Museumskurier - Ausgabe 17 - August 2006

Gisela Strobel

Erinnerungen an den Beginn - 15 Jahre Industriemuseum Chemnitz

"Wenn wir jetzt nicht mit dem Aufbau eines Industriemuseums beginnen, brauchen wir es nie wieder zu versuchen."

Dieser Gedanke vereinte zu Beginn der 1990er Jahre - nach dem Zusammenbruch der DDR und damit einhergehender Neustrukturierung der Industriebetriebe - Chemnitzer Ingenieure, Wissenschaftler, Politiker sowie viele an der Stadtgeschichte interessierte Bürger. In großer Zahl standen plötzlich Maschinen und technische Geräte für eine museale Sammlung bereit. Bis vor kurzem waren sie noch in der Produktion notwendig gewesen, nun mussten sie eiligst vor der Vernichtung bewahrt werden.

Die Stadt Chemnitz beschloss, den Gebäudekomplex der ehemaligen Gießerei Richter, später Lehrgießerei des VEB Gießerei "Rudolf Harlaß", als Domizil des entstehenden Museums zur Verfügung zu stellen.

Im Frühsommer 1991 betrat ich das Gelände an der Annaberger Straße zum ersten Mal. Der Hof der ehemaligen Gießerei war angefüllt mit altem Hausrat, den Bürger dort ungeniert abgeladen hatten. Von den unansehnlichen Gebäuden, die ich später als ehemalige Formerei, Putzerei, Gießerei und Verwaltungsgebäude gut kennen lernen sollte, war nicht recht ersichtlich, ob man sie bereits halb abgerissen hatte oder Sanierung und Wiederaufbau ins Stocken geraten waren. Sie machten jedenfalls keinen einladenden Eindruck. Deshalb erhielt ich die Aufgabe, den beiden noch (oder schon) dort tätigen Mitarbeitern bei Aufräumarbeiten zu helfen und die Arbeitsräume für die zukünftige Leitung des "Aufbaustabes Industriemuseum Chemnitz" vorzubereiten. Im Juli 1991 begann der Aufbaustab seine Arbeit. ABM hieß das neue Zauberwort, das alle Mitarbeiter vereinte und bis 1995 in wechselnder Zusammensetzung die Arbeit des Museums sicherte.

Der Aufbaustab stand unter der Leitung des leider viel zu früh verstorbenen und damals vor Ideen sprühenden Dr. Klaus Müller. An seiner Seite arbeiteten Gabriele Hofmann als Verwaltungsleiterin und der Historiker Dr. Wolfgang Uhlmann. Die entstehende Sammlung von Textilmaschinen wurde vom Ingenieur Fritz Pützschler betreut, eigentlich bereits im Vorruhestand. Für den zweiten großen Sammlungsbereich Werkzeugmaschinen war Joachim Seyffarth zuständig. Die Finanzen waren unter der Obhut von Bärbel Unger, im Sekretariat saß Silvia Steinbach und ich betreute die sich entwickelnde Bibliothek, den Sammlungsbereich Sozialgeschichte sowie diverse anfallende Recherchen und organisatorische "Kleinigkeiten", darunter die erste Presseschau.

Das Bergen und Transportieren des schnell anwachsenden Sammlungsbestandes wäre nicht möglich gewesen ohne eine engagierte Gruppe von Handwerkern, die aus dem ehemaligen VEB Stahlgießerei kamen. Die Männer um Peter Groß fuhren mit dem schon etwas klapprigen LKW aus dem Bestand der ehemaligen S(D)AG Wismut unermüdlich von Anbieter zu Anbieter. Sie wurden unterstützt von Peter Heinig, einem in der Restaurierung historischer Maschinen erfahrenen Mitarbeiter, ehemals tätig im VEB Spinnereimaschinenbau.



Über viele Ereignisse aus den ersten Jahren könnte ich ausführlicher berichten. Genannt seien hier nur:

  • die Einweihung der ersten kleinen Informationsausstellung im März 1992, bei der Hans Kerkhoff aus Amsterdam, ein ehemaliger Zwangsarbeiter, Ehrengast war (Foto)
  • das Anmieten der Gebäude der Weberei Tannenhauer in Braunsdorf als Depot und die (jetzt dort noch befindliche) Sonderausstellung zur Weberei
  • die Einrichtung der Schauwerkstatt in der ehemaligen Formerei, in der die Arbeitsgruppe Textiltechnik um Fritz Pützschler und Peter Heinig mit der Restaurierung einer wertvollen historischen Spinnmaschine, eines Halbselfaktors aus der Zeit um 1840, begann und der daraus entstehende Kontakt zum Deutschen Museum in München
  • die heißen Diskussionen um das Ausstellungskonzept für die erste Dauerauerausstellung "Chemnitzer Industrie - Tradition und Wandel" in der zum schmucken Ausstellungsraum umgebauten ehemaligen Putzereihalle, deren Ausgestaltung die von der Stadt Chemnitz und dem Freistaat Sachsen fließenden finanziellen Mittel gestatteten
  • die rege Anteilnahme der Chemnitzer Bürger am Entstehen des Museums, darunter die überwältigende Reaktion auf einen Artikel in der "Morgenpost", der innerhalb einer Woche ca. 100 Angebote brachte
  • das internationale Kolloquium "Das Industriemuseum der 90er Jahre. Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Technischen Museum - Chancen und Grenzen" im September 1992, zu dem Fachkollegen der Fachgruppe Technikhistorischer Museen im Deutschen Museumsbund und England anreisten und das Maßstäbe für die weitere Arbeit setzte
  • die lustigen Geburtstags- und anderen Feste der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Speiseraum und im Hof des Museums
  • und schließlich das jährliche Bangen um das Weiterbestehen des Museums, wenn die jeweilige ABM endete und das stets verbunden war mit einem lebhaften Medienecho in den Chemnitzer Zeitungen.


Die Phase der Provisorien endete 1995, als die Stadt Chemnitz die erste feste Arbeitsstelle, die des Direktors, für das Museum genehmigte. Damit begann dann die Zeit des Kämpfens, Bangens und Hoffens und der intensiven Arbeit für ein repräsentatives Industriemuseum Chemnitz an einem neuen Standort.