Museumskurier - Ausgabe 18 - Dezember 2006

Prof. Dr. Hans Münch

Bildungsrundgang auf dem Friedhof St. Nikolai

Mehr als 120 Personen versammelten sich am Reformationstag (31.Oktober) - trotz mangelhafter Information durch die Printmedien - auf dem Friedhof der evangel.-lutherischen Kirchgemeinde St.-Nikolai-Thomas zu einem vom Förderverein (AGr Regionale Industriegeschichte) gemeinsam mit der gastgebenden kirchlichen Einrichtung organisierten Bildungsrundgang.

Solcherart informative Führungen zu Grabstätten verdienstvoller Chemnitzer Bürger aus Industrie, Kultur und Politik werden von den Arbeitsgruppen RIG und Vereinsleben des Fördervereins seit mehreren Jahren traditionell am Reformationstag durchgeführt. Für 2006 wurde der Friedhof St. Nikolai an der Michaelstraße ausgewählt. Unser Vorhaben, Grabstätten von - zu ihren Lebzeiten in den Stadtteilen Kappel und Kaßberg wirkenden und - weit über Chemnitz hinaus bekannt gewordenen Bürgern vorzustellen und deren Leistungen im Gedächtnis der Chemnitzer zu bewahren, unterstützte die Kirchgemeinde namentlich in Person der Pfarrerin Kühme und Verwalterin Kutscha in dankenswerter Weise. So wurde der Rundgang von "B" wie Familie Baum ("Tresorfabrik") bis "V" wie Albert Voigt ("Sächsische Stickmaschinenfabrik") zu einem vollen Erfolg. Von besonderem Interesse waren weiterhin die Grabstätten von Marianne Brandt, David Gustav Diehl (Gründer der Werkzeugmaschinenfabrik UNION), Martha Schrag[1] und das Erbbegräbnis der Familie Schiersand.

Marianne Brandt (1893 - 1983) und ihre Leistungen als international anerkannte Bauhaus-Designerin wurden in Chemnitz erst spät gewürdigt; manifestiert letztlich in der Gestaltung ihres Grabmals durch einen ihrer Schüler, Clauss Dietel sowie der Benennung einer Straße in der Nähe ihres Geburtshauses. Zu einer weiteren Beschäftigung mit der Künstlerin unter der Maxime ihres Schaffens "Die Poesie des Funktionalen" trägt übrigens als Partner auch das Industriemuseum Chemnitz in der dritten Auflage des "Marianne-Brandt-Wettbewerbs 2007" bei.[2]

Die Grabstätte Schiersand schließlich stand 2006 schon einmal im Mittelpunkt öffentlichen Interesses, eine Bürgerinitiative ließ den Grabstein neu gestalten. Im Zusammenhang mit damit verbundenen Nachforschungen wurden von Dr. Gert Richter (Mitglied des Fördervereins) neue Erkenntnisse zur Familiengeschichte Schiersand gewonnen. Sie betreffen den Bruder des langjährigen Mitglieds im Chemnitzer Stadtparlament (1904-1933 und 1945/6) und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei (1919) bzw. der Liberal-demokratischen Partei (1945) in Chemnitz, Hermann Schiersand, Paul Moritz Schiersand. Dessen Leistungen zur Entwicklung des Chemnitzer Maschinenbaus, vor allem als Generaldirektor der Sächsischen Maschinenfabrik (1904 - 1907) und Vorsitzender des Chemnitzer Bezirksverbandes Deutscher Metallindustrieller von 1889 bis 1907 rechtfertigen in Sonderheit die Bewahrung der Grabstätte als Familiengrab, woran sich der Förderverein finanziell mit einer Summe von 250 € an der Wiederaufstellung des Grabsteins beteiligte.

[1] vgl. Beitrag von Ralf W. Müller (S. 3f)
[2]vgl. Amtsblatt Chemnitz, Nr. 41/2006, S. 1