & Salzer AG" jährlich 3.000 Fahrräder der Marke "Salzer" her. Allein damit wurden 140 Arbeitskräfte beschäftigt. (insgesamt gab es im Chemnitzer Industriebezirk fünf Fahrradfabriken mit 1.150 Beschäftigten). Diese Produktion blieb für das Unternehmen untypisch. Es profilierte sich immer mehr im Wirkmaschinenbau und blieb trotz gravierender gesellschaftlicher Einschnitte erfolgreich.

Nach dem 2. Weltkrieg begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Unternehmens. Im März 1945 waren die Produktionsanlagen bei Schubert & Salzer durch Bombenangriffe auf Chemnitz zu mehr als 60 % zerstört worden; der Rest verfiel der Demontage. An eine Aufgabe des Betriebs war jedoch nicht zu denken; 1947 waren über 700 Arbeiter beim Wiederaufbau dabei.
Einen wesentlichen Einschnitt in der Entwicklung brachte das Jahr 1948. Im Zuge der "Verwandlung von Kapital in gemeinschaftliches Eigentum" in der sowjetischen Besatzungszone - wobei Sachsen die Vorreiterrolle übernahm - erfolgte am 1. Juli 1948 die Überführung von Schubert & Salzer in den VEB Wirkmaschinenbau Chemnitz (ab 1953 Karl-Marx-Stadt). Dieser Betrieb behauptete unter den politischen und planwirtschaftlichen Bedingungen der DDR über 40 Jahre seine traditionelle Position im Textilmaschinenbau auf den bekannten Spezialisierungsgebieten. Der "Wirkbau" war seit den 50er Jahren wieder ein Großbetrieb. Er hatte um 1960 bei ca. 2.000 Arbeitskräften eine Bruttoproduktion von 22 Mill. Mark der DDR. Diese Produktion konnte bei relativ günstigen betrieb-lichen Produktivitätsbedingungen bis Mitte der 80er Jahre auf 90 Mill. Mark gesteigert werden. Das Produktionsprogramm war - nomen est omen - ständig vor allem vom Wirkmaschinenbau geprägt. Zu den ersten Produkten ab 1948 gehörten vor allem Flachkulierwirkmaschinen, die ständig weiter entwickelt wurden. Abgeleitet aus dem klassischen Herstellungsverfahren von Damenstrümpfen auf Cotton-Maschinen begann Ende der 60er Jahre die Serienproduktion von Wirkmaschinen für regulär gearbeitete Obertrikotagen. Am "Massenbedarfsgüterprogramm" der DDR war der Wirkmaschinenbau mit der Herstellung von Handstrickmaschinen und Wäsche-Wringmaschinen beteiligt.

Nach der politischen Wende vom Herbst 1989 und dem Übergang zur Marktwirtschaft musste wieder ein neuer Anfang gesucht werden. Es verstand sich, dass die Wirkbau Textilmaschinen GmbH dabei auf die erfolgreichsten Produkte der Vergangenheit setzte. Dem harten Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt war diese Gesellschaft aber nicht mehr gewachsen; sie wurde per 1. März 1994 liquidiert. Heute bildet das Areal den Industriepark "Wirkbau" mit mehr als 50 Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe bzw. dem Dienstleistungsbereich.