Museumskurier - Ausgabe 19 - Juni 2007

Wolfgang Bönitz

Demontagen und Reparationsleistungen in der "Sowjetisch besetzten Zone" bzw. DDR [1]¹

In den Konferenzen von Jalta (Februar) und Potsdam im Juli 1945 wurden von den Alliierten des 2. Weltkrieges die wesentlichen Beschlüsse gefasst, die für das besiegte Deutschland gelten sollten. Das betraf vor allem den Grundsatz, dass Deutschland in vielerlei Hinsicht für die vom ihm erzeugten Schäden zur Ersatzleistung herangezogen werden würde. Die Interessen der Siegermächte waren dabei in Nuancen unterschiedlich: Während den USA vor allem an dem Sachverstand und bereits erzielten Ergebnissen deutscher Wissenschaftler und Ingenieure lag, waren Frankreich, Großbritannien und hier speziell die Sowjetunion darüber hinaus besonders auf den Ersatz von Gütern und Arbeitsleistungen angewiesen zur Wiedergutmachung von Schäden, die im Krieg in ihren Ländern verursacht wurden.

Die folgende Betrachtung soll vor allem die Situation in den Industriebereichen und die Auswirkungen im Besatzungsterritorium der Sowjetunion, also in Sachsen und den anderen Ländern Ostdeutschlands zum Schwerpunkt haben.

Zunächst war die Organisation der sowjetischen Verwaltungsorgane und deren Vorstellungen über die Beute in der SBZ noch nicht ausgereift und auch über die eigenen Aufgaben bestand anfangs noch viel Unklarheit. Aber das hinderte die Besatzungsbehörden nicht daran, unverzüglich mit der Requirierung zu beginnen. Der Umfang der unmittelbaren Aktionen war erheblich; es wurden sofort zahlreiche Betriebe demontiert und deren Ausrüstungen in die UdSSR transportiert. In Berlin z. B. erfolgte noch vor der Besetzung der zugeordneten Sektoren durch die westlichen Alliierten die Demontage von 460 Betrieben, darunter 200 Betriebe des Maschinen- und Apparatebaues und der metallurgischen Industrie, 951 Betriebe der Feinmechanik/Optik sowie der Elektroindustrie; ca. 75 % der bei der Kapitulation noch vorhandenen Kapazitäten waren betroffen.

Ohne jede Registrierung wurden weiter Beuteaktionen von Sachwerten, darunter viele Kunstgegenstände aus öffentlichem und Privatbesitz, durchgeführt. Schon unmittelbar nach Besetzung des ostdeutschen Territoriums wurden ca. 400.000 Waggons beladen mit 450.000 Radiogeräten, 60.000 Klavieren und 940.000 Möbelstücken (alle Daten sind angenäherte Schätzungen). Bis August 1945 hatten die "Beutegutkompanien", folgend dem Befehl "Alles auf die Räder", ca. 1,28 Mio. t Materialien aller Art und 3,5 Mio. t an Ausrüstungen zum Transport gebracht. Dazu gehörten auch wissenschaftliche Laboratorien, Schiffe und Lastkähne, Rohstoffe (z. B. Kohle), Druckerpressen, Stahl und natürlich nutzbare militärische Geräte. Die Menge der erbeuteten Banknoten wird mit ca. 6 Mrd. Reichsmark eingeschätzt. Eine Anrechnung auf das sowjetische Reparationskonto fand für all diese Beutetransporte natürlich nicht statt.

Inzwischen hatte sich aber auch die sowjetische Verwaltung des besetzten Gebietes mit einiger Mühe gebildet und in Gestalt der "Sowjetischen Militäradministration Deutschlands" (SMAD) ihre Tätigkeit aufgenommen. Während im Zentralapparat der SMAD im September 1945 ca. 5.000 Mitarbeiter tätig waren, stieg deren Zahl bis Ende 1946 auf 50.000. Generell war jedoch die Kontinuität der Arbeit der SMAD gefährdet, da ihr Personalbestand ständig wechselte. Die Leiter der einzelnen Strukturen der SMAD waren Offiziere des fachmilitärischen Dienstes oder Fachleute aus Zivilbereichen, denen zeitweilig militärische Ränge verliehen wurden.

Zwar regte Walter Ulbricht schon im Herbst 1946 an, die SMAD möge den kommunistischen deutschen Kadern die Entscheidungsbefugnis über die Wirtschaft allein überlassen. Doch das wurde klar abgewiesen, denn die SMAD war das höchste exekutive, legislative und judikative Organ der SBZ und hatte neben der Verwaltung der sowjetischen Besatzungszone auch gleichzeitig die sowjetische Einflussnahme auf den Alliierten Kontrollrat und damit auf ganz Deutschland zu vertreten. Die SMAD strebte natürlich auch - im allerhöchsten Auftrag des Politbüros der KPdSU - die Sowjetisierung der besetzten Territorien an und damit die Übertragung und Übernahme des sowjetischen Modells, mit dem Ziel der Angleichung an die Verhältnisse in der UdSSR. Dabei hatte auch die SED ein starkes Interesse an der Übernahme der sowjetischen Vorstellungen und erwartete stets - aus Gründen der eigenen Machtsicherung - voll in das Gesamtsystem eingebunden zu werden.

In den ersten Jahren wurde die SED täglich angeleitet und vor allem überwacht. Jede einigermaßen wichtige Entscheidung wurde mit der Zustimmung der SMAD getroffen und ging häufig auf deren Initiative zurück. Aber: Eine solche Unterordnung entsprach in nahezu vollem Umfang der Auffassung der deutschen Kommunisten über ihre Einbindung. In den Jahren der Emigration in die UdSSR hatten sie alle einen solchen Gehorsam als lebensnotwendig erfahren und sie wussten auch, dass sie durchweg ihre Machtposition bei einem "Liebesentzug" durch die Sowjets nicht halten konnten.

In allen von der UdSSR besetzten Ländern stand nach dem siegreichen Kriegsende die Enteignung des Finanzkapitals, die Einführung der Planwirtschaft, die schrittweise Verstaatlichung der Industrie und eine Bodenreform auf der unmittelbaren Tagesordnung. Aber vorher noch ging es darum, die auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam erzielten Vereinbarungen über Demontagen, über Reparationen und weitere Leistungen zugunsten der UdSSR, in die Tat umzusetzen.

Die Demontagen von industriellen Ausrüstungen

Im Rückblick muss man feststellen, dass diese Demontagen recht ungeordnet, ja fast chaotisch verliefen. Zwischen Juli und November 1945 erfolgten die Demontage und der Abtransport von Ausrüstungen der Braunkohlenindustrie, aber auch kleinerer und mittlerer Betriebe der Textilindustrie, der Zuckerverarbeitung, der Papierindustrie, von Ziegelfabriken und aus anderen Industriezweigen:

  • Obwohl der damalige Chef der SMAD, Marschall Sokolowski, schon im Mai 1946 erklärt hatte, dass die Demontagen beendet seien, wurden ab Oktober 1946 bis Mai 1947 weitere größere Betriebe abgebaut und zum Transport vorbereitet. Besonders betroffen waren Betriebsteile von Zeiss Jena, Kraftwerke, Druckereien und einige deutsche Rüstungsbetriebe, die bis dahin für die SMAD weitergearbeitet hatten.
  • Nach einer inzwischen aufgestellten Liste wurden über 200 größere und sehr viele kleinere Industriebetriebe zwischen März und September 1946 demontiert und abtransportiert oder zumindest versandfertig gemacht. Es handelte sich dabei vorrangig um Betriebe der Chemischen Industrie, der Metallbearbeitung, um Papier-, Schuh- und Textilfabriken, Webereien u. a. m.
  • Ab September 1947 traf es Anlagen der Energiewirtschaft, wie Kraftwerke, Anlagen aus der Braunkohleindustrie und Brikettfabriken.
  • Fast vollständig sind alle Betriebe der Waffen- und Munitionsindustrie, des Flugzeugbaus, der Metallurgie, des Fahrzeug- und des Werkzeugmaschinenbaus demontiert worden. Zu diesen Betrieben gehörten z. B. die modernen mitteldeutschen Werke von Carl Zeiss Jena, Zeiss Ikon Dresden, BMW in Eisenach, Junkers Dessau, EAW Berlin (Treptow), Leuna Merseburg u. v. a.
  • Die Schienenverkehrswege wurden fast durchweg eingleisig zurückgebaut, das entsprach ca. 12.000 km Schienenweg. Das war aus sowjetischer
  • Sicht durchaus begründbar mit der nahezu vollständigen Zerstörung der Schienenwege durch die sich zurückziehenden deutschen Truppen. Weiter wurden ca. 50 % aller Lokomotiven beschlagnahmt. Beides wirkte sich zeitweilig so stark aus, dass für den Abtransport der demontierten Anlagen längere Zeit nicht die erforderlichen Transportmittel und -wege verfügbar waren. Im Spätsommer 1945 stauten sich so z. B. vor dem Grenzbahnhof Brest die Demontagezüge über eine Länge von mehr als 100 km. Diese Transportmengen waren im zweiten Halbjahr 1945 die höchsten überhaupt, besonders auch aus Westberlin, das vor dem Einzug der Westalliierten intensiv "entleert" wurde. In der Zeit von Dezember 1945 bis April 1946 ließ die SMAD durch kleinere Fuhrunternehmer mit Lkw und Pkw Beutegut und demontierte Ausrüstungen zum Hafen Stettin transportieren. Es ist aber auch festzustellen, dass kaum ein anderer Industriezweig so stark und auch nachhaltig geschwächt wurde, wie das deutsche Bahnsystem. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich die erlittenen Verluste wieder ausgleichen ließen.
  • 1948 endeten die Demontagen zugunsten der Eingliederung von Produktionskapazitäten in die sowjetische Planungshoheit. Es wurden "Sowjetische Aktiengesellschaften" (SAG) aus den ursprünglich noch zur Demontage vorgesehenen Betrieben gebildet, die ausschließlich unter Leitung der SMAD arbeiteten.
  • In der SBZ wurden ca. 2.200 Betriebe demontiert (die in Publikationen genannten Zahlen dazu schwanken, was wohl auf unterschiedlich zugrunde gelegte Territorien zurückzuführen ist); das sind ca. 30 % der gesamten industriellen Kapazität der SBZ. Hier ist noch einzufügen, dass das industrielle Niveau, durch die luftkriegsbedingte Industrieverlagerung aus anderen Regionen nach Sachsen in den letzten beiden Kriegsjahren, höher war als anderswo in Deutschland.

 

Die UdSSR und Polen sollten nach den Beschlüssen des Potsdamer Abkommens nicht nur alle Reparationen aus dem sowjetisch besetzten Teil Deutschlands erhalten, sondern darüber hinaus auch Anteile aus den Westzonen, nämlich 10 % der industriellen Ausrüstungen, "die für die deutsche Friedenswirtschaft unnötig seien" und weitere 15 % der gleichen Kategorie im Austausch für einen entsprechenden Gegenwert an Nahrungsmitteln, Kohle, Kali, Zink und Holz sowie anderen Waren nach konkreter Vereinbarung. Dazu inspizierten zehn Viermächtekommissionen die zur Demontage bestimmten Fabriken. Auf deren Empfehlungen hin genehmigte der Alliierte Kontrollrat im Dezember 1945 eine Liste von 84 Fabriken in den Westzonen, die als Vorauslieferung demontiert werden sollten, davon 23 aus der US-Zone.

Schwerpunkte waren: Werke für die Herstellung von Maschinenteilen aller Art und Werkzeugmaschinen, Anlagen für den Schiff- und Flugzeugbau, allgemeine Rüstungsbetriebe, Elektrizitätswerke, Betriebe für chemische und optische Erzeugnisse.

Im März 1946 veröffentlichte der Alliierte Kontrollrat eine zusammenfassende Liste, die angibt, dass bereits 124 Betriebe zur Verfügung gestellt wurden, davon sollen 99 ausschließliche Rüstungsbetriebe gewesen sein. Einen Monat später, also im April 1946, veröffentlicht der Alliierte Kontrollrat eine Liste von 415 Fabrikanlagen, die als Reparationsleistungen in Aussicht genommen wurden. Davon lagen 130 in der US-Zone, 262 in der britischen Zone und 23 in der französischen Zone.

Die ersten Lieferungen gingen aus den Westzonen an die UdSSR im April 1946 auf die Reise, u. a. Werftanlagen in beträchtlichem Umfang aus Bremen, Kugellagerwerke, ein Elektrizitätswerk aus Bayern und eine ehemalige unterirdische Produktionsanlage für Flugzeuge und Zubehör.

Aber danach ging die im Alliierten Kontrollrat erzielte Übereinstimmung auch schon zu Ende. Die Vertreter der vier Besatzungsmächte konnten sich in den Sitzungen im Frühjahr und Sommer 1946 nicht über die Anrechnung, die weitere Zuordnung und die Kontrolle der Lieferungen einigen. Damit wurden die Weichen für den Abbruch der zugesagten Lieferungen gestellt. Ergänzend dazu kamen zur gleichen Zeit die sehr deutlich geäußerten Erkenntnisse amerikanischer Politiker und Wirtschaftsfachleute, dass die Demontagen einen "Akt der Selbstverstümmelung" darstellten, deren Auswirkungen am Ende von den Besatzungsmächten zu tragen seien.

Der wirtschaftliche Nutzen für die UdSSR durch all diese gewaltigen Transaktionen aus allen Teilen Deutschlands ist außerordentlich fragwürdig. Nach späteren Einschätzungen der SMAD kam nur ein Viertel der Ausrüstungen in der Sowjetunion unversehrt an, der Rest landete irgendwo, verlotterte unterwegs und verrottete später oder wurde am Ankunftsort nicht entsprechend genutzt, da die notwendigen Voraussetzungen nicht gegeben waren und erforderliches Fachpersonal nicht zur Verfügung stand. Die Transporte waren zum Teil ohne jede Anschrift und Deklarierung des Inhaltes abgeschickt worden. Häufig fehlten alle erforderlichen technischen Dokumentationen, so dass ein Einsatz in sowjetischen Werken gar nicht möglich gewesen wäre.²

Die Demontagen waren auch keinesfalls positiv für das Ansehen der Besatzungsmacht in Deutschland selbst. Zu den Demontagen der Ausrüstungen mussten im großen Umfang die Fachleute herangezogen werden, deren Arbeitsplatz damit verbunden war. Die Demontagen fanden ja auch nicht heimlich statt. Jeder Passant konnte die Transporte verfolgen und wenn auch dem Betrachter der exakte Inhalt des jeweiligen Transportes meist nicht klar war, die Auswirkungen auf die Stimmungslage in der Bevölkerung waren verheerend und von der Angst um wegfallende und nicht ohne weiteres ersetzbare Arbeitsplätze gekennzeichnet. Vielfach wurden von den mit der Demontage beauftragten Fachleuten in verzweifelter Wut und voller Angst wegen des nun wegfallenden Arbeitsplatzes, nicht sofort wahrnehmbare, zerstörende und eine Wiederinbetriebnahme verhindernde Veränderungen an den Ausrüstungen - vorwiegend an deren elektrischem Zubehör - vorgenommen, die bei einer möglichen Entdeckung noch vor dem Abtransport der demontierten Ausrüstungen den Verursachern lange Aufenthalte in sowjetischen Straflagern eingebracht hätten.

Im Vergleich mit den 1936 im Bereich der SBZ verfügbaren Kapazitäten werden die anteiligen Verluste durch die Demontagen wie folgt eingeschätzt: Metallurgische und Metall-Industrie 80 %, Walzwerke 82 %, Zementindustrie 45 %, Papierindustrie 45 %, Energieindustrie 35 %, Textilindustrie 25 % und Braunkohlentagebau 20 %. Der Gesamtwert der Demontagen hat ca. 5 Mrd. Mark betragen.

In den drei Westzonen begannen die Demontagen wesentlich später, gingen geordneter vor sich und ereichten insgesamt nur einen Wert von ca. 1,2 Mrd. Mark. Mit den bereits ab 1947 anlaufenden Unterstützungen - auch durch den Marshallplan - wurden die demontierten und manchmal schon recht alten Ausrüstungen sehr kurzfristig durch moderne Anlagen ersetzt und konnten so zur schnellen Wiederherstellung der Konkurrenzfähigkeit beitragen.

Zu beachten ist bei den Demontagen in Ostdeutschland, dass sich hier vor allem jene Zweige der deutschen Industrie befanden, die für den Wiederaufbau im Frieden hervorragend geeignet gewesen wären. Die in Sachsen sehr konzentriert vertretene Auto- und Zubehörindustrie wurde zu 90 % demontiert und einschließlich der noch vorhandenen Materialvorräte in die UdSSR gebracht. Im Gegensatz zu den meisten anderen Demontagen ist aber anzuerkennen, dass die dabei demontierten Ausrüstungen und das gleichfalls erbeutete know-how in Russland genutzt wurden, um die dortige Fahrzeugindustrie auf einen ungleich höheren Stand als vor dem Krieg zu bringen. Erinnert sei dabei an das sehr beliebte und robuste Motorrad "DKW NZ", ein Zweitakter mit 350 ccm Hubraum aus Zschopau, das nunmehr in der UdSSR gefertigt und bei den dortigen Nutzern außerordentlich geschätzt wurde.³

Die Demontagen in der SBZ haben die industrielle Substanz viel stärker geschädigt als die Zerstörungen im Krieg. Die Gesamtkapazität der Industrie in der SBZ betrug 1948 nach der Einstellung der Demontagen noch ca. 60-70 % des Standes von 1936. Durch die zielstrebig auf industrielle Schwerpunkte gerichteten Demontagen entstanden sehr viele Struktur- und Branchenschäden, die die spätere Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit erheblich beeinflussten. Das - und die in der UdSSR völlig unbefriedigende Nutzung der meisten demontierten Anlagen - begriffen auch die Strategen der SMAD als entscheidenden Nachteil, weshalb schon ab 1946 begonnen wurde, mehr als 200 zur Demontage vorgesehene Betriebe zu sogenannten Sowjetischen Aktiengesellschaften (SAG) umzubilden, die an ihren Standorten verblieben und mit ihrem Stammpersonal wesentlich effektiver produzieren konnten, als in der UdSSR. Einige wenige sollen nachfolgend erinnernd genannt werden: Bleichert Transportanlagen Leipzig (später Kernbetrieb der TAKRAF), Sachsenwerk Niedersedlitz, Elite-Diamant und Stahlgießerei Krautheim (beide in Chemnitz).

Die SAG-Betriebe waren fest in sowjetischer Hand und in die sowjetische Wirtschaft eingebunden. Es waren durchweg Schlüsselbereiche und mit ihnen wurde die gesamte Wirtschaft in der SBZ und später noch in der DDR kontrolliert. Deutsche Behörden hatten keine Möglichkeit in irgendeiner Weise einzugreifen. In der SBZ / DDR wurden diese SAG in jeder Weise begünstigt, sie konnten deshalb auch relativ gute Löhne und Gehälter zahlen und hatten durch die von ihnen zu liefernden Reparationen einen gesicherten Absatz. Der Anteil der SAG an der industriellen Produktion der SBZ lag bei ca. 30 %, ihr Anteil an den Reparationsleistungen ca. 40 %, erreichte aber bis 1952 zeitweilig ca. 70 %. Wohl auch, um die Situation in der DDR nach den Ereignissen vom 17. Juni 1953 zu beruhigen und ebenso im Ergebnis der politischen Änderungen nach dem Tod Stalins im März 1953, wurden alle SAG-Betriebe am 1. Januar 1954 gegen Zahlung eines Ausgleichs in den Besitz der DDR überführt und die Reparationen offiziell beendet - eine Ausnahme gab es aber doch: Die SAG Wismut blieb bis 1990 im Besitz der UdSSR.

 

Am Beispiel des Betriebes, in dem ich in den Nachkriegsjahren lernte und arbeitete (Stern Radio Rochlitz, Rundfunkgerätefertigung vorm. Graetz Radio Berlin) möchte ich einige Episoden darlegen:

Zunächst hatte unmittelbar nach dem Krieg eine Abteilung der SMAD darauf gedrungen, die gesamte mechanische Vorfertigung zu demontieren. Dazu gehörten alle einzelnen Werkzeugmaschinen, die halb- und vollautomatisch arbeitenden Drehmaschinen und die Stanzereianlagen. Es ist heute nicht mehr feststellbar, wer welche Vorschläge der SMAD gemacht hat und wovon diese letztendlich überzeugt werden konnte - doch es gelang: Der Betrieb wurde im Ganzen erhalten und konnte nur dadurch bestehen bleiben! Doch er hatte von nun an strenge Auflagen in der Zahl und Qualität der abzuliefernden Rundfunkgeräte zu erfüllen; er war vorerst und das für Jahre, ein reiner Reparationsbetrieb geworden. Wegen der Vielfalt der in jedes Gerät einzubauenden Einzelteile, mussten von Einkäufern und Materialbeschaffern besonders viele der nachstehend genannten Tauschaktionen betrieben werden. Es glückte immer wieder mit den dabei genutzten Verbindungen besonders gute Mitarbeiter auszuzeichnen. Der Betriebsleiter (Fritz Winkler aus Lunzenau) hatte u. a. sein Einverständnis und vielleicht auch die Anregung gegeben, bei Landwirten in der Umgebung zur Verbesserung der damals sehr spärlichen Mittagsmahlzeiten in der Betriebskantine ein paar Schweine gegen einige Radiogeräte einzutauschen. Jahre später, als sich 1952 die Funktionärsgarde der SED mit fadenscheinigen Vorwürfen in vielen Unternehmen der Aktivisten der ersten Stunde entledigte, machte man ihm das zum Vorwurf: Er habe die Geräte den Reparationen entzogen. Das war der einzige stichhaltige Anklagepunkt, den man gegen ihn finden konnte. Er musste dafür sogar ins Gefängnis und ebenso einige Mitarbeiter, die sich auch hervorragend für die jederzeitige Arbeits- und Lieferfähigkeit des Betriebes eingesetzt hatten.

Im Frühjahr 1949 kam es einmal zu einem Qualitätsabfall bei den zu liefernden Geräten, der als Ursache ungeeignetes Blech für die Chassis hatte, das sich mit der galvanischen Oberflächenbearbeitung nicht vertrug. Die galvanisch behandelten Metallteile veränderten sich stark, sie "blühten". Die SMAD schickte zur Klärung einige in Uniform gesteckte sowjetische Hochfrequenzfachleute, die sich mehrere Tage mit der Problematik vor Ort befassten, daraufhin die ganze Lieferung stoppten und kurzfristig Ersatz verlangten. Es war eine sehr schwierige Situation, die aber von der Zuliefererseite zur Behebung der Mängel relativ schnell gelöst werden konnte. Doch der kurzfristig angesetzte Termin für die Nachlieferung konnte nur durch Mehrarbeit gehalten werden, aber eben auch durch die immer noch etwas diffizilen Tauschaktionen. In dieser Lage entschied man sich völlig einvernehmlich mit der Belegschaft, die wöchentliche Arbeitszeit von 48 auf 58 Stunden anzuheben. Es wurden Urlaubssperren ausgesprochen und in den heißen Sommermonaten täglich, außer am Sonnabend, zwei Stunden an die tägliche Arbeitszeit angehängt. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass auch nur ein Mitarbeiter damals "gemeckert" oder einen Einspruch eingelegt hätte, zumal die Überstunden korrekt bezahlt wurden.


¹ Der Beitrag ist - in gekürzter Form - ein Vorabdruck aus der Edition "Wehe den Besiegten - Reparationsleistungen aus der Region nach 1945" und wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors Woflgang Bönitz bzw. des Verlages Mironde Niederfrohna der im Oktober 2007 erscheinenden Publktion (ISBN 978-3-937654-19-5)entnommen.

² Der als "Werwolfverdächtiger" im Oktober 1945 festgenommene Siegfried Rulc berichtete, dass er 1950 auf dem Rücktransport von Sibirien - nach Beendigung seines "Arbeitseinsatzes" in Steinkohlebergwerken -, viele neben den Bahngleisen liegende, schrottreife deutsche Werkzeugmaschinen und andere Ausrüstungen gesehen habe, mit denen niemand nach der Demontage und dem Transport in die UdSSR etwas anzufangen wusste. Man hatte sie einfach "abgeladen" und da liegen gelassen (Siegfried Rulc: "Unter Werwolf Verdacht", 4. Auflage 2007, Verlag Mironde Niederfrohna)

³ (U. S.) Nach Informationen von Wolf Friedrich (Mitgleid der AGr Kraftfahrzeugtechnik FIM) wurde dieses Modell als Ish 350 im Ishewsker Motorradwerk produziert. Im Zeitraum von 1965 bis ca. 1970 starteten sowjetische Mannschaften damit bei "Rund um Zschopau". Der Motor sah äußerlich relativ unverändert aus; das Fahrwerk war mit einer hinteren Schwinge versehen.

Der Beitrag wird im Museumskurier 20 (Dezember 2007) fortgesetzt.