Museumskurier - Ausgabe 18 - Dezember 2006

Ralf W. Müller

Juliane Martha Schrag (*29.08.1870, †10.02.1957)

Wenig bekannt ist, dass der 10. Februar 2007 ein kunstgeschichtlich denkwürdiger Tag für die Stadt Chemnitz ist. Als Industriestadt wohlbekannt, ist Chemnitz nicht eben reich an kunsthistorischer Tradition. An diesem Tag jährt sich zum 50. Mal der Todestag von Martha Schrag, seit 1950 Ehrenbürgerin der Stadt Chemnitz.

Im Gedenken daran, wird am 11. Februar 2007 im Schlossbergmuseum eine Martha-Schrag-Ausstellung eröffnet. Auch in der evangelisch-lutherischen Kirche St.-Nikolai-Thomas, auf deren Friedhof sich ihre Grabstätte befindet, wird der Künstlerin am 10. Februar mit Vortrag und kleiner Ausstellung gedacht.

Anlässlich der Ausstellung im Schlossbergmuseum wird eine neue Monografie über die Künstlerin erscheinen. Seit der ersten monografischen Abhandlung über Martha Schrag sind ca. 25 Jahre vergangen. Die seit 1990 - aus bis dahin unzugänglichen Quellen - gewonnenen Forschungsergebnisse runden das Bild über die Persönlichkeit Martha Schrag ab und ergänzen die verdienstvolle erste Monografie von Gerhard Hahn aus dem Jahr 1982 wesentlich. Vervollständigt wird die geplante Publikation durch ein aufwendig recherchiertes Werkverzeichnis der Ölgemälde Martha Schrags.

An dieser Stelle soll also Neugier auf eine interessante Chemnitzer Künstlerpersönlichkeit erweckt werden, die jedoch in ihrer Bedeutung für Chemnitz bisher leider viel zu wenig Beachtung findet.

Sind die Wandbilder im Dampfmaschinensaal des Sächsischen Industriemuseums von Martha Schrag?

Die beiden großen Wandbilder im Dampfmaschinensaal des Sächsischen Industriemuseums Chemnitz sind wohl um 1907 entstanden. Also gerade in jener Zeit, als Martha Schrag auf Empfehlung ihres Förderers und Gönners Dr. Adolf E. Thiele (1867 - 1933) intensive Studien des menschlichen Körpers in verschiedenen Haltungen des Arbeitsprozesses in dieser Gießerei betrieb. Als eindeutiger Beleg für Martha Schrags Urheberschaft der Bilder genügt diese Tatsache allein jedoch nicht.

Wie kann die These, die Wandbilder könnten von Martha Schrag stammen, derzeit bewertet werden?

Über die beiden hier behandelten Arbeiten hinaus, ist bisher nicht bekannt, dass Martha Schrag weitere Wandbildaufträge ausgeführt hat. Die Ölfarbe wurde auf den trockenen Putz aufgebracht und nicht auf den feuchten entsprechend der Fresko-Technik. Das spricht für Martha Schrags damaligen technischen Kenntnisstand. Dass Perspektivdarstellungen und die Größenverhältnisse dem Schöpfer bzw. der Schöpferin in beiden Bildern nicht perfekt gelungen sind, zeugt von mangelnder Beherrschung großformatiger Wandbilder. Was allerdings Martha Schrags gerade abgeschlossener Ausbildung in Dresden nicht widerspricht. Besonders deutliche Mängel lässt das unbefriedigende Verhältnis der Proportionen der Figuren im rechten Bild erkennen. Im Verhältnis zur Rückenfigur des Aufsehers im Vordergrund sind die im dichten Abstand gestaffelten Gießer zu klein geraten. Darüber hinaus lässt die Figur des Aufsehers Volumen vermissen und erscheint wegen seiner steifen Körperhaltung als Staffage.

Im Vergleich mit den erhaltenen Farblithografien der Eisengießerserie (s. o.) wirken die Figuren der Wandbilder insgesamt auf den Betrachter recht statisch. Skizzen von Figurenstudien ähnlicher bzw. gleicher Körperhaltungen, die sicheren Rückschluss auf eine Urheberschaft Martha Schrags zuließen, waren bisher leider nicht auffindbar. Die wenigen vorhandenen Skizzenblätter zum Thema zeigen nichts Vergleichbares.

Die Dramatik der Lichtführung sowie die dynamischen Körperhaltungen, die der Künstlerin in den kleinen Blättern hervorragend gelangen, sind in den großen Formaten einer illustrativen Schilderung des Gießprozesses und der Addition von Figuren und Gegenständen gewichen; nur der Vordergrund des rechten Bildes lässt ein wenig den expressiven Duktus des Farbauftrages anklingen.

Ging bei der Projizierung auf das große Format soviel künstlerische Qualität verloren, dass die Schöpferin der Vorlage nicht mehr erkennbar ist? Hat vielleicht gar ein anderer Martha Schrags Entwürfe auf die großen Wandbilder übertragen? Schließlich waren die Bilder im Laufe der Jahre so stark verschlissen und beschädigt, dass die Restaurierung in den 1990er Jahren einer großflächigen Neuerschaffung gleichkam. Eine vergleichende Betrachtung der Originalsubstanz ist dadurch äußerst erschwert.

Da auch eindeutige dokumentarische Belege für die Herstellung der Wandbilder bisher fehlen, lassen sich diese nicht zweifelsfrei Martha Schrag zuschreiben. Die Beantwortung der offenen Fragen im Zusammenhang mit der Zuordnung dieser beiden Wandbilder muss weiteren Forschungen vorbehalten bleiben.

Allein die Tatsache, dass ab 1905 eine Frau und Künstlerin zu Studienzwecken für längere Zeit in eine Chemnitzer Eisengießerei ging, kann unabhängig von der Diskussion um die Urheberschaft der beiden Wandbilder als kleine Sensation gelten. War doch Martha Schrag mit diesem Schritt selbstbewusst in eine bis dahin Männern vorbehaltene Domäne eingedrungen. Autodidaktisch erweiterte Martha Schrag damit zugleich das intensive Naturstudium, das ihr Robert Sterl (1867 - 1932) wenige Jahre zuvor in Dresden immer wieder nahegelegt hatte, um ein weiteres Betätigungsfeld, das sie künftig nicht mehr loslassen würde.

Der Impuls, den Martha Schrag in der Eisengießerei empfing, muss so nachhaltig gewesen sein, dass sie sich fortan häufig der Arbeitswelt in ihrer Kunst widmen sollte. Besonders die mitfühlend-kritische Schilderung sozialer Verhältnisse des Proletariats wurde zu ihrem persönlichen Anliegen. Später stellte sie vor allem schwer arbeitende Frauen und Mütter in den Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens.

Weiterführende Informationen über Martha Schrag und ihre Künstlerkollegen können dem Buch: "Künstlergruppe Chemnitz 1907-1933" (ISBN 3-910186-45-9), das u. a. in der Museumsbibliothek eingesehen werden kann und im Museumsshop des Sächsischen Industriemuseums erhältlich ist, entnommen werden.