Museumskurier - Ausgabe 19 - Juni 2007

Thomas Morgenstern

Neue Nutzung für Sachsens älteste Fabrik

Die Industrialisierung in Sachsen begann 1798 mit der Gründung der ersten Baumwollspinnerei durch die Kaufleute Carl Friedrich Bernhard und Johann August von Bugenhagen im Chemnitzer Raum. Eine frühere Fabrikgründung ist der Industriegeschichtsforschung bislang nur im Rheinland bekannt.

Der sächsische Kurfürst verlieh den Gründern dafür auf Antrag ein "Privilegium exclusivum" zur Betreibung dieser Spinnerei mit Mule-Maschinen nach englischem Vorbild; von nun an durfte innerhalb von zehn Jahren keine weitere Fabrik dieser Art in Sachsen errichtet werden. Im damaligen Vorort Harthau wurde diese erste Maschinenfabrik von 1798 bis 1806 durch Baumeister Johann Traugott Lohse errichtet. Bereits 1801 zog Bugenhagen jedoch seine Anteile aus der Fabrik zurück. Als dann Bruder Carl Philipp Bernhard in die Firma eintrat, nannte sich diese Spinnerei Gebr. Bernhard.

Zur Industriegeschichte

Gründungsbau der Anlage ist die bis heute erhaltene Spinnmühle von 1799, ein langgestrecktes dreigeschossiges Gebäude mit einer weiteren Produktionsetage im mächtigen Mansard-Walmdach. Durch Anlegung eines Wassergrabens von der Würschnitz wurden über ein großes Mühlrad und Transmission erstmalig Systeme von Spinnmaschinen in den großen Sälen des mehrgeschossigen Produktionsgebäudesbetrieben: Der Wechsel von der Manufaktur zur Fabrik nach englischem Vorbild war vollzogen. Der eher sachliche Zweckbau ist im spätbarocken bzw. frühklassizistischen Stil gehalten. Hauptschauseite ist der Ostgiebel mit reich gestaltetem Eingangsportal in einer baulich hervorgehobenen bis in den Dachbereich geführten Mittelachse. Die Fenster besitzen Einfassungen aus Hilbersdorfer Porphyr, die mächtigen Mauern bestehen aus Harthauer Chloritschiefer. Noch während seiner Errichtung begann der Bau des zweiten Fabrikgebäudes, das den zeittypischen Dachreiter in Form eines Uhrenturmes trug (es wurde 1916 abgetragen, um dem Verwaltungsgebäude der benachbarten gründerzeitlichen Kammgarnspinnerei an gleicher Stelle Platz zu machen). 1804-06 ergänzte Johann Traugott Lohse noch als dritten Flügel des hofartig gruppierten Ensembles das repräsentative Wohn- und Kontorhaus der Bernhards in ausgeprägten Formen des Klassizismus; dieses dokumentiert den raschen Aufschwung des Unternehmens. Dazu erstreckte sich ein herrschaftlicher Park vom Wohngebäude insüdlicher Richtung bis zur Würschnitz. An der vorbeiführenden Klaffenbacher Straße entstand später in Fachwerkbauweise noch eine zweigeschossige Fabrikschule mit Lehrerwohnung. Das erhaltene Ensemble der Bernhardschen Spinnerei dokumentiert wie kein anderes Monument den Übergang vom Manufakturwesen zur fabrikmäßigen, industriellen Produktion an der Schwelle zum 19. Jahrhundert. Die sogenannte industrielle Revolution wurde von engagierten Pionieren wie z. B. Carl Friedrich Bernhard in Gang gesetzt und ließ das Kurfürstentum Sachsen zum ersten Industriestaat auf deutschem Boden werden. Die Stadt Chemnitz, bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert häufig als "sächsisches Manchester" tituliert, hatte daran einen überragenden Anteil. Die Bernhardsche Spinnerei kann somit als äußerst bemerkenswertes Symbol der sächsischen Industriegeschichte und deren Identität gelten.

Sanierungsbeginn im Mai 2003

An der über viele Jahre leerstehenden und dem stetigen Verfall preisgegebenen Spinnmühle, begannen am 20. Mai 2003 die konstruktiven Sicherungsarbeiten. Aufgrund von starkem Befall durch den echten Hausschwamm war die desolate historische Bausubstanz nur durch einen grundhaften Eingriff in alle Holzbalkendecken, den Drempel und das Mansarddach noch zu retten.

Um den andauernden Verfall durch weitere Witterungseinflüsse zu stoppen, wurde bereits im November 2001 ein Wetterschutzdach über das Industriedenkmal gestellt und für den Zeitraum bis zum Baubeginn vorgehalten. Begründet durch das große öffentliche Erhaltungsinteresse und den dringenden Handlungsbedarf, konnte diese erste Notsicherungsmaßnahme vollständig aus Denkmalfördermitteln des Freistaates Sachsen und der Stadt Chemnitz finanziert werden.

Die dringlichen Sanierungsarbeiten an Mauerwerk, Decken und Dach im Umfang von über 600.000 € wurden im Auftrag der Stadt, unterstützt durch Fördermittel aus dem Förderprogramm EFRE "Stadtentwicklung" (Teil C - Revitalisierung von Brachflächen), ausgeführt. Das Förderprogramm dient dazu, die Kommunen bei der Vorbereitung brachgefallener Industrieareale und Gebäude zu unterstützen, um die Chancen für private Nachfolgeinvestitionen zu erhöhen. Die seit 2001 mit dem potentiellen Investor Pro Civitate gGmbH aus Bochum bzw. Halle laufenden Verhandlungen der Stadtverwaltung konnten im Dezember 2002 mit der Unterzeichnung des Kaufvertrages positiv zu Ende geführt werden. Zuvor erwarb die Stadt die zwei desolaten Gebäude von der GGGmbH. Gleichlaufend wurde die Sanierungsplanung erstellt und die Baugenehmigung für das Fabrikgebäude erteilt.

Umnutzungskonzept des Investors Pro Civitate gGmbH

Pro Civitate gGmbH ist ein freigemeinnütziger Träger von Einrichtungen der Altenpflege und Wohnstätten für behinderte Menschen mit Hauptsitz in Bochum. Es ist auch kein Zufall, dass Pro Civitate schon mehrfach gezeigt hat, dass die Bewahrung und denkmalgerechte Umgestaltung historischer Gebäude zur Anpassung an die Erfordernisse zeitgemäßer Pflege möglich ist und auf diese Weise individuelle, unverwechselbare Einrichtungen von hohem Wohnwert entstehen. Das Altenpflegeheim in Chemnitz-Harthau in der "Bernhardschen Fabrik" ist aber sicherlich das historisch bedeutsamste Bauwerk.

So entstanden im Altenpflegeheim "Fabrikgebäude mit Erweiterungsbau" 43 Einzel- und 15 Doppelzimmer, fast alle mit eigenen, barrierefreien Bewohnerbad ausgestattet. Das Kontorgebäude wurde mit der Umgestaltung in altersgerechte Wohnungen in das Betreuungskonzept des Trägers eingebunden. Hier entstanden 1,5- bis 2-Raum-Wohnungen und ein Gemeinschaftsraum. Die originalen klassizistischen Architekturelemente der Fassaden, die Freitreppe, die Kolossalsäulen sowie noch vorhandene Türen und die bemalten Stuckdecken einiger Innenräume wurden restauriert. Für die Förderung dieser Mehraufwendungen am Denkmalobjekt hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz einen beträchtlichen Beitrag gegeben. Die feierliche Eröffnung des Seniorenheimes "Alte Manufaktur Bernhardt" erfolgte am 27. März 2007.

In einem separaten Raum des Spinnereigebäudes wurde für interessierte Besucher eine industriegeschichtliche Darstellung zur ersten Maschinenspinnerei Sachsens eingerichtet.