Vereinskurier - Ausgabe 7 - April 2003

Jürgen Held, Hans Klein

Das flexible Fertigungssystems FMS 630 aus dem WMK "Fritz Heckert" (Stammbetrieb) auf dem Weg in das Industriemuseum Chemnitz

Ein so junges Exponat in einem Museum?
Im Frühjahr 1989 schrieb eine bekannte Karl-Marx-Städter Zeitung:

"In sechs Monaten ist es soweit. Zum 40. Jahrestag der DDR soll für die erste Ausbaustufe des flexiblen Maschinensystems 630 in Halle 01 die Produktionswirksamkeit für ein ausgewähltes Teilesortiment - zunächst für 15 von insgesamt 53 geplanten Teilepositionen - erreicht werden. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität, die bei voller Wirksamkeit des FMS 630 und dem vorgesehenem Teilesortiment über 600% betragen wird, ist für die Leistungsentwicklung unseres Betriebes dringend notwendig. Hochproduktive Technik ist als Rationalisierungsmittel in vielen Industriezweigen unserer Volkswirtschaft sehr gefragt und für den steigenden Export erforderlich. Unsere Erzeugnisse bis hin zum Angebot kompletter Systeme tragen den Namen "Fritz Heckert" in viele Länder der Erde. Sie legen Zeugnis ab, was die von Ausbeutung befreite Arbeiterklasse der DDR und ihre Intelligenz zu leisten vermag".

Nüchtern betrachtet bedeutet das Zitat: die Menschen aus unserer Region haben mit Fleiß und Wissen ein hochmodernes bediener-freundliches Rationalisierungsmittel für die eigene Produktion entwickelt, gebaut und auch genutzt. Die Nachfolgesysteme sollten gleichzeitig verkaufsfähige Erzeugnisse für das In- und Ausland sein.

Die eingesetzte Maschinen-, Steuerungs- und Rechentechnik und die gesamte Produktionsorganisation stellten 1989 eine weltweite Spitzenleistung dar.
Die Betreiber des FMS konnten dessen Leistungsfähigkeit jedoch nicht voll nachweisen. Schon 1990 gingen die Produktionsanforderungen rapide zurück; 1994 folgte die vollständige Einstellung der Produktion und damit die Demontage des FMS.

Sicherstellung von Hauptkomponenten des FMS für eine spätere Ausstellung im IMC

Mitarbeitern des IMC und Mitgliedern des Fördervereins gelang es, die Leitung der HECKERT Werkzeugmaschinen GmbH Chemnitz und die Museumsleitung des IMC davon zu überzeugen, dass bestimmte Systemelemente dem Museum übereignet wurden. Nach einer zielgerichteten Demontage durch die Deutsche Industriewartung GmbH (DIW), aktiv unterstützt von Museumsmitarbeitern (ABM) und ehemaligen Systementwicklern des Forschungszentrums für Werkzeugmaschinen, erfolgte der "Systemtransport" in das Depot des IMC in die Otto-Schmerbach-Straße (ehemalige Halle der Hermann und Alfred Escher AG). Die Hauptbaugruppen eines Bearbeitungszentrums CW 630/2 wurden gereinigt und konserviert. Über die Demontage und die Übergabe aller Systemkomponenten erstellten Mitarbeiter des Museums eine umfassende Dokumentation. Es bestand die Absicht, zu einem späteren Zeitpunkt und in einem neuen Industriemuseum ein Teilsystem mit eingegrenzten Funktionsabläufen aufzustellen.

Vorbereitung der FMS 630-Museumsvariante für eine zukünftige Dauerausstellung

ABM-Optimisten starteten Ende 1996 einen Inbetriebnahmeversuch. Es war das Ziel, eine reale Einschätzung über die mögliche zukünftige Darstellung von Funktionsabläufen zu erhalten. Mit wenig Geld, aber mit ehrgeizigen Spezialisten begann im Depot die Operation FMS.
Ein 25-t-Auto-kran bewegte den Grundkörper des in seine Hauptbaugruppen zerlegten Bearbeitungszentrums an einen neuen, für die Inbetriebnahme geeigneten Aufstellungsort. Um auch im Winter in der kalten Halle des Depots an der Maschine arbeiten zu können, wurde der "Arbeitsraum" mit Hilfe eines Holzgerüstes und darüber gespannten Plastefolien separat "heizbar" gestaltet. Nach Auffüllung von Stickstoff, Öl und der provisorischen Herstellung der Anschlüsse von Druckluft und Elektroenergie konnte die eigentliche funktionelle Inbetriebnahme beginnen. Es gelang, mit Hilfe von engagierten Spezialisten des Heckert-Werkes, die Maschine als Einzelmaschine zum Laufen zu bringen. Baugruppen aus dem zweiten Bearbeitungszentrum dienten als Ersatzteilspender. In einem Vorführprogramm mit Werkzeugwechsel aus einem Speicher wurde ein symbolisches Werkstück gefertigt; der erste Schritt war getan. Man konnte davon ausgehen, mit originalen Elektro- und Rechnerbaugruppen die Maschine auch zukünftig betreiben zu können.
1999, nach der endgültigen Entscheidung über die Ausstellungsvariante im Museum Kappler Drehe, begannen erneut Vorinbetriebnahmen. Die Forderung über den Einsatz von mindestens zwei Wissensträgern konnte durchgesetzt werden.
Die Maschinen-Inbetriebnahme erweiterte sich nach dem Wiedererreichen des 97er Zustandes um die Einbindung des zweiten Werkzeugspeichers, des Werkstückumlaufes an der Maschine (Palettenübergabe) und der systematischen Behebung von auftretenden Fehlern. Parallel dazu begann im Depot die provisorische Montage von ca. 5m Gleisanlage, fünf Regalspalten, das Aufstellen des Spann- und Bereitstellplatzes und Einsetzen des Schienen-Transportroboters. Dieser für uns neu-artige Teilkomplex sollte bis zu einer vorführreifen Funktion gebracht werden; und das bei teilweise mangelhaften Unterlagen. Die Arbeiten entsprachen einer Erstinbetriebnahme. Es wurde in den Archiven der ehemals an der Entwicklung und dem Bau des FMS beteiligten Firmen recherchiert, Betreiber des Systems aufgesucht. Sie unterstützten uns im Rahmen ihrer Möglichkeiten und des "noch Wissens" bei Problemen. Die Heckert Werkzeugmaschinen GmbH, Siemens AG / Kundendienst und UNITECH- Maschinen GmbH als Nachfolgebetriebe der ehemaligen Hauptproduzenten erklärten ihre Bereitschaft zur Unterstützung.
Im Ergebnis intensiver Arbeit transportierte der Roboter Paletten zwischen den Lagerplätzen und dem Bereitstell- bzw. Aufstellplatz.
Die Zeit bis zum Herbst 2001 wurde zur weiteren programmtechnischen Inbetriebnahme und zur Behebung von Fehlern genutzt, die im Probebetrieb des Robotersystems und der Bearbeitungsmaschine auftraten. Es wurden Kabel und Steckverbinder zur Erleichterung der Wiederinbetriebnahmen beschriftet, nicht benötigte Systemein- bzw. Systemausgänge in den Steuerungen sauber abgeschlossen. Anschließend ruhten die Arbeiten bei Niles bis Mitte Februar 2002.
Neben den Inbetriebnahmearbeiten im Depot mussten die Aufstellungsbedingungen für das System am künftigen Standort bauseitig abgesichert werden. Trotz umfangreicher Planungsvorgaben stellte sich heraus, dass diese nur bezüglich Elektroenergieversorgung und Druckluftsystem ausreichend berücksichtigt wurden. Die Mindestforderungen: Betondicke des Fußbodens über der Fußbodenheizung von 20 cm und die Versiegelung der oberen Estrichschicht des Bodens waren nicht erfüllt. Daraus leitete sich eine verminderte zulässige Flächenbelastung, verminderte Flächenpunktbelastung bzw. Bohrtiefen für die Befestigungssysteme ab. Bestehende Forderungen durch die Maschinenhersteller versuchten wir durch Sondermaßnahmen zur Lastverteilung beim Transport und im montierten Zustand, durch praktisches Vorführen mit geringeren Geschwindigkeiten und Arbeiten der Maschinen ohne Last einigermaßen einhalten zu können; ein Restrisiko blieb aber erhalten.
Eine erste Ausschreibung für den fachgerechten Transport der in seine Hauptbaugruppen zerlegten Systemteile vom Depot in die neue Ausstellungshalle und zum Ausrichten, Abbohren, Befestigen der Schienenelemente, Maschinen, Spann-, Bereitstellungsplätze und des Hochregallagers vor Ort musste wegen Fristüberschreitung der Baufertigstellung wiederholt werden. Seitens des Bauherrn bestand die Festlegung, dass Antransport der Baugruppen und deren Montage erst nach bauseitiger Übergabe der kompletten Ausstellungshalle erfolgen darf.
Dieser Übergabetermin fand Ende März 2002 statt. Den endgültigen Auftrag zur Umsetzung erhielt die Firma DIW.

Das FMS zieht um

Als konkrete Vorbereitung für den Transport erfolgte im Depot die generelle Reinigung der Systemelemente. Die großen Teile wie Roboter, Maschinen, Regal, Gleise und Steuerschränke wurden in kleinstmögliche Transporteinheiten zerlegt.
Kleinere Ausrüstungsteile und das umfangreiche Zubehör lagerten auf Transportpaletten.

Nach einem exakten Verankerungsplan markierten die Museumsmitarbeiter die Lage der Systemelemente und damit deren Befestigungsbohrungen auf den Hallenboden der neuen Museumshalle. Um einen reibungslosen Ablauf der Arbeiten zu sichern, fanden zwischen der Transport- und Montagefirma und Museumsmitarbeitern Vorortbesichtigungen statt. Der Umzug startete im April 2002; zunächst wurden die Bearbeitungszentren und der Schienenroboter im Depot in den Arbeitsbereich des Hallenkranes "gerollt", der sie anschließend zur Zwischenlagerung auf die Verladerampe bewegte.

Am dritten Tag erfolgte mit dem Hallenkran das Beladen eines Tiefladers. Dieser transportierte die Großteile zum Standort Kappler Drehe. Ein Autodrehkran bewegte die Maschinen in Richtung Halleneingangstor. Dort wurden sie in riskanter Weise auf Stahlbleche abgestellt und danach mittels Rollen, Hubgeräten und Gabelstapler in die Halle geschoben. Als nachteilig erwies es sich, dass nach dem Absetzen mit dem Kran der Schwerpunkt der Güter außerhalb der Hallenkante lag. Der anschließende Transport innerhalb der Halle und das Absetzen an den vorgezeichneten Stellen verlief ohne große Schwierigkeiten. Der Vorteil lag darin, dass die FMS-Baugruppen als erste und in einer durch uns bestimmten Reihenfolge angeliefert wurden.

Der Autokran war einen Tag im Einsatz, der Lastzug benötigte zwei Tage. Durch die gründliche Vorbereitung der Montagearbeiten konnten die Monteure von DIW in der Reihenfolge: Gleis mit Roboter, Bearbeitungszentren, Hochregal, Bereitstell-, Spannplatz und Säulendrehkran alle Baugruppen ausrichten, abbohren, nachrichten und festschrauben.