Vereinskurier - Ausgabe 6 - Dezember 2002

Günter Rudroph, Gerhard Richter

Betrachtungen zum Kunststoffsektor in Chemnitz/Karl-Marx-Stadt

Die Herstellung von Phenolharz wurde 1907/08 dem Holländer Bakeland patentrechtlich geschützt. Er hatte erkannt, dass mit Füllstoffen versetzte Kunstharze sich als Pressstoffe ("Bakelit") für die Massenfertigung eigneten. Durch das Isoliervermögen und die chemische Beständigkeit erwiesen sich Kunstharze als brauchbare Werkstoffe zunächst für die Elektroindustrie. Aber erst Mitte des 20. Jahrhunderts eroberten sich Kunststoffe (makromolekulare Werkstoffe) weitere Anwendungsgebiete, nicht zuletzt als Austauschstoffe für Metalle.
Gegenüber dem in Chemnitz dominanten Bau von Maschinen und Anlagen zur Be- und Verarbeitung textiler und metallischer Rohstoffe bzw. Halbzeuge scheint der Bereich von Maschinen und Anlagen für die Be- und Verarbeitung von Kunststoffen, ohne Bedeutung zu sein. Die nähere Betrachtung dieser Spezialdisziplin des Maschinenbaus lässt unter heutigen Gesichtspunkten aber einige interessante Aktivitäten erkennen.
In den USA hatte zwischen 1938 und 1950 die Verwendung von Kunststoffen etwa fünfmal mehr zugenommen als in Deutschland. So ergab sich nach dem Krieg hier ein großer Nachholbedarf und - als notwendige Voraussetzung - die Entwicklung von Kunststoffverarbeitungsmaschinen. Als einer der ersten Betriebe in Chemnitz hat sich der VEB Erste Chemnitzer Maschinenfabrik (ehem. Haubold AG) mit der Herstellung von Maschinen für die Verarbeitung von Kunststoffen (z. B. PVC-Folien) beschäftigt. Wenn man von der Schaumchemie und der Verarbeitung textiler Kunstfasern einmal absieht, war in der DDR die Entwicklung von Maschinen zur Herstellung von Bauelementen und Gebrauchsgütern aus Kunststoff aber zunächst Aufgabe und Anliegen des Werkzeugmaschinenbaues. Im 1964er Erzeugniskatalog der Industrievereinigung Werkzeugmaschinen und Werkzeuge (WMW) wurden Kunststoffpressen und Kunststoffspritzgießautomaten von drei Betrieben in etwa 20 Varianten angeboten, wobei der Schwerpunkt der Hersteller im sächsischen Raum lag. Für die zentrale fachliche Betreuung wirkte die Fachabteilung Kunststoff-verarbeitende Maschinen im Institut für Werkzeugmaschinen (IfW) Karl-Marx-Stadt. Hier wurden auch neue Maschinen zur Kunststoffverarbeitung als Ergänzung des Erzeugnissortimentes ver-schiedener Auftraggeber entwickelt. Durch Erarbeitung von Fachbereichsstandards auf dem Gebiet der Spritzgießmaschinen (z. B. TGL 16490), orientierte man auf einen baukastenmäßigen Aufbau und damit reduzierte Typenvielfalt.

Noch bevor der Neubau des IfW in Altchemnitz (Annaberger Straße) entstand, wurden im IFA-Entwicklungswerk (FEW) bzw. im VEB Zentrale Entwicklung und Konstruktion (ZEK) auf der Kauffahrtei, die Weichen für die erste duroplastbeplankte Karosserie für Serien-Autos (P 50, P 70) gestellt. Allein vom Kleinwagen "Trabant" mit seinen verschiedenen Entwicklungsstufen wurden dann von 1957-1991 über 3 Mill. Exemplare in Zwickau und Meerane gefertigt. Eine der eigens für die Karosserieteile entwickelten Hydraulischen Pressen ist heute im Zwickauer Automobilmuseum "August Horch" zu sehen.
1965 wurde die Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB) Plast- und Elastverarbeitungsmaschinen Karl-Marx-Stadt gebildet. Neben dem VEB Erste Maschinenfabrik Karl-Marx-Stadt (Stammbetrieb), gehörten der VEB Pressenwerk Freital, der VEB Plastmaschinenwerk Wiehe, der VEB Werkzeugmaschinenfabrik Johanngeorgenstadt, der VEB Plasttechnik Greiz sowie Betriebe des Werkzeugbaus dazu. Unter dem Warenzeichen "TRUSIOMA" wurden verschiedene spezialisierte Maschinen der Kunststoffverarbeitung für das Inland und den Export hergestellt. Als Forschungs- und Entwicklungszentrum entstand unter Einbeziehung der IfW-Fachabteilung das Wissenschaftlich-Technische Zentrum Plast- und Elastverarbeitungsmaschinen (WTZ PEM) Karl-Marx-Stadt. Durch den Neubau des VEB Plastmaschinenwerkes Schwerin wurden 1974 die Fertigungskapazitäten des Industriezweiges wesentlich erweitert.
Mit der weiteren Entwicklung neuer Kunststoffarten und Kautschukmischungen (z. B. der Einführung der Gießharze, spezieller Duroplast- und Elastwerkstoffe) erweiterte sich sowohl der industrielle als auch der handwerksmäßige Einsatz der neuen Werkstoffe und der zugehörigen Arbeitsmittel.
Zu den Aufgaben des WTZ PEM Karl-Marx-Stadt gehörten zunehmend Grundsatzuntersuchungen und Festlegung von Entwicklungsrichtlinien für die den Industriezweig bestimmenden Haupterzeugnisse: Spritzgießmaschinen, Extrusionsaggregate und die zur Lieferung kompletter Anlagen erforderlichen Aufbereitungsmaschinen.
Der Einfluss des WTZ PEM zeigte sich besonders am Beispiel der Entwicklung der Spritzgießmaschinen, wo es bei verfahrenstechnischen Grundsatzuntersuchungen und dazu entwickelten Maschinenbaugruppen gelang, diese mit speziellen nach Kunststofftypen für verschiedene Thermoplaste, als auch für thermoreaktive Duroplaste und für Kautschukmassen modifizierte Plastizierschnecken auszurüsten. Mit der im Einstufenverfahren produktiv arbeitenden Spritzgieß-maschine konnte so eine große Werkstoffpalette verarbeitet werden.
Kunststoffverarbeitende Maschinen, insbesondere solche für das Spritzgießen, haben ein hohen Anteil hydraulischer Ausrüstungen. Durch gute Zusammenarbeit des WTZ PEM mit der Fachabteilung Hydraulik im IfW und dem VEB Industriewerke Karl-Marx-Stadt (Kombinat ORSTA-Hydraulik) ergaben sich - territorial begünstigt - Synergieeffekte hinsichtlich der Qualität und bei Automatisierungslösungen. Eine enge Zusammenarbeit entwickelte sich von Seiten des WTZ PEM auch mit dem Institut für Plast- und Elasttechnik der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt und dem Institut für Hochpolymere der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Leipzig.

Eine erweiterte Aufgabenstellung in Forschung und Entwicklung erfuhr 1980 das WTZ PEM durch die Eingliederung als BT Karl-Marx-Stadt in das Forschungs- und Entwicklungszentrum für Umformtechnik und Plastverarbeitung Zwickau (Kombinat Umformtechnik Erfurt).
Das IfW wurde 1969 durch Zusammenschluss mit den Karl-Marx-Städter Industrieinstituten ZIF und IWV zum Großforschungszentrum des Werkzeugmaschinenbaus Karl-Marx-Stadt zusammen-gelegt. An die Stelle der Entwicklung von Werkzeugmaschinen für die Kunststoffverarbeitung trat jetzt die Untersuchung des Kunststoffeinsatzes im Werkzeugmaschinenbau durch eine weitere Fachabteilung; Labors und Werkstätten erlaubten eine Versuchsmusterfertigung. Der Arbeits-umfang reichte von Bauteilen aus GUP, PUR-Strukturschaum und Thermoplasten über das Plastbeschichten von Metallen oder dem Metallisieren von Plasten bis zu ersten Arbeiten mit carbonfaserverstärkten Maschinenbauteilen.
So stand z. B. in Zusammenhang mit der Nassbearbeitung auf NC-Bearbeitungszentren die Anforderung zur Einhausung des Arbeitsraumes. Bearbeitungszentren und Entspanstationen wurden daraufhin mit einer Rahmenkonstruktion aus Stahlleichtbauprofilen versehen, die mit modularen Flächenelementen beplankt, eine ästhetische Maschinengestaltung ermöglichte. Die Verwendung von Kunststoff für die vorgeformten Wandelemente gewährte eine dichte und korrosionsbeständige Arbeitsraumeinhausung. Für die Flächenelemente kamen als Halbzeuge vorzugsweise Tafeln aus PVC-VM in der Abmessungen 1 x 2 m zum Einsatz. Die Platten wurden schüsselförmig durch Tiefziehen vorgeformt und dadurch ausgesteift.
Die Ergebnisse konnten zu einem hohen Prozentsatz in die betriebliche Fertigung überführt werden. Durch Beiträge in Fachzeitschriften wurde die Fachwelt über Ergebnisse und Erkenntnisse informiert.

Der VEB Erste Maschinenfabrik musste im Laufe der Zeit verschiedene Änderungen in der Zuordnung über sich ergehen lassen. Als nach dem V. und VI. Parteitag der SED das "Chemieprogramm" realisiert wurde, war die ERMAFA wichtiger Zulieferbetrieb für die Großprojekte Polymer 50 bzw. 60. Ab 1978, als neuer Betrieb des VEB Kombinat TEXTIMA, lieferte die Erste Maschinenfabrik Maschinen u.a. für die Chemieseidenproduktion. 1987 wurde die ERMAFA durch den VEB Chemieanlagenbaukombinat Leipzig-Grimma übernommen. Am 1. April 1990 wurde der Betrieb als Erste Chemnitzer Maschinenfabrik GmbH zum Treuhandunternehmen und 1993 unter Beteiligung des Unternehmers Hans Hörmann der Teilbereich Proficenter "Maschinenbau" privati-siert. Damit entstand das heutige Unternehmen ERMAFA Kunststofftechnik Chemnitz GmbH & Co. KG (Otto-Schmerbach-Straße) Das Fertigungsprogramm enthält: Recycling-, Schneckenextruder- und Kalander-Anlagen, Innenmischer und Walzwerke. Die ERMAFA gehört damit zu den wenigen Betrieben, die als Hersteller von Maschinen zur Verarbeitung von Kunststoffen in Ostdeutschland die "Wende" überlebten. Lediglich der Werkzeug- und Formenbau ist mit mehreren Firmen in Mittelsachsen noch gut vertreten.

Auch hier fehlt es nicht an Tradition. In den zwanziger Jahren des 20. Jh. kam es auch bei den Werkzeugherstellern Südwestsachens im Bemühen um neue Absatzbereiche zur ersten Herstellung von Werkzeugen zum Verarbeiten von Kunstharz-Pressstoffen (Bakelite) z. B. bei der Fa. Bernhard Hiltmann in Aue. Wie bei Schnitt- und Umformwerkzeugen kamen früh schon vereinheitlichte Bauelemente (Normalien) zum Einsatz. Inzwischen haben sich auch neue, darauf spezialisierte Betriebe in der Umgebung angesiedelt (z. B. die Firmen EOC Chemnitz und Hasco Schmölln).

Kunstoffverarbeitende Betriebe in Chemnitz und dessen näherer Umgebung sind auch heute noch relativ zahlreich vorhanden. Als größter Betrieb sei die KUNEX Kunststoff-Extrusions- und Verarbeitungs-GmbH (Beyerstraße) erwähnt. Auch am Institut für Konstruktion und Verbundbauweisen der TU Chemnitz werden technologische Forschungsarbeiten insbesondere hinsichtlich des Carbonfaserverbundes geleistet. Weitere kunststoffverarbeitende Betriebe sind im Raum Chemnitz-Zwickau als Zulieferer für die Automobilindustrie tätig (z. B. Preguform Meerane).

Auf dem Gebiet des Baues von Kunststoffverarbeitungsmaschinen ist die Stadt Chemnitz kein dominierendes Zentrum mehr. Die vollbrachten Leistungen in den zurückliegenden Zeiten rechtfertigen aber auch auf diesem Gebiet das Erinnern an wichtige lokale Beiträge zur technischen Entwicklung.