Museumskurier - Ausgabe 19 - Juni 2007

Fritz Pützschler

1990 - Aller Anfang ist schwer

Nach einer 48jährigen Tätigkeit im Textilmaschinenbau und in der Textilindustrie wurde ich 1990 in den Vorruhestand versetzt. Da ich mich seit Jahren mit der Geschichte der Technik beschäftige, war meine Mitarbeit Ende der 1980er Jahre beim Aufbau eines "Museums für Textilmaschinenbau" gefragt. Ab dem 1. September 1990 war ich als wissenschaftlich-technischer Mitarbeiter in der Gründergruppe "Industriemuseum" beschäftigt. Mein Vorgesetzter, Matthias Winkler, Architekt und Sprecher des Stiftungsrates, erläuterte mir seine Vorstellungen zum Aufbau eines "Industriemuseums" mit dem Status eines Landesmuseums. In wenigen Jahren sollte es fertig sein. Ich war beeindruckt! Umso größer dann die Enttäuschung nach unserem gemeinsamen Rundgang durch die teilweise stark geschädigten Gebäude der ehemaligen Richter'schen Gießerei. Analog traf das auch auf die im Areal lagernden Textilmaschinen zu. Aus eigener Erfahrung mit Investitionen hatte ich erhebliche Zweifel am Zeitplan für das Museum.

Ich begann mit der Bestandsaufnahme der Zeitzeugen und der Auswahl eines ersten Restaurierungsobjektes. Obwohl in einem sehr schlechten Zustand, fiel meine Wahl auf die mir durch meine Tätigkeit in Flöha gut bekannte handbetriebene Baumwoll-Wagenspinnmaschine (Halbselfaktor), Baujahr um 1835. Nun folgte die schwierigere Frage: "Wer kann diesen teilweise stark verrotteten und unvollständigen ‚Oldtimer' fach- und sachgerecht restaurieren und in einer ersten Präsentation den Besuchern das Herstellen von Baumwollgarn demonstrieren?" Ich erinnerte mich an die Expertengruppe im VEB Spinnereimaschinenbau, die 1982/83 eine kleinere englische Spinnmaschine (Crompton Mule) erfolgreich restaurierte; danach kam die Arbeit der Gruppe zum Erliegen und geriet fast in Vergessenheit.

In vielen Einzelgesprächen gelang es mir, die Truppe für einen Neuanfang zu begeistern. Beharrlich mussten dabei schlechte Erfahrungen und Enttäuschungen abgebaut werden. Eine gemeinsame Aktion von Aufbaustab IMC und Spinnereimaschinenbau GmbH führte am 7. März 1991 zur Gründung einer neuen Expertengruppe mit sechs ehrenamtlich tätigen Senioren; seither trifft man sich dienstags im IMC.

Zunächst galt es, den Begriff "Restaurieren" zu definieren und die Arbeitsprinzipien festzulegen, denn Restaurieren war in den folgenden Jahren die wichtigste Aufgabe der Gruppe. Dabei gab es immer wieder Rückschläge aufgrund schwieriger räumlicher und auch fehlender materieller Voraussetzungen.

Die Leitung des inzwischen gebildeten Aufbaustabes stellte das Ziel, die Wagenspinnmaschine bis zum 27. März 1992 fertigzustellen. An diesem Tag sollte das IMC mit einer Informationsausstellung eröffnet werden. Das war für unsere Seniorengruppe ein hoher Anspruch. Beispielhafte materielle, finanzielle und personelle Unterstützung erhielten wir von der Spinnereimaschinenbau GmbH und anderen Unternehmen. Die Demonstration der Wagenspinnmaschine war ein großer Erfolg. Die Meinung der Besucher zum Halbselfaktor: "Eine faszinierende funktionsfähige alte Spinntechnik voller Geschichte." Die vielen anerkennenden Worte, die breite Resonanz in der Presse, die Konsultationen mit anderen Technikmuseen waren der Beginn fruchtbringender Kooperationen mit Industrieunternehmen, Wissenschaftseinrichtungen, Handwerkern und Technikmuseen des In- und Auslandes.

Mit unseren Erfahrungen haben wir einen analogen Halbselfaktor im Deutschen Museum München wieder instandgesetzt. Auch in der historischen Spinnerei Gartetal gelang es uns, zwei Spinnereimaschinen, Fabrikat Schimmel, Chemnitz, wieder flottzumachen. Generell löste jedes gelungene Werk in unserer Gruppe viel Freude aus. Auch von der Leitung des Aufbaustabes IMC gab es Dank und Anerkennung. Uns wurde immer mehr bewusst, dass die Arbeit der Senioren mit dazu beiträgt, unsere Industriegeschichte lebendig zu erhalten. Unsere Erfahrungen waren nun auch gefragt beim Gründen weiterer Arbeitsgruppen im Förderverein.

Das alles konnte nur ein Anfang sein. Nun wurden die Aufgaben immer größer und komplizierter. Das langfristige Programm der Leitung des IMC sah vor, bis 1995 u. a. folgende Ausstellungen zu realisieren:

  • Chemnitzer Industrie, Tradition und Wandel,
  • Schauweberei Braunsdorf,
  • Textiltechnik des "Sächsischen Manchesters" im Mode- und Textilcenter Chemnitz und
  • Historische Spinnmaschinen.


Obwohl das Hauptarbeitsfeld das Restaurieren blieb - 1990 bis 1995 wurden insgesamt 42 Textilmaschinen sowie Prüf- u. a. Geräte restauriert -, mussten nun auch solche Aufgaben gelöst werden wie

  • das Recherchieren der Geschichte von Maschinen, Geräten und textilen Produkten,
  • das Bewerten und Vorführen von Sachzeugen und
  • das Nachstellen von hölzerner Textiltechnik.


Die vorgesehenen Expositionen erforderten, unser bisheriges Aufgabengebiet Spinnerei um die Sparten Weberei, Wirkerei/Strickerei, Nähwirkerei, Posamentenherstellung, Veredlung, Konfektion, Prüfgeräte und textile Produkte zu erweitern. Entsprechend der historischen Bedeutung der Textilherstellung als Ursprung der Industriellen Revolution, rückte das textile Erzeugnis in den Mittelpunkt.

Unsere interessanten Aufgaben, die bisher erreichten Ergebnisse und die Arbeitsatmosphäre waren eine gute Werbung für neue Mitglieder. Gestandene Fachleute aus der Industrie, der Lehre und dem Handwerk erweiterten unsere Seniorengruppe.Eine weitere Aufgabe, die ich mir vornahm, war das Erstellen einer komplexen Sammlungskonzeption für das Fachgebiet Textiltechnik. Die hohe Bereitschaft sowie die fachliche Kompetenz der Senioren, die gute Zusammenarbeit mit der Leitung und auch mit Mitarbeitern des IMC sowie eine zunehmende Unterstützung der Kooperationspartner und Sponsoren waren die Basis für die erfolgreiche Realisierung der genannten Expositionen. Viel Resonanz erhielt auch das von uns anlässlich der Ausstellung "Historische Spinnmaschinen" organisierte Kolloquium zum Thema Restaurieren mit internationaler Beteiligung. Nun waren unsere Erfahrungen in Museen der Textiltechnik der alten und neuen Bundesländer sowie im Ausland (Schweiz, Großbritannien) gefragt.

Mein persönliches Fazit:


Die komplizierten Anfangsbedingungen stellten an mich und die gesamte Senioren-Arbeitsgruppe hohe Anforderungen. In guter Partnerschaft und mit viel Engagement haben wir sie erfolgreich gemeistert. An dieser Stelle deshalb nochmals an alle ein herzliches Dankeschön!

Es erfüllt mich mit Freude, dass die erfolgreiche Arbeit der ersten Jahre bis heute kontinuierlich und fachlich kompetent fortgesetzt wird. Davon zeugt der 2005 eröffnete Ausstellungsteil "Textilstraße" ebenso wie die in aufwendiger Arbeit restaurierte Malimo-Maschine, Baujahr 1960.¹


¹ vgl. Museumskurier Ausgabe 17 (Ausgabe 2006), S. 19: Aus der Restaurierungswerkstatt