Museumskurier - Ausgabe 19 - Juni 2007

Wolfgang Hähnel

Die erste deutsche Zentrifuge kam aus Chemnitz

Die sogenannte Fliehkraft, auch Trägheitskraft, entsteht, wenn sich ein Körper um seine eigene Achse dreht; sie ist senkrecht zur Drehachse nach außen gerichtet. Dies ist auch das Wirkprinzip, welches in einer Zentrifuge ausgenutzt wird. Sie wird als ein Gerät zum Trennen, Klären, Filtrieren oder Trocknen von Stoffen, die in schnell rotierenden Gefäßen (sogenannten Sieb- oder Vollmanteltrommeln) großen Fliehkräften ausgesetzt werden, beschrieben.

Vom 16. Oktober 1838 datiert ein Gesuch an das Sächsische Innenministerium für ein Einführungsprivileg, um eine Zentrifuge bauen zu können. Gemäß einer beiliegenden Skizze baute 1840 die Maschinenfabrik C. G. Haubold jr. in Chemnitz die erste Zentrifuge in Deutschland. In Gegenwart des Amtshauptmanns von Pohlenz erfolgte am 15. Januar 1841 in der Chemnitzer Bleicherei Kloß die Erprobung. Das positive Ergebnis besagte: "... daß in 3 Minuten je 9 Dutzend triefend nasse Strümpfe entwässert wurden ...". Dies war der Grundstein für die Zentrifugenfertigung in der Firma Haubold, die sich darin zum größten und leistungsfähigsten Unternehmen in Deutschland im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entwickelte.

Das Einsatzgebiet der Zentrifugen lag anfangs nur im Bereich der Textilbehandlung bzw. -veredelung, wie Vortrocknung von Wäsche oder Garnen nach dem Waschen, Färben oder der Appretur. Schnell fand das Prinzip des Zentrifugierens auch Verwendung in der Nahrungsgüter- und der Maschinenbauindustrie (Entölen von Bearbeitungsspänen), aber auch Eingang in der chemischen Industrie. In letzterer wirkten die Patente der Fa. Haubold bereits 1877 mit einer beständig wirkenden und 1912 mit einer automatischen Großleistungszentrifuge bahnbrechend. Das Haupteinsatzgebiet blieb die Bearbeitung von textilen Materialien, markant ist der Einsatz zur Vortrocknung von Wäsche in Wäschereien oder in den Wasch- und Mangelstuben der Wohnsiedlungen.

Die Erste Chemnitzer Maschinenfabrik führte nach dem 2. Weltkrieg die Fertigungstradition der Haubold AG fort. Aus dem Bedarf für die Bevölkerung heraus, wurde 1954 eine Haushalt-Wäsche-Zentrifuge für den direkten Einsatz in Wohnungen entwickelt, die Wäscheschleuder HWZ 300. Im Zeitraum von 37 Jahren - bis zur Einstellung der Fertigung - wurden neun von zehn in der "Ermafa" entwickelten Varianten in die Produktion überführt. Von einer manuellen bis zur Großserienfertigung wurden über 2,7 Mio. Schleudern hergestellt, wobei ca. 700.000 Stück auf eine Tischschleuder entfallen.

Das letzte Modell, die HWZ 3.10, erhielt kurz nach der Wirtschaftsunion das TÜV-Gütesiegel "GS"; aus konjunkturellen Gründen wurde die Fertigung 1991 aber eingestellt.