Vereinskurier - Ausgabe 6 - Dezember 2002

Wolfgang Kunze

Jubiläen der Chemnitzer Industrie - 150 Jahre Webstuhlbau Louis Schönherr

Der Förderverein Industriemuseum Chemnitz e. V. hatte zur zweiten Veranstaltung "Jubiläen der Chemnitzer Industrie" am 01.10 2002 in das IMC eingeladen. Herr Dr. Günter Schmidt begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste im Seminarraum des Museums und stellte die Referenten vor. Herr Prof. Dr. Hans Münch schilderte das historische und ökonomische Umfeld bei der Gründung und während der Existenz des SCHÖNHERR-Webstuhlbaus.

"Unterhalb der Stadt im Chemnitzthale am Eingang des Blankenauer Grundes ohnweit Furth und Glösa liegen die Gebäulichkeiten der sächsischen Maschinenbauwerkstatt, von denen unsere Skizze ein recht übersichtliches Bild geben..." beschreibt Friedrich Georg Wieck den traditions-reichen Industriestandort in seinem 1841/42 erschienenen Werk "Sachsen in Bildern".

Die von Wöhler und Lange gegründete Spinnerei nahm am 21. September 1800 ihren Betrieb auf; bereits 1805 liefen dort 2.100 Spindeln. 1822 wurde das Fabrikgelände von Carl Gottlieb Haubold erworben und 1836 die Sächsische Maschinenbau-Compagnie als Aktiengesellschaft gegründet. Der 1817 in Plauen/Vogtl. geborene Louis Ferdinand Schönherr arbeitete dort ab 1841 bis 1849 und übernahm ab 1854 selbst diese Fabrikanlagen zum Bau von Webmaschinen.
Herr Dr.-Ing. R. Gössl zeigte in seinem Vortrag die Erfolgsgeschichte des Schönherr-Webstuhlbaus auf. Am 01.01.1852 wurde die Firma offiziell in Altchemnitz gegründet und 1854 der erste Webstuhl nach eigenen Konstruktionsunterlagen gebaut.
Bereits 1857 verließ der 1.000. Webstuhl die Fabrikanlagen an der Chemnitz. Bis Ende 1871, also in einem Zeitraum von etwa 20 Jahren, wurden von der Schönherr´schen Fabrik fast 10.000 Webmaschinen gefertigt und verkauft.
1872 erfolgte die Umwandlung in die "Sächsische Webstuhlfabrik AG Chemnitz" und 1880 werden die ersten Teppich- und Plüschwebmaschinen gebaut.
1912 umfasst das Produktionssortiment 84 verschiedene Webmaschinen, dazu Vorbereitungseinrichtungen für die Weberei; in dem Werk sind 1.600 Beschäftigte tätig. Von 1852 bis 1913 wurden insgesamt 125.000 Webstühle verkauft, davon ca. 30 % in das Ausland.

1914 wurde der erste PSD-Webstuhl mit einer Webbreite von 2.000 mm gebaut. 1932 folgte die erste Doppelschlag-Webmaschine.
Auch nach dem 2. Weltkrieg ging der Bau von Webmaschinen weiter; aber nach und nach konzentrierte sich die Produktion des "VEB Webstuhlbau Karl-Marx-Stadt" auf Doppelteppich-Webmaschinen, vor allem für den Export in die UdSSR. Am 11.06.1980 wurde die 1.000. Maschine ausgeliefert. Ab 1983 wurden die wesentlich leiseren Greifer-Webmaschinen produziert, von denen insgesamt 338 Maschinen das Werk verließen.
In einem Teil der Werksanlagen werden auch heute noch Teppichwebmaschinen hergestellt. Die 1998 gegründete SCHÖNHERR-Textilmaschinenbau GmbH gehört heute zur traditionsreichen Schweizer Stäubli-Firmengruppe.
Stolz präsentierten die 66 Mitarbeiter des Unternehmens am 15. September 2002 den Chemnitzer Besuchern die modernste und flexibelste Doppelteppich-Webmaschine der Welt, von der bereits über 100 Maschinen in 15 verschiedene Länder der Welt verkauft wurden.

Den weitaus größeren Teil der denkmalgeschützten - und zum Teil noch leerstehenden Fabrikanlagen - führt man im Rahmen eines von der EU geförderten Projektes einer Nutzung für Kunst und Kultur zu. Dazu sprach im 3. Vortrag des Abends Herr Dipl.-Ing. Thomas Morgenstern, Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Chemnitz.