Vereinskurier - Ausgabe 7 - April 2003

Wolfgang Kunze

Ein Fall für Escher - Der "Schmied" mit den drei Vätern

Wer hätte im März 2001 schon daran gedacht, dass die Rekonstruktion des Torsos, der da noch auf dem Giebel der heutigen Sonderausstellungshalle stand, solche Probleme bringen würde.
Nicht der bekannte Fernsehmoderator des MDR, sondern die Herren Hermann und Alfred Escher hätten uns helfen können, denn sie wussten genau, welche zwei Plastiken sie da 1907 auf den Giebelsims der Halle stellen ließen. Die erhaltene Figur (siehe auch Vereinskurier 01, S. 4) konnte doch nur ein Schmied sein; wer steht sonst vor einem Amboss. Also rief der Förderverein seine Mitglieder und die Öffentlichkeit auf, den "Schmied" zu retten; spontan gingen Spenden ein. Der Bildhauer Volker Beier erhielt den Auftrag, die Figur zu ergänzen und einen neuen Abguss aus Beton herzustellen. Am 15. Februar 2002 stellte der Förderverein in der "Freien Presse" den neuen Schmied und seinen zweiten Vater im Großbild vor. Der Name des ersten Vaters ist uns bis heute nicht bekannt, da könnten u ns auch nur Vater und Sohn Escher helfen.

Ziel dieser Presseveröffentlichung war es, Erinnerungen und eventuelle Fotos von beiden Figuren zu bekommen. Mehrere vorherige Aufrufe hatten keine Hinweise erbracht. Aber in diesem Fall kam es anders: Herr Reinhard Weißbach erinnerte sich, dass er ca. 1960 mit einem Teleobjektiv die eine Figur fotografiert hatte. Er suchte das Bild heraus und stellte fest, dass damals gar kein Schmied auf dem Giebel stand, sondern ein "Gussputzer", der in der linken Hand ein großes Zahnrad hält und offenbar Eingüsse oder Reste von Formsand abschlägt. Und noch etwas fiel auf; der "Gussputzer" trägt einen Bart. Herr Weißbach brachte das Foto zum Industriemuseum und löste damit neue Probleme aus: Den falschen "Schmied" nach oben ziehen und auf den Giebel setzen - geht nicht. Die Untere Denkmalschutzbehörde war für eine denkmalgerechte Wiederherstellung und stellte 3500 Euro bereit. Eine Änderung lehnte der zweite Vater aus Festigkeitsgründen ab. Es blieb also keine Wahl, ein dritter Vater musste gesucht werden. Der Steinrestaurator, Herr Joachim Weigel, änderte die Figur nach dem Foto von Herrn Weißbach.

Am 7. März 2003 war es soweit, Herr Weigel stellt seinen 1,40 m großen "Gussputzer" vor, ehe er im Beisein seines Patenonkels, Herrn Weißbach, auf den Dachgiebel der Sonderausstellungshalle gehoben wird. Von da oben schaut er nun herunter auf die Zwickauer Straße, die sich in den fast 100 Jahren gewaltig verändert hat. Und er wartet noch auf seinen Kollegen, den "Giesser", der auf einem historischen Foto nur schemenhaft erkennbar ist.

Eine Tatsache soll aber noch unbedingt erwähnt werden: Die Restaurierung und Änderung der Figur kostete insgesamt 7.980 Euro. Davon wurden 4.480 Euro (56 % der Gesamtkosten) vom Förderverein (Spenden der Mitglieder und Besucher des Museums) aufgebracht. Dafür möchte der Vorstand an dieser Stelle allen Spendern ein herzliches Dankeschön sagen.