Museumskurier - Ausgabe 17 - August 2006

Dr. Rita Müller

Von den Anfängen im Büro - weibliche Angestellte in Sachsen

Die Arbeits- und Lebensweise in den Kontoren veränderte sich bis weit ins 19. Jahrhundert hinein kaum. Die Arbeitsteilung war noch wenig ausgeprägt. Der Angestellte lernte alle Arbeitsabläufe und erhielt einen guten Überblick über die Gestaltung sowie die Kontrolle des Geschäfts. Im Gegenzug erwartete der Prinzipal Einsatz und Loyalität. Und da die Tätigkeit als Angestellter oftmals nur ein Durchgangsstatus auf dem Weg zur Selbständigkeit war, orientierte sich das Verhalten der Angestellten an dem des Prinzipals. Das galt für Alltag, Lebensstil, für das politische Verhalten sowie für das kulturelle Engagement. Nicht selten besuchten Geschäftsinhaber und Angestellte die gleichen Konzerte und nahmen gemeinsam an Literaturzirkeln teil.

Das überproportionale Wachstum des Dienstleistungssektors, die Zunahme der Schriftlichkeit und der arbeitsteiligen Organisation, die Zunahme von Mittel- und Großbetrieben, Warenhäusern und Filialketten führten dazu, dass die Zahl der Stellen für Handlungsgehilfen als Verkäufer im Laden wie als Sekretär und Buchhalter im Kontor gewaltig stieg. Neben dem Handel expandierte vor allem die Industrie. Die Zahl der Angestellten in Bergbau, Baugewerbe, Handwerk und Industrie wuchs im Deutschen Kaiserreich von 99.076 (1882) über 263.745 (1895) auf 686.007 (1907) an.

Die meisten Angestelltentätigkeiten veränderten sich in geradezu revolutionärer Weise. In den wachsenden betrieblichen Bürokratien differenzierte sich ein immer breiteres Spektrum von Berufen und Positionen aus. In den Aktiengesellschaften entstand eine neue Schicht leitender Angestellter und mit der immer komplizierteren Technik, dem Fortschreiten der buchhalterisch-kalkulatorischen Erfassung sowie der Bewältigung wachsender sozialversicherungsrechtlicher, steuerlicher und anderer staatlicher Anforderungen wurden arbeitsvorbereitende, planende, kontrollierende und distributive Arbeiten immer wichtiger. Die Anforderungen an die Qualifikation stiegen; das technische Schulwesen wurde ausgebaut und die gewerblich-technische Ausbildung zunehmend akademisiert.

Andererseits vermehrten sich die unteren und mittleren administrativen Aufgaben in der Verwaltung. Viele einst komplexe Tätigkeiten wurden aufgespalten, standardisiert und formalisiert. Im späten 19. Jahrhundert revolutionierten Telefon, Schreibmaschine und Kurzschrift die Welt der Büros. Das 1876 von Alexander Graham Bell und Elisha Gray zum Patent angemeldete Telefon verbreitete sich rasch. Zugleich nahm die Schreibarbeit zu. Sie wurde durch die Verbreitung der Schreibmaschine und der Kurzschrift grundlegend geändert. Weitere neue Hilfsmittel wie Karteisysteme, Registrierschränke, Rohrpostanlagen, Aktenfahrstühle oder Frankier- und Adressiermaschinen erleichterten die Arbeit. Der Bedarf an gering qualifizierten Angestellten stieg.

Um die Jahrhundertwende fanden auch die ersten Frauen in den Büros der Industrie Beschäftigung. Sie übernahmen die einfachen, repetitiven Arbeiten wie Kopieren, Registrieren und Ablegen der Briefe, Bedienen des Telefons oder das Abschreiben der Korrespondenzen. Dabei begünstigte nicht nur die Zunahme der Schreibarbeit, sondern auch die Einführung der Schreibmaschine den Einzug der Frauen in die Kontore. Sie fanden Arbeit als Maschinenschreiberinnen, wie auch das Foto der Firma E. I. Clauß, Baumwollspinnerei Plaue bei Flöha zeigt. Frauen schien eine spezifische Eignung für die Bedienung der Schreibmaschine anzuhaften: die berühmte weibliche Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit. Sie ebneten den Weg in ein neues, ganz den Frauen überlassenes Berufsfeld.

Aber obwohl die meisten höheren, besser bezahlten Positionen in den Händen von Männern blieben und die männlichen Angestellten es unter ihrer Würde empfanden, sich zu "Maschinenschreibern" degradieren zu lassen, rief der Zustrom der Frauen bei den männlichen Angestellten Verdrängungsängste hervor und stieß auf verbitterte Ablehnung. Die alteingesessenen Beamten und Angestellten wandten sich vehement gegen das Eindringen der Frauen in ihren Beruf. Als Gründe gegen die Frauenarbeit wurden dabei angeführt: die Büroluft sei für Frauen gesundheitsschädlich. Sie seien nicht leistungsfähig und intelligent genug, sie hätten keinen Ehrgeiz und betätigen sich als "Lohndrückerinnen". Neben diesen Scheinargumenten kam es zu grotesken Beschwerden der männlichen Angestellten, die sich etwa über "den furchtbaren Geruch nach Veilchen" in den Büroräumen beklagten.

Doch die Proteste der männlichen Angestellten konnten den Vormarsch der Frauen im Kontor nicht aufhalten. Die Zahl der weiblichen Angestellten verdreifachte sich zwischen 1907 und 1928, während sich die Zahl der männlichen nur verdoppelte. Waren 1882 insgesamt erst rund 12 % aller Angestellten und Beamten Frauen, stieg die Zahl 1925 auf 30 %.

Der weibliche Arbeitsmarkt profitierte vor allem von den Rationalisierungsmaßnahmen, die 1923/24 nach der Hyperinflation einsetzten und stark vom Vorbild der USA beeinflusst waren. Durch weitere Zerlegung, Normierung und Kontrolle der Arbeitsvorgänge mit Hilfe von Formularen und Karteien, durch die Einführung von Rechen- und Buchungsmaschinen, Hängeregistraturen, Lochkartensystemen etc. wurde die Büroarbeit umfassend rationalisiert. Auch die Hersteller von Schreibmaschinen nahmen konstruktive Veränderungen vor, um die Schreibleistung zu optimieren. Sie versuchten die Geräusche einzudämmen und den Anschlag zu erleichtern. 1921 kam die erste elektrische Schreibmaschine (Mercedes Elektra) auf den Markt und am 25. April 1934 präsentierte Generaldirektor Hermann Klee im "Hotel Kaiserhof" die erste geräuscharme Schreibmaschine der Wanderer-Werke AG (Silenta). Gleichzeitig wurde die "Zehnfinger-Blindschreib-Methode" propagiert. Neben den niedrigen Löhnen der weiblichen Angestellten schätzten Unternehmer besonders ihre angebliche Unempfindlichkeit gegenüber monotoner Arbeit und ihre geringe Konfliktfähigkeit.

Auch die Verbände der weiblichen Angestellten warben lange Zeit mit der "natürlichen Eignung der Frau" und propagierten traditionelle geschlechtsspezifische Rollenvorstellungen. Erst in der Weimarer Zeit trat ein neues Frauenbild hervor: die wirtschaftlich, politisch und sexuell befreite "Neue Frau"; als ihr Prototyp galt die weibliche Angestellte. Ihr Leitbild war die junge, erwerbstätige, selbstbewusste Frau in der Großstadt. Sie drückte Modernität, Rationalität und Sachlichkeit im Lebensstil (Unabhängigkeit, Sport, Tanzen, Rauchen, Kinobesuche) und durch Kleidung und Frisur aus .Das erstrebte Verhältnis der Geschlechter veränderte sich trotz Demokratisierung und Modernisierung nicht nachhaltig.

Doch was wissen wir über Arbeit, Alltag und Lebensstil dieser Frauen? Was wissen wir von den weiblichen Büroangestellten in Sachsen?

In den Schreibsälen der Großbetriebe und Teilen der öffentlichen Verwaltungen saßen wie im Büro der Stuttgarter Versicherung (Foto) teilweise bis zu 80 Schreiberinnen. Sie klagten über die trockene Zentralheizungswärme, über Lärm und Hektik, über Schmerzen in Handgelenken und Armen etc. Auskunft über die Verhältnisse der Leipziger Kontoristinnen - 1907 wurden in Leipzig 26.116 männliche und 5.018 weibliche Angestellte gezählt, davon waren 3.752 Frauen im Kontor beschäftigt - gibt eine Studie von Ida Kisker aus dem Jahr 1911. Die Arbeit basiert zum einen auf der Auswertung der amtlichen Statistik und zum anderen auf der Auswertung von Fragebögen des Verbands kaufmännischer Gehilfinnen in Leipzig. Sie liefert Hinweise über Herkunft, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen, über Gehälter und Ausbildung der weiblichen Kontorangestellten, aber auch über ihre Lebensverhältnisse. Einige Aspekte seien exemplarisch herausgegriffen.

Die Arbeitszeit der Angestellten lag um 1900 bei acht bis neun Stunden, zuzüglich ein- bis anderthalbstündiger "Tischzeit". Allmählich setzte sich zwar die "englische Arbeitszeit" - der verkürzte Arbeitstag ohne Mittagspause - durch, war jedoch bei den Angestellten in Leipzig noch wenig verbreitet. 55 % der befragten Kontoristinnen arbeiteten in der Regel neun bis zehn, über ein Viertel jedoch zehn bis elf Stunden. Viele Frauen ärgerten sich vor allem über das Zuspätkommen der Chefs am Nachmittag und Abend und die darüber im Geschäftsbetrieb nicht begründete unzweckmäßige Arbeitsverteilung. Eine Kontoristin in einem Fabrikkontor beschwerte sich: "Ein allgemeiner Übelstand ist, daß erst gegen Abend, also gegen Schluß der Geschäftszeit, die Post zur Erledigung gegeben wird. Ich habe manchen Vormittag wenig zu tun gehabt, war dagegen am Abend mit Arbeit überhäuft, sodaß ich selten zur Stunde des Geschäftsschlusses fertig war." Auch Sonntagsarbeit war durchaus üblich. Seit dem 1.8.1900 galt für Leipzig allerdings das "Ortsgesetz, die Beschäftigung der Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter des Handelsgewerbes mit nicht zum öffentlichen Handel gehörenden Arbeiten (Kontorarbeiten usw.) an Sonn- und Festtagen betreffend". Demnach durften Kontorangestellte im Allgemeinen nur an jedem vierten Sonn- und Festtag für zwei Stunden zwischen elf und 13 Uhr arbeiten, an bestimmten Feiertagen überhaupt nicht.

Bei der Gewährung von Urlaub erreichten die Angestellten schon früh Positionen, die den Arbeitern erst später konzediert wurden. Im Staatsdienst waren Ende des 19. Jahrhunderts acht bis zehn Tage allgemeine Praxis. 330 der 465 in der Studie befragten Frauen (71 %) erhielten Sommerurlaub. Er dauerte meist acht bis 13 bzw. 14 Tage bis drei Wochen, zuweilen auch länger. Das Gehalt wurde in der Regel weiter gezahlt und alle, deren Verhältnisse es irgendwie zuließen, verließen Leipzig während dieser Zeit und gingen in die "kleinen Sommerfrischen" der weiteren Umgebung, machten Wanderungen im Erzgebirge, reisten bis an die See oder gar ins Hochgebirge.

Zweifellos wurden weibliche Angestellte schlechter bezahlt als männliche. Die Tarifverträge des Zentralverbandes der Angestellten (1928) sahen einen zehnprozentigen Abschlag gegenüber den Männertarifen vor. Im Manteltarifvertrag für die kaufmännische Angestellte der Sächsischen Textilindustrie vom 28.10.1927 wird festgehalten, dass der "zulässige Abzug für weibliche Angestellte in den Gruppen III und IV 10 %, in den übrigen Gruppen 15 %" beträgt. 40 % der befragten Kontoristinnen bezogen ein Gehalt unter 70 Mark, 51 % erhielten zwischen 70 und 120 Mark.

Die Bezahlung hing auch entscheidend von der Qualifikation ab. Frauen in den kaufmännischen Berufen hatten zumindest bis zur Frühzeit der Weimarer Republik meist nur die Handelsschule absolviert, die Männer dagegen eine mehrjährige Lehre. Die geringe Qualifikation im Vergleich zu den Männern hatte auch zur Folge, dass Frauen selten in höhere Positionen gelangten.

Ingesamt lebten 20 % der befragten Leipziger Kontoristinnen am bzw. unter dem Existenzminimum, obwohl sie überwiegend aus der Schicht der selbständigen Gewerbetreibenden und aus der Oberschicht der Industriearbeiter stammten. Sie waren, wie die meisten weiblichen Angestellten in der Industrie, ledig und gaben in der Regel bei der Heirat ihren Beruf auf. Ein möbliertes Zimmer oder gar eine eigene Wohnung konnten sie sich meist nicht leisten. Sie lebten überwiegend bei Eltern oder Verwandten und mussten sich am Kostgeld beteiligen. Die weiblichen Angestellten waren also wirtschaftlich viel stärker an die Familie gebunden als ihre unverheirateten männlichen Kollegen.

Während diese Frauen eher noch ein Schattendasein führten und dem klassischen Frauenbild entsprachen, repräsentiert Rosel Lohse, Vorführdame für Buchungsmaschinen bei den Wanderer-Werken, den Typ der "Neuen Frau". Sie wirkt modern, blieb ihr Leben lang unverheiratet und kinderlos, war erwerbstätig und selbstbewusst.

Rosel Lohse wurde 1905 als Tochter des Chemnitzer Bauunternehmers Gottreich Lohse geboren. Nachdem ihr Vater 1922 starb, zerbrach seine bis dahin florierende Firma in den Jahren der Inflation. Rosel Lohse wurde wie die meisten weiblichen Angestellten aus wirtschaftlicher Notwendigkeit erwerbstätig. Sie absolvierte in den Folgejahren eine Lehre im Chemnitzer Bankverein und arbeitete anschließend in verschiedenen Banken der Stadt. Im Februar 1931 wechselte sie zu den Wanderer-Werken, zunächst nur als Aushilfe, dann als "Einschreiberin und Vorführdame für Buchungsmaschinen". Doch wie viele andere Firmen auch kämpften die Wanderer-Werke mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise. Rosel Lohse wurde im September 1931 zunächst entlassen, drei Jahre später aber wieder eingestellt. Ihre Arbeit im Außendienst führte die Chemnitzerin nun an die unterschiedlichsten Orte. Sie reiste in ganz Deutschland umher und nach Ausbruch des 2. Weltkrieges auch in die Gebiete des besetzten Polens, um dort in Firmen, Banken und Sparkassen Continental-Buchungsmaschinen vorzuführen und die Belegschaft einzuarbeiten. Sie führte ein unruhiges Leben, war ständig unterwegs, äußerst kommunikativ und nicht konfliktscheu. Rosel Lohse lebte bis zu ihrem Tod (1994) in der Wohnung, in der sie bereits aufgewachsen war.

Anders als Rosel Lohse entstammte Charlotte Lippe (1911 - 1997) der Familie eines selbständigen Bäckermeisters und verbrachte ihre Kindheit im Brühlviertel, einem typischen Arbeiterwohngebiet. Nach ihrem Schulabschluss im Jahr 1925 besuchte Charlotte drei Jahre die 3. Städtische Berufsschule für Mädchen in Chemnitz. Parallel begann sie 1927 eine Ausbildung als Kontoristin bei der Firma Hastrag Werbegesellschaft mbH. Ihre erste Anstellung fand sie in einer Großhandlung, der Firma Stäbers Wittwe & Co., als Kontoristin und Stenotypistin. Auf Grund der Weltwirtschaftskrise musste das Unternehmen 1931 Konkurs anmelden und Charlotte Lippe wurde entlassen. In den nächsten Jahren arbeitete sie als Kontoristin in verschiedenen Chemnitzer Firmen, bis sie 1936 die Stelle als Maschinenschreiberin in der Stadtverwaltung Chemnitz bekam. Den politischen Veränderungen konnte sie sich nicht verschließen; sie passte sich an. Im gleichen Jahre wurde sie Mitglied beim Reichsluftschutzbund, zwei Jahre später bei der Deutschen Arbeitsfront. Doch sie genoss auch die schönen Seiten des Lebens. 1932 verreiste sie das erste Mal alleine; Ziel war das Meer. Mit Freunden fuhr sie nach Göhren an die Ostsee. Ganz nach dem Vorbild von Marlene Dietrich trugen die jungen Frauen jetzt Hosen, was noch eine Generation zuvor undenkbar gewesen wäre. Nach dem Krieg (1948) wechselte Charlotte Lippe zum VEB Energieversorgung Karl-Marx-Stadt. Dort war sie bis zu ihrer Rente (1971) zunächst als Stenotypistin und später als Sachbearbeiterin beschäftigt.

Beide Frauen sind typische Vertreterinnen der weiblichen Angestellten, die nach 1900 geboren wurden und Ende der 1920er Jahren ihre Ausbildung absolvierten. Rosel Lohse und Charlotte Lippe waren wie viele junge Frauen in dieser Zeit aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen zu arbeiten, genossen eine gute Ausbildung, gaben sich selbstbewusst und blieben ihr Leben lang unverheiratet.


Quellen/Literatur:
[1] Frevert, Ute: Vom Klavier zur Schreibmaschine - weiblicher Arbeitsmarkt am Beispiel der weiblichen Angestellten in der Weimarer Republik. In: Kuhn, A./Schneider, G. (Hg.): Frauenrechte und die gesellschaftliche Arbeit der Frauen im Wandel. Düsseldorf 1979, S. 82-112
[2] Kisker, Ida: Die Frauenarbeit in den Kontoren einer Großstadt. Eine Studie über die Leipziger Kontoristinnen. Tübingen 1911
[3] Lauterbach, Burkhart (Hg.): Großstadtmenschen. Die Welt der Angestellten. Frankfurt a. M. 1995
[4] Lorentz, Ellen: Aufbruch oder Rückschritt? Bielefeld 1988
[5] Schulz, Günther: Die Angestellten seit dem 19. Jahrhundert. München 2000 (Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 5)
[6] Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3. München 1995