Museumskurier - Ausgabe 18 - Dezember 2006

Dr. Joachim Voigtmann

Der erste Nobelpreisträger Sachsens: Friedrich Wilhelm Ostwald

Wenn man auf der Bundesstraße 107 aus Richtung Grimma kommend den Ortseingang von Großbothen erreicht, findet man auf der rechten Seite ein öffentlich zugängiges Parkgelände mit Häusern, Wald, Wiesen, Wasser und einem längst aufgelassenen Granit-Steinbruch. Den Kern dieses Grundstücks erwarb am Beginn des 20. Jahrhunderts der Professor für physikalische Chemie an der Leipziger Universität Friedrich Wilhelm Ostwald (*2. September 1853 Riga, †4. April 1932 Großbothen) für seine Familie. Heute ist das Gelände als Eigentum des Freistaates Sachsen öffentlich zugängig, beherbergt eine Gedenkstätte und im Steinbruch die Begräbnisstätte Wilhelm Ostwalds und seiner Frau.

Im Jahr 1906 beendete Ostwald seine Tätigkeit an der Universität und zog sich als freischaffender Wissenschaftler ganz nach Großbothen als seiner Wohn- und Arbeitsstätte zurück. Im Jahr 1909 erhielt Wilhelm Ostwald als erster sächsischer Wissenschaftler den Nobelpreis für Chemie für seine Forschungen und Ergebnisse auf dem Gebiet der Katalyse, die in der Folge auch zur wirtschaftlichen Nutzung, bspw. zur Salpetersäure-Produktion, führte. Es gehört bis heute zu den Ausnahmen, dass ein Chemiker einen Prozess vom Laborversuch bis hin zur Industrieanlage eigenhändig leitet. Deshalb sollte eine solche Leistung im Chemnitzer Industriemuseum auch gebührender gewürdigt werden - zur Zeit verweist das Museum etwas "mager" lediglich auf Ostwalds Beitrag zur Farbenlehre hin.

Wilhelm Ostwald studierte und promovierte an der Universität Dorpat (heute: Tartu, Estnische Republik). Mit einer periodisch herausgegebenen Zeitschrift zur "Physikalischen Chemie" und einer Schriftenreihe zu "Klassikern der exakten Wissenschaften" sowie der Veröffentlichung eines zweibändigen Lehrbuches "Grundriß der allgemeinen Chemie" wurde Ostwald international bekannt. In Großbothen sind außerordentlich zahlreiche Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Akademien, Ehrendoktor-Verleihungen und Korrespondenzen mit Philosophen, Künstlern und Wissenschaftlerpersönlichkeiten seiner Zeit aufgelistet.

Als freier Forscher verbreitert Wilhelm Ostwald sein wissenschaftliches Betätigungsfeld bis hin zu philosophischen Studien. Auf der Suche nach Gesetzmäßigkeiten für die Entstehung bedeutender wissenschaftlicher Leistungen analysiert er u.a. die Lebensläufe großer Forscher.

Für uns muss heute vor allem auch sein Wirken im "Brücke-Institut" als "Internationalem Institut zur Organisation der geistigen Arbeit" wesentlich bleiben. Als Vorsitzender des "Monisten-Bundes" entwickelt er Überlegungen zur Vereinheitlichung der Registrierung wissenschaftlicher Arbeiten, zu funktionellen Möbeln, zu einheitlichen Papierformaten (DIN-Formate). Im Jahr 1914 nimmt er im Auftrag des Deutschen Werkbundes experimentelle Arbeiten zur Farbenforschung auf. Zum Lebensende betrachtet er die Arbeiten auf dem Gebiet der Farbenlehre als seine bedeutendste Leistung.

Das weiträumige Anwesen in Großbothen, das Wilhelm Ostwald durch zwei ländliche Villen für seine Söhne und ein Labor-Werkstatt-Gebäude für sich selbst ergänzte, beherbergte den gesamten Wissenschaftlernachlass: Manuskripte, Laborgeräte, Bilder, Personalia, eine umfangreiche Bibliothek, 60.000 Autographen unterschiedlichster Briefpartner u. a.

Die schwierige materielle Lage nach dem Krieg veranlasste die Erben, im Jahr 1953 den gesamten Besitz dem Staat (also der DDR) zu übereignen, da die Leipziger Universität den Nachlass ausschlug. Die vom Ministerrat der DDR angenommene Schenkung wurde an die Akademie der Wissenschaften überwiesen. Der Großteil originaler Schriften und Dokumente kam in diesem Zusammenhang an das Staatsarchiv in Berlin, wo sie sich heute noch befinden.

In den 1990er Jahren übernahm der Freistaat Sachsen das Grundstück mit allen Immobilien und dem gesamten beweglichen Nachlass. Im Wohnhaus der Familie, dem Haus "Energie" (nach Ostwalds Wahlspruch: "Vergeude keine Energie - nutze sie") wurden ein Laborraum und die Bibliotheksräume als Gedenkstätte den Besuchern gezeigt und Wissenschaftlern als Arbeitsort angeboten. Die Situation blieb aber eher unbefriedigend und die Betreibung der Einrichtung zu aufwendig.

So wurde Mitte des Jahres 2005 vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst eine Arbeitsgruppe berufen, die Vorschläge für eine bessere Nutzung und Betreibung der Gesamtanlage erarbeiten soll. Bestandteil der Aufgabenstellung war die Entwicklung einer Konzeption für eine Um- bzw. Neugestaltung des musealen Teils der Anlage. Mit letzterer wurde ich beauftragt; sie wurde im November 2005 vorgelegt und enthält im wesentlichen folgende Gedanken:

  • Repräsentative Eingangsinformation
  • Gestaltung einer didaktisch aufbereiteten, ästhetisch anspruchsvoll gestalteten Einführungsausstellung
  • authentische Neugestaltung der Gedenkstättenräume im Haus "Energie"
  • Schaffung eines "science-centres" für Kinder und Jugendliche sowie
  • Gestaltung eines "Atelierhauses" zum experimentellen Arbeiten für Studenten und bildende Künstler in bezug auf Ostwalds Farbenlehre


Diese konzeptionellen Gedanken zur Um- und Neugestaltung des musealen Teils der Wilhelm-Ostwald-Gedenkstätte sollten - so wurde weiterhin vorgeschlagen - gekoppelt sein mit den folgenden Maßnahmen zur bewussteren Wahrnehmung dieses wissenschaftlichen Erbes in Deutschland:

  • Klärung der Trägerschaft
  • verstärkte Werbung für die Gedenkstätte im gesamten Bundesgebiet
  • Organisierung einer Nutzung durch Universitäten und Hochschulen bspw. als Seminarort und
  • kulturelle Nutzung der Liegenschaft bspw. als Ausstellungsort für Kunstausstellungen


Die Umsetzung dieser Konzeption wie auch ein Betreibermodell ist von vielen Faktoren abhängig, nicht zuletzt von den wirtschaftlichen Möglichkeiten potentieller Nutzer und Betreiber. Hoffen wir, dass die Wilhelm-Ostwald-Gedenkstätte als wichtige historische Stätte der Chemie in Sachsen erhalten bleibt und noch vielen Generationen einen Eindruck von einer hohen Zeit des wissenschaftlichen Aufschwungs am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie den für einen solchen Aufschwung erforderlichen Persönlichkeiten vermitteln kann.