Museumskurier - Ausgabe 19 - Juni 2007

Günter Rudroph/Joachim Weinert

Wotan & Zimmermann AG, Glauchau

Als am 6. September 1899 in der Meeraner Straße 25 in Glauchau die Maschinenfabrik Höffinghoff & Schmidt GmbH gegründet wurde, war an dem Unternehmen auch der Zeugschmied Theodor Keil beteiligt. Diese neue Maschinenfabrik wurde aber bereits ab dem 12. Oktober 1900 umstrukturiert; es entstand die "Deutsche Maschinen- und Werkzeugfabrik GmbH", Glauchau.

Zum Herstellungsprogramm gehörten insbesondere Kurzhobelmaschinen ("Shaping-Hobler") in verschiedenen Baugrößen, die guten Absatz fanden. Als Gründer werden der bereits genannte Theodor Keil und Fritz Schmidt genannt. Die Gesellschaft verlegte dann ihren Sitz nach Leipzig und betrieb Zweigstellen in Glauchau und Bukarest. 1903 wird Theodor Keil alleiniger Geschäftsführer in Glauchau. Von der guten Auftragslage ermuntert, erfolgen 1903-1906 Baumaßnahmen in Glauchau, die eine verbesserte und erweiterte Produktion brachten sowie die Energieversorgung sicherten.

Etwa 1905 begann die Herstellung von Hobelmaschinen mit Stufenscheibenantrieb für den Anschluss an ein Deckenvorgelege der zentralen Transmission. Gleichzeitig baute man die ersten Hobelmaschinen mit Elektroantrieb in fünf verschiedenen Modellen mit Hublängen von 325 - 750 mm.

Ende 1905 wurde die Niederlassung in Bukarest aufgelöst und im November 1906 verließ Fritz Schmidt das Glauchauer Unternehmen. Aus den Betrieben Deutsche Maschinen und Werkzeuge GmbH in Leipzig und Glauchau entstanden am 1. Juli 1909 die Wotan-Werke AG Leipzig. Ziel des Unternehmens ist die "Fabrikation und Vertrieb von Maschinen und Werkzeugen aller Art und verwandte Artikel, sowie die Beteiligung an anderen gleichartigen Unternehmungen."

Der neue Vorstand wurde gebildet von Fritz Schmidt, Julius Oeckinghaus (beide Leipzig) und Theodor Keil (Glauchau). Sitz der Aktiengesellschaft war Leipzig, Czermaksgarten 2/4. Die Firma warb auf ihrem Briefkopf, dass sie auf 1.500 m² Ausstellungsfläche das größte Lager an Werkzeugmaschinen und Werkzeugen in Sachsen besitzt.

Im Februar 1918 zog sich Theodor Keil aus der Leitung der Aktiengesellschaft zurück, verblieb jedoch als Privatmann noch bis 1922 im Vorstand. Am 1. Juli 1918 wurde die Chemnitzer Werkzeugmaschinenfabrik Mossdorf & Mehnert (Hersteller von Fräsmaschinen) übernommen.

Ende 1925 umfasste die Aktiengesellschaft der Wotan-Werke folgende Betriebsteile:

  • Verwaltung und Ausstellungslager Leipzig (Zentrale) und ein Werk in Leipzig-Plagwitz,
  • Werk Glauchau: Meeraner Straße 25,
  • Werk Chemnitz: Augustusburger Str 29-31, Dresdner Straße 52 / Palmstraße 5 und
  • Werk Berlin-Charlottenburg (Rotos-Werke): Charlottenburger Ufer 17.


Wegen der durch Geldentwertung und den durch den Niedergang der Wirtschaft nach dem 1. Weltkrieg eingetretenen Verlusten wurde Anfang 1928 eine Sanierung der Gesellschaft notwendig. Der rückläufige Absatz war unter anderem - neben mangelnder Kaufkraft - auch dem großen Angebot von gebrauchten Werkzeugmaschinen geschuldet, welche durch die hohe Zahl von Firmenpleiten auf dem Markt waren. Die Belegschaft wurde reduziert; die Grundstücke in Leipzig kamen 1928 zum Verkauf. Der Aktienumlauf erfuhr eine Neuordnung. Nach Umbewertung des Grundkapitals (auf 487 TRM) und der Neuausgabe von Aktien (503 TRM) erhöhte sich das Grundkapital auf 1.000 TRM. Als neuer Aktionär trat die Comerz- und Privatbank AG Berlin und ein Dr. Heinrich Wirtz (Düsseldorf) auf, der am 21. Februar 1929 zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates gewählt wurde (Dr. Wirtz war Rechtsanwalt von Heinrich Sonnenberg, der zunehmend Aktien erworben hatte). Der Geschäftsbericht 1928/1929 wies erstmalig die Aktienbeteiligung von Herrn Sonnenberg in Höhe von 520 TRM aus. Es erfolgte also praktisch der Verkauf der Aktiengesellschaft Wotan-Werke Leipzig an Heinrich Sonnenberg (1895-1974). Dieser war Besitzer der Sonnenberg AG, Düsseldorf, Graf-Adolf-Straße 91a, mit Niederlassungen in Berlin, London, Mailand, Brüssel und Paris. Diese Aktiengesellschaft beschäftigte sich insbesondere mit dem Aufkauf kapitalschwacher Unternehmen zwecks partieller oder vollständiger Weiterveräußerung.

Bereits im Bericht des Vorstandes der Wotan-Werke AG über das Geschäftsjahr 1927/1928 wurde der Vorschlag unterbreitet, den gesamten Betrieb der Zimmermann-Werke AG Chemnitz zu übernehmen. Ein entsprechender Vertrag wurde ausgearbeitet und am 8. April 1929 unterschrieben. Das Unternehmen hieß nach der Neuordnung ab dem 12. Juli 1929: Wotan- und Zimmermann-Werke AG.

Im August 1929 wurde der Sitz des Unternehmens zunächst nach Chemnitz (Emilienstraße 35), aber im Juni 1931 nach Düsseldorf, Graf-Adolf-Straße 91a, verlegt. Das Areal der ehemaligen Zimmermann-Werke AG wurde aufgegeben. Die Firma nannte sich nun: Wotan- und Zimmermann-Werke AG Düsseldorf, Werkzeugmaschinenfabrik Düsseldorf-Leipzig-Berlin-Chemnitz-Glauchau.

Mit Stand vom 30. Mai 1931 sind nachstehende Aktienanteile bekannt:

  • Heinrich Sonnenberg  510.000 RM
  • Dr. Heinrich Wirtz  309.000 RM
  • Julius Oeckinghaus  21.640 RM
  • Comerz- und Privatbank, Düsseldorf  82.960 RM

Bereits Anfang der 1930er Jahre wurde die Produktion von Schleifmaschinen aufgenommen und die Firma nahm dabei eine erfolgreiche Entwicklung. Dabei erfolgte teilweise die Fertigung nach Unterlagen der Fa. Rotos Berlin (die Niederlassung in Berlin war indes mit Wirkung vom 1. Juni 1929 aufgelöst worden). Hergestellt wurden u. a. Innenrund-, Werkzeug-, Flächen- und Zahnflankenschleifmaschinen.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verließ Heinrich Sonnenberg Deutschland. Der Besitz ging offiziell an die Barton Maschinery Ltd. London über, deren Besitzer ebenfalls Heinrich (Henry) Sonnenberg war.

Am 1. Januar 1938 wurde die Zahnräder- und Maschinenfabrik Rabenstein GmbH (ZAFA), Forststraße. (heute: Chemnitz, Weigandstraße), in den Besitz der Wotan- und Zimmermann-Werke AG übernommen. Hier erfolgte die Herstellung von Zahnrädern und Getrieben mit ca. 150 Beschäftigten.

Auf der außerordentlichen Hauptversammlung der Aktionäre vom 7. Mai 1938 wurde die Verlegung des Hauptsitzes der Gesellschaft nach Glauchau beschlossen. Neben den Kurzhobelmaschinen wurden in Glauchau Innenrund-, Rundtisch-, Senkrecht-, Waagerechtflächen-, Zahnflanken- und Werkzeugschleifmaschinen hergestellt. 1939 konnten dann noch ein kleiner Betrieb in Meerane, die Phönix-Werke, käuflich erworben werden.

Mit Beschluss des OLG Dresden vom 03. August 1940 wurde aufgrund der VO über die Behandlung "Feindlichen Vermögens" vom 16. Januar 1940 (RGBl, Teil I, S. 191) die Verwaltung des Unternehmens angeordnet. Verwalter wurde der Präsident der Industrie- und Handelskammer Düsseldorf, Dipl.-Ing. Zucker. Die Funktionen des Aufsichtsrates der Gesellschaft ruhten; die Mitglieder des Vorstandes waren als Bevollmächtigte des Verwalters tätig. Am 13. Januar 1943 hat der Verwalter mit Zustimmung des Reichskommissars für die Behandlung feindlichen Vermögens und mit Bestätigung des OLG Dresden, die Erhöhung des Grundkapitals von 1.250 TRM auf 2.500 TRM beschlossen.

Produktionsübersicht im Werk Glauchau während des 2. Weltkrieges:
 
Jahr                     Arbeitskräfte         Hobelmaschinen         Schleifmaschinen  
1939                          463                        718                            339
1943                          563                        127                            502
1945 (bis 30.06.)        461                                                         165

Die Aufträge des Betriebes umfassen Arbeiten für das "Wälzlager"- und das "Jägerprogramm" sowie die Reparatur beschädigter Werkzeugmaschinen. Die Arbeitszeiten betrugen in den Kriegsjahren teilweise bis zu 72 Stunden in der Woche. Der Glauchauer Betrieb überstand nahezu unbeschadet den Krieg. Nach Kriegsende 1945 erfolgte jedoch eine völlige Demontage des Glauchauer Werkes, die bis zum Frühjahr 1946 andauerte.

Die Demontage war insbesondere deswegen umstritten, da in der Aktiengesellschaft englisches Kapital steckte. Der Rückbau betraf auch den Großteil der Gebäude. Stehengeblieben sind der Kopfbau des Verwaltungsgebäudes, der Waschraum, Garagen, die Lehrwerkstatt, Küche und Speisesaal, Härterei, Tischlerei und das Kesselhaus mit dem Schornstein (ohne Kessel). Nach der Demontage blieben in Glauchau noch elf Arbeitskräfte. Aufräumungsarbeiten erfolgten zur Bergung von Restwerten und Nutzbarmachung von Räumen (oft in unbezahlten Arbeitseinsätzen). Mit der eigentlichen Produktion konnte in Glauchau erst 1948 wieder bescheiden begonnen werden. Der Betrieb firmierte noch als Wotan und Zimmermann-Werke AG Glauchau. Für den Wiederbeginn blieben nur der ehemalige Spindelbau, das Waschhaus und Garderoben. Zu-nächst wurden beschädigte Maschinen für den Eigenbedarf und für Fremdfirmen repariert. Von früheren Erzeugnissen waren außerdem erst wieder technische Dokumentationen zu erstellen. Am 1. Oktober 1949 wurde Oswald Leusche als kommissarischer Betriebsleiter eingesetzt. Noch im gleichen Jahr erscheint die Firma unter der Bezeichnung Wotan- und Zimmermannwerke AG Glauchau:

  • Im BT (Chemnitz-)Rabenstein unterlagen nur verschiedene Einrichtungen der Demontage. Dieser Betriebsteil wurde später an das Kombinat IFA, Werk Hohenstein-Ernstthal vermietet.
  • Der BT Meerane (ca. 50 Beschäftigte) entkam der Demontage und konnte mit der Fertigung noch im Jahre 1945 wieder beginnen (zunächst erfolgten Reparaturleistungen). Nach 1990 wurde der Betrieb geschlossen und in den späten 1990er Jahren abgerissen).
  • In Düsseldorf entstand aus der dortigen Filiale die Firma WOTAN VWF. Wotan Düsseldorf gehört seit 1949 zur Hunter Douglas Gruppe, deren Eigentümer die Familie Sonnenberg ist. 1990 wurde die Fertigung von Düsseldorf nach Brasilien verlegt und zehn Jahre später an die US-amerikanische Taurusgruppe verkauft. Die neue Firmenbezeichnung lautet "Taurus Wotan" und es werden Horizontalbohrwerke gefertigt.


Gemäß der Verordnung über die Verwaltung und den Schutz des ausländischen Eigentums in der DDR vom 06. September 1951, wurde die Verwaltung des Betriebes in Glauchau der VVB WMW (Sitz Chemnitz, Oberfrohnaer Straße) übertragen. Zum VEB wurde der Betrieb erst 1969 umgwandelt.¹