Museumskurier - Ausgabe 18 - Dezember 2006

Dr. Jochen Haeusler

Die Familie Ehrhardt aus Zella oder wie kam das Lokomotiven-know-how nach Chemnitz?

Von der Dampfmaschine seines Landmannes James Watt (1736 - 1819) fasziniert, hat George Stephenson (1781 - 1848) die erste Lokomotive gebaut. Mit seinem Sohn Robert (1803 - 1859) gründete er 1823 in England die erste Lokomotiven-Fabrik. Nach Watt und den Stephensons ist ein nächstes Glied in dieser Kette noch einmal ein Engländer und zwar John Cockerill (1790 - 1840), der in Seraing bei Lüttich einen großen Industriekomplex aufbaute, der diese Wirtschaftsregion bis heute nachhaltig prägte. Schon sein Vater war auf den Kontinent gegangen, um in Schweden und Hamburg Textilmaschinen nach englischem Vorbild zu bauen. Bereits damals war der wichtigste know-how-Transfer die Ortsveränderung unternehmungslustiger Erfahrungsträger.

Nach vielen Rückschlägen ging das Konzept in Belgien auf. Mit von der Partie als Direktor war ein Verwandter und bedeutender Industrieller des deutsch-belgisch-niederländischen Grenzraumes Konrad Gustav Pastor (1796-1890). Kurz bevor die beiden um 1833 beschlossen, in den Lokomotivbau einzusteigen, bewarb sich bei ihnen Johann Heinrich Ehrhardt (1805-1883) aus Zella in Thüringen als Mechaniker.

Ehrhardt kam aus ärmlichen Verhältnissen, musste sich für die Konfirmation bei Nachbarn Anzug und Schuhe ausleihen und konnte kein Lehrgeld bezahlen. Deswegen stand dem technisch interessierten Jungen nur das nicht zunftgebundene Gewerbe der Drahtzieher offen. Einer Lehre in den Jägerschen Drahtziehwerken folgte eine weitere Ausbildung beim Büchsenmacher Schramm in Zella. Darauf arbeitete Ehrhardt als Mechaniker in der Münze zu Gotha, um 1831 nach Belgien zu gehen. Erst nach einem halben Jahr Wartezeit, die er in den Diensten eines Optikers in Brüssel verbrachte, ging sein Wunsch in Erfüllung, im Frühjahr 1832 in Seraing im Dampfmaschinenbau beschäftigt zu werden.

Durch Erfindungen und bravouröse Leistungen beim Aufbau der Dampfmaschinen bei Kunden fiel Ehrhardt sowohl John Cockerill als auch Pastor auf, die ihn in die neue Lokomotiv-Abteilung versetzten! Cockerill und Pastor hatten Mitarbeiter in die beiden im Eisenbahnwesen führenden Länder England und Amerika entsandt und auch eine Lokomotive bei Robert Stephenson geordert, nachdem ein belgisches Expertenkomitee die damals noch offene Frage für den Dampfantrieb auf der Straße oder der Schiene für letztere entschieden hatte. Erhardt war von Pastor nach Brüssel geschickt worden, um als Beobachter den öffentlichen Experimenten mit dem (Straßen-)Dampfwagen teilzunehmen. Als er zurückgekehrt vom Scheitern dieser Vorführungen berichtete, wurde in Seraing der Startschuss für den Lokomotivbau gegeben!

Ehrhardt war nicht nur für die Herstellung und mechanische Bearbeitung der Komponenten sowie deren Montage zuständig, er machte auch 1834 mit zwölf fehlerfreien Probefahrten einen "Lok-Führerschein". Auf der Strecke der Brüssel-Mechteler-Bahn, der ersten Hauptbahnstrecke der belgischen Staatsbahnen, fuhr er am 2.8.1834 als Begleiter von Robert Stephenson, der seine Lok selbst überführte, mit - und man entgleiste, da örtliche Fuhrunternehmer der Konkurrenz die Gleise aufgetrennt hatten. Da diese Sabotage das neue Fortbewegungsmittel aber nicht aufhalten konnte, baute Ehrhardt noch weitere Jahre bei Cockerill und Pastor Lokomotiven. Irgendwann in dieser Zeit verbesserte der Praktiker noch seine Theoriekenntnisse durch ein Blitzstudium bei Professor Carl Schäfer an der Kunst- und Gewerbeschule in Düsseldorf.

 

1838 kehrte Heinrich Ehrhardt nach Zella zurück und während er noch Arbeit suchte, erzählte sein Bruder, der in Leipzig als Graveur bei Friedrich Brockhaus arbeitete, seinem Chef von des Bruders Erfahrungen. Friedrich Brockhaus - Sohn des Verlagsgründers F. A. Brockhaus - bat Heinrich Ehrhardt sofort um ein Gespräch, da er sich bei der Neuordnung der Haubold-Aktivitäten in Chemnitz an der Sächsischen Maschinenbau-Compagnie beteiligt und dort den Einstieg in den Lokomotivbau initiiert hatte.

Anhand eines unveröffentlichten Manuskriptes aus der Stadtbibliothek Chemnitz lässt sich nun aufzeigen, welche Personen an der Weitergabe des Wissens um den Lokomotivbau nach Chemnitz beteiligt waren.

Mit einem Empfehlungsschreiben von Brockhaus an Direktor Kaden besucht Ehrhardt noch von Leipzig aus sofort das Chemnitzer Werk und gibt einen sehr ernüchternden Bericht über dessen Eignung für den Lokomotivbau an Brockhaus ab. Dennoch möchte der Technische Direktor Justus Preuss ihn einstellen, da man mit dem Leiter des Lokomotivbaus Direktor Friedrich Overmann nicht zufrieden ist.

Noch vor Amtsantritt am 14.10.1838 überführt Ehrhardt eine angekaufte Musterlokomotive "Sturm" über Landstraßen von Leipzig nach Chemnitz, wobei es zum ersten Streit mit Overmann kommt. Nach weiteren Auseinandersetzungen setzt Ehrhardt bei Brockhaus durch, dass Overmann aus dem Lokomotivenbereich versetzt wird.

1839/40 werden unter Ehrhardts Leitung die ersten Lokomotiven in Chemnitz gebaut, die "Teutonia" und die "Pegasus". Als Konstrukteur nennt Ehrhardt Justus Preuss. Der in der Fachliteratur genannte Konstrukteur Carl August Rabenstein, einer der ersten Lehrer der Gewerbeschule und später Gründer der Firma Rabenstein & Co in Chemnitz, taucht im Manuskript nicht auf.

Während die "Teutonia" sich als zu schwer für die vorgesehene Strecke der Magdeburg-Leipziger Bahn erweist und zum Schiffsantrieb umgebaut wird, erfüllt die "Pegasus" auf der Stecke der Leipzig-Dresdner-Eisenbahngesellschaft ihren Dienst bis 1861. Nach weiteren nicht erfolgreichen Projekten zog sich die Compagnie auf den Bau von Kesseln zurück, die sie für Lokomotiven auf sächsischen Strecken an Wöhlert und Richard Hartmann lieferte. Als sie 1852 in Konkurs ging, war somit das Ehrhardtsche know-how auch innerhalb der Stadt Chemnitz schon weitergegeben. 1843 wechselt Johann Heinrich Ehrhardt als Maschinenmeister zur Sächsisch-Schlesischen Eisenbahngesellschaft, also noch bevor bei Richard Hartmann 1848 der Lokomotivbau erfolgreich begonnen wird.

Neben dem beschriebenen know-how-Transfer sollte die Sächs. Maschinenbau-Compagnie Chemnitz noch in einen musikgeschichtlichen Zusammenhang kommen. Zu den Direktoren der neuen Gesellschaft gehörten nämlich auch zwei Schwager Richard Wagners. Der schon erwähnte Friedrich Brockhaus, der 1828 Wagners Schwester Luise geheiratet hatte, half seinem Schwager Heinrich Wolfram, der mit Wagners Schwester Clara in Chemnitz verheiratet war, nach erfolgreichen Jahren als Opernsänger - in denen er sogar 1834 mit Wilhelmine Schroeder-Devrient im Fidelio in Nürnberg auf der Bühne stand[1] - in ein "bürgerliches" Leben. Der 1799 in Neustrelitz geborene Wolfram wurde zunächst Expedient, später Kassierer und dann Mitglied des Direktoriums.[2] Die Familie Wolfram, die auf dem Fabrikgelände wohnte, diente dem 1849 von den Dresdner Barrikaden fliehenden Richard Wagner als Anlaufstelle in Chemnitz. Durch die Übernachtung bei seinen Verwandten[3] - außerhalb der Stadt - tappte er nicht in den Hinterhalt, der ihm und seinen mitfliehenden Freunden - z.B. dem berühmten Bakunin - in einem Chemnitzer Gasthof gelegt war, sondern konnte sich zur Freude der Wagnerianer nach Jena absetzen und sein Lebenswerk vollenden.[4]

Doch zurück zu Heinrich Erhardt, der Chemnitz auch nach dem Konkurs der Maschinenbau-Compagnie auf das Intensivste verbunden bleibt. Davon zeugt eine in der Stadtbibliothek erhaltene umfangreiche Korrespondenz mit Richard Hartmann, der einen für Ehrhardt in vielen Ländern patentierten Kontrollapparat jahrelang in seine Lokomotiven einbaute und dafür Lizenzgebühren zahlte. Damit Ehrhardt dabei nicht zu kurz kommt, berät ihn sein Freund - und gleichzeitig bekannter Erzrivale Hartmanns - Louis Schönherr in mehreren Briefen, wie er seine Rechte durchsetzen solle.

Das nebenstehende Bild zeigt einen "Auszug über von der Sächsischen Maschinenfabrik zu Chemnitz gelieferten Patente Ehrhardtschen Kontrollapparates"[5].

Zwei Jahre nach Einführung der Reichspatentgesetzgebung - unter der intensiven Mitwirkung von Werner von Siemens und dem Chemnitzer Oberbürgermeister Wilhelm André entstanden - erwirbt "Herr Johann Heinrich Ehrhardt, Maschinenmeister a. D. in Dresden" 1879 auch noch das Patent mit der niedrigen Nummer 71 auf seinen "Apparat zur Kontrolle der Belastung von Lokomotiven, Tender und Wagenachsen".

War in dieser Generation Chemnitz der nehmende Partner, so sollte es in der nächsten Generation schon umgekehrt werden. Johann Heinrich Ehrhardts Neffe Heinrich (1840-1928), ebenfalls in Zella geboren, hat auf seiner Wanderschaft in Chemnitz bei Richard Hartmann gearbeitet und hier bei einem Gartenkonzert seine Frau Augustine, geb. Winkler, Tochter eines Arbeitskollegen, kennen gelernt. Als "Vorreißer" überwachte er die Ausführung der technischen Zeichnungen - ein verantwortungsvoller Posten, der ihn mit Hartmanns breitem Produktionsspektrum bekannt machte. Er wagt den Schritt in die Selbständigkeit, die er 1869 wieder aufgeben muss, obwohl ihm eine so nachhaltige Erfindung gelingt, wie der noch heute bekannte "Glockenkorkenzieher mit Gewindespindel"!

1870 startet er noch einmal als selbständiger Zivilingenieur in Chemnitz und jetzt gibt es kein Halten mehr. Seine Projekte sind erfolgreich und er beginnt nacheinander mehrere Firmen zu gründen. Höhepunkt ist 1885 die "Rheinische Metallwaren- und Maschinenfabrik", noch heute als "Rheinmetall" in Düsseldorf ein bedeutender Mischkonzern. Ehrhardt brachte ein Teil seines Produktspektrums den Namen "Kanonen-Ehrhardt" ein. 1896 folgte die Gründung einer Fahrzeugfabrik in Eisenach und anderer mehr.

In seinen Memoiren "Hammerschläge"[6] - in der Bibliothek des Industriemuseums vorhanden - sind viele dieser hier aufgeführten Episoden geschildert. Hier sei auf folgenden Umstand hingewiesen:

Neben dem Schöpfer der Friedrich Krupp AG und ihrem langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden, dem Chemnitzer Gustav Hartmann, hat mit Heinrich Erhardt ein zweiter Boss an Rhein und Ruhr sein in Chemnitz Erworbenes know-how weitergegeben.

Die in der Stadtbibliothek Chemnitz aufgefundenen "Schätze" sind sehr geeignet, das Konzept des Sächsischen Industriemuseums Chemnitz zu unterstützen, nach welchem auch Personen bekannt gemacht werden sollen, die hinter den Leistungen der Firmen in der Region gestanden haben.

[1] Jochen Haeusler: Die illustren Gäste des Bayerischen Hofes in Nürnberg, 1818-1881, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte Nürnbergs, Nürnberg, Band 91, 2004, S. 223 - 266
[2] Werner P. Seifert: "... ein sächsisches Wagner-Wunder…" - Richard Wagners Beziehung zu Stadt und Region Chemnitz, Vortrag anlässlich der Frühjahrstagung der "Deutschen Richard-Wagner-Gesellschaft e. V." Ostern 2001 in Chemnitz, Nationalarchiv Richard Wagner Stiftung Bayreuth, Sign. A 10168
[3] Walter Rau: Richard Wagner und Chemnitz, "Türmer von Chemnitz", 4. Jahrgang 1938, S.258 ff.
[4] Sibylle Zehle: Minna Wagner - eine Spurensuche, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 2004
[5] Quelle: Stadtbibliothek Chemnitz
[6] Heinrich Ehrhardt: "Hammerschläge", Verlag von K. F. Koehler, Leipzig 1922