Museumskurier - Ausgabe 19 - Juni 2007

Dr. Günter Welzel

Carl Robert Hösel - Ein Pionier der Möbelstoffweberei in Chemnitz

Vor 200 Jahren, am 14. Oktober 1807, wurde Carl Robert Hösel geboren. Der Sohn eines Webermeisters erwarb sich große Verdienste bei der Einführung der ersten mechanischen Webstühle in Chemnitz und um die Entwicklung der Möbelstoffweberei in der Stadt und ihrer Umgebung.

Robert Hösel erlernte den Beruf eines Webers und arbeitete danach als Faktor (Meister) bei der Firma Liebig im böhmischen Reichenberg. Später siedelte er nach Sachsen über und eröffnete am 28. Februar 1832 eine Handlung für Webwaren in Chemnitz in der Zimmerstraße. 1845 gründete er gemeinsam mit dem Kaufmann Heydenreich eine eigene Handweberei.

Zu jener Zeit war der technische Fortschritt auf dem Gebiet der Webtechnik in Deutschland fast völlig zum Erliegen gekommen. Anders hingegen in England, wo die Konstruktion der ersten brauchbaren mechanischen Webvorrichtung durch Edmond Cartwright im Jahre 1785 von umwälzender Bedeutung war. Standen 1820 in England und Schottland lediglich 1.400 Maschinenwebstühle 240.000 Handwebstühlen gegenüber, so zählte man 1830 bereits 55.000 Webmaschinen.

Diese Entwicklung aufmerksam verfolgend, entschloss sich Robert Hösel 1847, mechanische Webstühle aus England einzuführen. Er war der erste Unternehmer in Chemnitz, der diesen bedeutsamen Schritt wagte. Dabei stieß er auf den Widerstand seiner Handweber; einer der Gründe, weshalb er die Maschinen in der Fabrik von Schwalbe in Chemnitz aufstellen ließ. Diese mechanischen Webstühle waren mit Jacquardeinrichtungen ausgestattet und dienten der Herstellung von Damastgeweben.

Im Jahre 1851 erwarb Hösel die Gebäude der seit 1771 betriebenen Kattundruckerei von Benjamin Gott-lieb Pflugbeil in der Niclasgasse zwischen Kappelbach und Chemnitzfluss gelegen. Er baute den Gebäude-komplex zu einer mechanischen Weberei mit Färberei und Appretur aus. Mit seinen durch Dampfkraft betriebenen Jacquardwebstühlen begründete Hösel die mechanische Möbelstoffweberei in Chemnitz.

Doch er war auch auf anderen Geschäftsgebieten äußerst aktiv und erfolgreich. So eröffnete er am 25. Mai 1854 gemeinsam mit Constantin Pfaff ebenfalls in der Niclasgasse die erste Chemnitzer Gasanstalt; dies war zugleich der Beginn der Gasbeleuchtung in der Stadt Chemnitz. Wenige Jahre später erwarb er 1858 die mit Wasserkraft betriebene Baumwollspinnerei von F. W. Greding in Hennersdorf bei Augustusburg.

In den folgenden Jahren erweiterte Hösel seine Möbelstoffweberei in Chemnitz und ergänzte sie mit Veredlungseinrichtungen. Bald darauf begann er mit der Plüschweberei. Diese Webtechnik wurde im 17. Jahrhundert von aus Frankreich vertriebenen Hugenotten nach Deutschland gebracht. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts waren vor allem Gera und Elberfeld Zentren der deutschen Möbelplüschindustrie, die um 1860 durch Robert Hösel auch Eingang in Chemnitz fand.

Sein Unternehmen produzierte nunmehr Möbel- und Dekorationsstoffe, Plüsche, Moketts, Moleskins und Genua-Cords. Die Dessinierung der Möbelstoffe beeindruckte mit einer vielfältigen Musterung durch Streifen, Ranken, Blumenkörbchen und Medaillons. Die bunten Muster fanden Anwendung für eine Vielzahl von gefragten Gewebearten mit repräsentativer Wirkung und in gediegener Qualität. Die Mechanisierung des Webprozesses ermöglichte es, dass Raumtextilien, die bisher nur einer kleinen Schicht Besitzender vorbehalten waren und oft von hervorragenden Kunsthandwerkern gestaltet wurden, nunmehr industriell in großen Mengen und relativ preiswert entstanden.

Die Erzeugnisse der Firma Hösel fanden auf internationalen Ausstellungen, so in London, Paris, München und Wien hohe Anerkennung und wurden prämiert. Der Export erfolgte in nahezu alle europäischen Länder und nach Übersee.

Carl Robert Hösel erhielt für seine Verdienste bei der Einführung der mechanischen Weberei in Chemnitz und dem damit verbundenen industriellen Aufschwung den Titel "Kommerzienrat" und wurde als "Ritter des Albrechtsordens" geehrt. Er starb am 4. September 1873 und wurde auf dem Friedhof St. Nikolai beigesetzt, wo seine Familie eine Erbbegräbnisstätte erwarb.

Chemnitz und seine Umgebung entwickelten sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts durch eine Vielzahl an Neugründungen von Möbelstoffwebereien zum bedeutendsten Zentrum der Herstellung von Möbelstoffen und Möbelplüschen in Deutschland. Neben Chemnitz befanden sich wichtige Standorte dieses Industriezweiges u. a. in Hohenstein-Ernstthal, Lichtenstein, Meerane, Lunzenau und Mittweida.

Diese rasante Entwicklung veranlasste die Sächsische Webstuhlfabrik vorm. Louis Schönherr in Chemnitz nach 1880, Webmaschinen für die Herstellung von Raumtextilien in ihr Fertigungsprogramm aufzunehmen. Dazu gehörten auch Doppelplüschwebstühle, deren erster das Werk 1888 verließ. Sie fanden eine rasche Verbreitung; allein in Chemnitz und Umgebung liefen zu Beginn des 1. Weltkrieges über tausend derartige Webmaschinen.

Die Weberei Robert Hösel & Co. ging 1886 in den Besitz der Familie Stadt über. Im Jahre 1900 produzierten hier 400 Webstühle, die Beschäftigtenzahl betrug 600 Mitarbeiter. 1925 wurde das Unternehmen in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt, die bis zum Beginn des 2. Weltkrieges eine führende Stellung in der deutschen Möbelstoffindustrie einnahm.

Bei dem Luftangriff auf Chemnitz am 5. März 1945 erlitt der Betrieb schwere Zerstörungen. Nach dem teilweisen Wiederaufbau übernahm 1954 der VEB Möbelstoff- und Plüschweberei Hohenstein-Ernstthal die Gebäude und betrieb hier bis 1990 seinen Zentralversand. Im August 1992 erfolgte der Abriss der Gebäude; an ihrer Stelle entstand 1994/95 der Bau des Büro- und Geschäftskomplexes "Falkeforum".