Vereinskurier - Ausgabe 8 - August 2003

Wolfgang Kunze

Das IMC - Bilanz nach drei Monaten

Was für eine Aufregung in den Stunden vor der Eröffnung; bis zuletzt wurde gewerkelt. Aber das ist eigentlich immer so, jede Eröffnung hat ihre Gesetze. Nur gut, dass es Generalproben gibt.

Am 10. April fand sich die Bestätigung für die Richtigkeit dieses Grundsatzes. Bis 17 Uhr waren die Gestalter noch in der Halle und 18 Uhr waren die Mitglieder des Fördervereins und geladene Spon-soren sowie Freunde des Museums die ersten Gäste im neuen Haus. In der Sonderausstellungs-halle zeigten junge Künstler, welchen Einfluss das Feuer auf die Industrialisierung hatte. Von der Wärme der brennenden Fackeln sprach die Alarmanlage an, eine Computer-Stimme forderte über Lautsprecher zum sofortigen Verlassen der Halle auf - aber keiner ging. Alle verfolgten gespannt das Eröffnungsprogramm und ließen sich auch von der durch die automatisch geöffneten Fenster eindringenden kalten Luft nicht vertreiben. Das Resultat der Generalprobe war eindeutig - das Programm war sehr gut, die Alarmanlage hat bestens funktioniert aber Anweisungen zum Verlassen des Gebäudes hat keiner befolgt. Alle wollten im anschließenden Rundgang die neue Ausstellung sehen; Mitglieder des Fördervereins erläuterten zusammen mit den Mitarbeitern des Museums die Ausstellungskomplexe. Und man war sich an diesem Abend einig: "Das Konzept ist sehr gut".

Am Abend des 11. April war die offizielle Eröffnung des Museums. Dank und Anerkennung wurde all denen ausgesprochen, die sich mit viel Elan bei der Projektierung, beim Bau und der Gestaltung des Museums unermüdlich eingesetzt haben. Lange haben die Stadt Chemnitz und die Industrie des Landes Sachsen auf die Würdigung der Leistungen jener Personen gewartet, die in der 200-jährigen Geschichte die Industrialisierung geprägt haben. Sehr traurig, dass weder der Ministerpräsident noch der Kultusminister des Freistaates bei der Eröffnung des Chemnitzer Industriemuseums anwesend waren.

Mit Spannung wurde nun auf die Übergabe des Museums an die Öffentlichkeit gewartet. Am 12. April warteten viele Interessierte auf dem Vorplatz des Museums. Nachdem der Oberbürgermeister von Hoyerswerda - amtierender Vorsitzender des Zweckverbandes Sächsische Industriemuseen - , sowie der Oberbürgermeister von Chemnitz in kurzen Ansprachen die Notwendigkeit der Existenz eines Industriemuseums gerade an diesem Standort begründet hatten, wurde das Band vor den Drehtüren des Museums zerschnitten. Und was danach einsetzte, hatte niemand erwartet. An zwei Tagen (12. und 13. April) erstürmten 21.000 Besucher das Museum. Die Exponate der Dauerausstellung wurden ständig umlagert und alle Mitarbeiter des Museums waren im Einsatz. Sie wurden von über 30 Mitgliedern des Fördervereins tatkräftig unterstützt, sonst hätte man den Ansturm nicht meistern können.

Viele Chemnitzer, die in den Vormonaten jeden Baufortschritt registriert hatten, wollten das Haus an der Kappler Drehe endlich von innen sehen. Einhellig waren alle der Meinung, dass die meisterhafte Restaurierung der denkmalgeschützten Hallen und die klare, übersichtliche Präsentation der Exponate aus 200 Jahren sächsischer Industriegeschichte eine gelungene Einheit bilden.
Da an solch einem Tag die tiefgründige Betrachtung der vielen Exponate gar nicht möglich war und von dem Multimedia-Informationssystem nur wenige Besucher Gebrauch machen konnten, hörte man oft die Äußerung: "Wir kommen wieder". Und das ist doch für die Monate voller Anspannung, die die Mitarbeiter des Museums und der beauftragten Firmen leisteten, ein schöner Lohn.

Dreieinhalb Monate sind seit der Eröffnung vergangen, am 1. August registrierte man im Museum den 48.000sten Besucher. Aber das Schöne an dem Besucherinteresse ist, dass sehr viele junge Leute in das Museum kommen. Kurz vor den Sommerferien 2003 wurden bis zu 16 Führungen täglich von Schulklassen unterschiedlicher Altersstufen registriert. Da ich selbst mehrere Führungen mit Schülern durchgeführt habe, kann ich belegen, dass bis auf wenige Ausnahmen jeder Besucher interessante Exponate gefunden hat. Vorteilhaft für die Erklärungen ist auch, dass ein Großteil der Exponate in Funktion vorgeführt werden kann. So kann man jungen Menschen plastisch die Wirkungsweise der alten Maschinen erläutern. Das Museumskonzept der Aufteilung in acht Themenkomplexe (Sachsen, Unternehmer, Familie u.a.) wird vom Großteil der Besucher begrüßt. Besonders gelungen finde ich als Techniker die Umsetzung des Konzeptes immer dann, wenn Personen, die relativ wenig von Technik verstehen, aus dem Museum herausgehen und sagen: "Mir hat es sehr gut gefallen"; und das kommt sehr häufig vor. Wird damit nicht manche Diskussion im Vorfeld der Museumseröffnung gegenstandslos?

Noch ein Themenkomplex steht bei jeder Führung oder auch bei Veranstaltungen im besonderen Interesse: "die Karl-Marx-Städter". Die meisten der BesucherInnen finden es sehr gut, dass in der Dauerausstellung die Leistungen derjenigen Menschen, die von 1945 bis 1990 in der Metropole des Maschinenbaues unter oft schwierigen Bedingungen erreicht wurden, mit überzeugenden Exponaten dargestellt werden. Praktisch über Nacht von der Schreibmaschinenherstellung auf die Produktion von Flugmotoren umzustellen, war nur in der "Planwirtschaft" möglich. Aber es wurde geschafft: Das Passagierflugzeug IL 14 flog mit den in Karl-Marx-Stadt produzierten Motoren sehr sicher.

Nach der Eröffnungsphase von April bis Juli 2003, in der viele Mitglieder des Fördervereins "ihr" Museum in vielfältiger Form hervorragend unterstützt haben, warten neue Aufgaben - trotz oder gerade wegen schmaler Kassen - auf Verein und Museum. Dabei werden wir als Verein nicht abseits stehen; viele Beiträge zu einem abwechslungsreichen Museumsleben wollen wir beisteuern.