Museumskurier - Ausgabe 19 - Juni 2007

Katja Müller

Der Streit um das weiße Gold

Wer liebt es nicht, das weiße, reine Meißener Porzellan. Über seine Schönheit und seinen Wert besteht bei Experten und Laien heutzutage Einigkeit - nicht aber darüber, wem man die Ehre zuschreiben soll, dieses edle Material in Europa erfunden zu haben. Nun, fast 300 Jahre nach der Entwicklung des ersten europäischen Hartporzellans tobt der Kampf um die Erfinderkrone stärker denn je. Historiker und Chemiker, Porzellanhersteller und Nachfahren diskutieren über eine Frage: Johann Friedrich Böttger oder Ehrenfried Walther von Tschirnhaus?

Ehrenfried Walther von Tschirnhaus und Johann Friedrich Böttger trafen sich zum ersten Mal im März 1702. Tschirnhaus war zu diesem Zeitpunkt bereits 50 Jahre alt, ein studierter und angesehener Naturwissenschaftler. Schon zwei Jahrzehnte zuvor war er auf Grund seiner wissenschaftlichen Verdienste als erster Deutscher zum Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften ernannt worden. Er hatte schon über viele Jahre systematische Versuche mit Erden und Silikaten bei hohen Temperaturen durchgeführt und in diesem Zusammenhang 1694 das erste Mal die Herstellung von "Porzellan" erwähnt. Zu dieser Zeit bezog sich der Begriff "Porzellan" jedoch auf verschiedenste Arten von Keramik, so dass heute nur noch schwer nachzuvollziehen ist, wie weit ihn die Versuche schon in die Nähe des echten Hartporzellans nach chinesischer Art gebracht hatten.

Als Tschirnhaus 1696 dem Kurfürsten August dem Starken die Gründung von Glas- und Porzellanmanufakturen vorschlägt, beginnt der 14jährige Böttger in Berlin mit seiner Ausbildung zum Apotheker; er hat großes chemisches Talent. Sehr zum Leidwesen seines Lehrmeisters Friedrich Zorn nutzt er dieses jedoch vor allem zu allerlei alchimistischen Experimenten auf der Suche nach dem Stein der Weisen und einer Rezeptur zur Herstellung von Gold. Die Behauptung diese gefunden zu haben, lassen 1701 sowohl Friedrich I. von Preußen als auch August den Starken von Sachsen - beide in Geldnot - nach dem jungen Apotheker fahnden. August gewinnt die Jagd und sperrt Böttger in ein Dresdner Laboratorium.

Dort treffen Böttger und Tschirnhaus zusammen. Mit von der Partie ist auch der Bergbaubeamte Pabst von Ohain, der als Metallurge, Bergwerks- und Hüttenfachmann Materialien und Gerätschaften bereitstellt. Nicht mehr die Suche nach der Rezeptur zur Herstellung von Gold steht im Mittelpunkt, sondern die Herstellung von Porzellan. Dies ist ganz im Sinne Tschirnhaus´, den schon länger dieses Rätsel umtreibt, und auch Böttger weiß oder ahnt, dass er kein Gold herstellen kann und so seinen Kopf aus der Schlinge ziehen will.

Wer von beiden die Leitung innehatte, beziehungsweise wer wen beaufsichtigte, darüber streiten heutzutage die Gelehrten. Ob der 30 Jahre ältere, erfahrene und umfassend gebildete Tschirnhaus wohl einen Jungsporn wie Böttger als Führungspersönlichkeit akzeptiert hat?

Der erste Erfolg der Forscher ist 1707 die Herstellung des Jaspisporzellans, bekannt als rotes Böttgersteinzeug, was heute als wichtige Vorstufe auf dem Weg zum eigentlichen Porzellan gesehen wird. Nach einigen kriegsbedingten Wirren und Umzügen des Labors gelingt endlich der Durchbruch: zum Jahresende 1707 präsentieren Böttger und Tschirnhaus dem Kurfürsten erstes weißes Porzellan. Dieses aus Colditzer Ton hergestellte Material unterscheidet sich zwar noch von dem heute bekannten Porzellan, es handelt sich aber bereits um Hartporzellan. Erst echtes Kaolin, wie es auch die Chinesen verwenden, wird im Sommer 1708 in der Region Aue (Weißerdenzeche "St. Andreas") gefunden und bringt schließlich den Erfolg.

Tschirnhaus erlebt den Triumph nicht mehr, er stirbt im Oktober 1708. Böttger meldet im März 1709 dem Kurfürsten die Erfindung des Porzellans, welcher ein Jahr später die Porzellan-Manufaktur Meißen gründet.

Und wen nennen wir nun als Erfinder: Böttger oder Tschirnhaus? Hätte Böttger ohne Tschirnhaus´ Wissen und Erfahrungen den richtigen Weg eingeschlagen? Wäre Tschirnhaus ohne den praktisch begabten jungen Mann, der stark auf Experimente setzte, je allein ans Ziel gelangt? Welchen Anteil hatten die Freiberger Hüttenfachleute unter Pabst von Ohain? Die Entwicklung des europäischen Hartporzellans war ein Prozess zu dem die verschiedensten Persönlichkeiten beigetragen haben. Die Frage, wem dabei größere Bedeutung zukommt, bietet sicher auch in Zukunft noch reichlich Stoff für Diskussionen.

Lebensdaten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus:

  • geb. am 10. April 1651 im niederschlesischen Kieslingswalde (heute: Slawnikowice / Polen)
  • 1668: Tschirnhaus beginnt sein Studium der Mathematik und Naturphilosophie in den Niederlanden
  • 1682: aufgrund seiner mathematischen Forschungen wird Tschirnhaus als erster Deutscher zum Mitglied der Académie des Sciences ernannt
  • 1696: Tschirnhaus erhält den Auftrag, alle Edelsteinbrüche in Sachsen aufzusuchen, um die nötigen mineralischen Rohstoffe auszuheben
  • ab 1702: zusammen mit dem Alchimisten Johann Friedrich Böttger und dem Freiberger Bergmann Pabst von Ohain arbeitet Tschirnhaus an der Porzellanherstellung (in Meißen, Königstein und Dresden)
  • 1708: Tschirnhaus erkrankt an der roten Ruhr und verstirbt am 11. Oktober in Dresden


Lebensdaten Johann Friedrich Böttger:

  • geb. am 5. Februar 1682 in Schleiz
  • 1696 Böttger beginnt eine Ausbildung zum Apotheker in Berlin
  • 1701 August der Starke lässt Böttger in Gewahrsam nehmen, damit er für ihn Gold herstelle. 1709 meldet er dem Kurfürsten die Erfindung des Porzellans. Ab 1710 ist Böttger Administrator der Porzellan-Manufaktur Meißen
  • gest. am 13. März 1719 nach Jahren einer chronischen Vergiftung durch gefährliche Chemikalien