Museumskurier - Ausgabe 17 - August 2006

Günter Rudroph

Erinnerung an Carl von Bach

Das Jahr 2006 ist für Techniker Anlass, sich zweier Jahrestage zu erinnern, die sich auf eine Person beziehen. Vor 125 Jahren erfolgte die Erstausgabe des Lehrbuches "Maschinenelemente. Ihre Berechnung und Konstruktion" von Prof. Carl Bach und am 10. Oktober 2006 wäre seines 75. Todestages zu gedenken.

Carl Julius von Bach (*8. März 1847 Stollberg/Sa., †10. Okt. 1931 Stuttgart) war Hochschullehrer, Ingenieur und Wissenschaftler, Ehrenbürger von Stollberg und Stuttgart. Er gilt als einer der "Väter" der Materialprüfung und der modernen Ingenieurausbildung. Sein Wesen war gekennzeichnet durch Fleiß, Ausdauer, Bescheidenheit und Zielstrebigkeit; diese Charakterzüge wurden wesentlich durch Gegebenheiten seiner Familie und der sächsischen Heimat geprägt.

Der Vater, Heinrich Julius Bach, war Sattler und Wagenbaumeister in Stollberg. Die Mutter, Caroline Bach, geb. Keller, schenkte neben Carl Julius noch weiteren drei Kindern das Leben. Durch das Aufkommen der Eisenbahn verschlechterten sich die wirtschaftlichen Bedingungen für den Handwerksbetrieb des Vaters. Da hieß es rege sein und sparsam wirtschaften. Carl Bach besuchte zunächst bis 1856 die Bürger- und Volksschule seiner Heimatstadt, anschließend die gerade gegründete Privatschule für Knaben und Mädchen in Stollberg. Nach seiner Konfirmation begann er zu Ostern 1861 die Lehre als Schlosser bei Meister Bolster in Stollberg. Carl Bach nutzte jede freie Minute zur Weiterbildung; er besuchte die private Sonntagsschule des Gewerbevereins und beschäftigte sich autodidaktisch mit dem Erlernen der englischen und französischen Sprache.

Carl Bach war von Haus aus ein eher schmächtiger Junge; als Kind musste er oft den Arzt aufsuchen. Die Arbeit in der Schlosserei strengte ihn sehr an; Bach aber gab nicht auf. Er trat, um sich körperlich zu ertüchtigen, dem Stollberger Turnverein bei. Seine späteren Erfolge waren wesentlich auf diese ihm eigenen Tugenden zurückzuführen.

Nach der harten Lehrzeit - das Gesellenstück wurde 1863 gefertigt - folgte die Arbeitssuche. Carl Bach fand Arbeit in der Chemnitzer Maschinenfabrik Richard Hartmann, während er bei der Fabrik von Johann Zimmermann wegen noch nicht vorhandener Erfahrung(!) abgelehnt wurde.

Ostern 1864 begann er mit finanzieller Unterstützung seiner Verwandten ein nebenberufliches Studium an der Höheren Gewerbschule Chemnitz. Das Geld reichte aber nicht lange, so musste er im gleichen Jahr in die Werkmeisterschule Chemnitz überwechseln. Die Schule schloss er nach vier Semestern Ostern 1866 mit Bravour ab (Note 1a und Auszeichnung mit einer Silbermedaille). Nach seinem Studium arbeitete er unter Prof. Kankelwitz als Techniker. Bis zum Herbst 1866 war Carl Bach dann nochmals in der Hartmannschen Fabrik als Techniker im Dampfmaschinenbau beschäftigt; danach setzte er seine Studien am Polytechnikum in Dresden fort. Für das Studium konnte er sich zeitweise Geld von einem Stollberger Handwerksmeister leihen. 1868 nahm er ein Angebot für eine Tätigkeit als Assistent seines früheren Lehrers, Prof. Kankelwitz, am Polytechnikum Stuttgart an. 1870 wurde er als Freiwilliger zum Militär einberufen und beim Feldartillerie-Regiment Nr. 12 in Frankreich stationiert. Nach der Entlassung 1871 ging er zunächst wieder nach Stuttgart, kehrte aber Ende des Jahres nach Chemnitz zurück, um als Ingenieur an der Planung des Kanal- und Stollenbaus für die städtische Wasserleitung zu arbeiten.

1872 folgte ein nochmaliges Studium von zwei Semestern an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Hier erwarb er 1873 das Diplom. Es folgten Studien und Arbeit in England (1873-74), Österreich (1874-76) und der Schweiz. Von 1876 bis 1878 war Carl J. Bach kurze Zeit Direktor und Vorstand der Lausitzer Maschinenfabrik AG Bautzen.

Über sein unmittelbares Aufgabenspektrum hinaus beschäftigte er sich mit globalen Möglichkeiten der technischen Entwicklung. So stellte er bereits 1874 in einem Vortrag das Konzept eines Tunnels zwischen England und Frankreich vor.

Am 27. August 1877 heiratete er Sophie Gebhardt aus Luzern, die Tochter eines ehemaligen evangelischen Pfarrers aus Hessen, der in die Schweiz umgesiedelt war und hier eine Buchhandlung betrieb. Aus der Ehe von Carl Bach gingen vier Kinder hervor; Sohn Julius Bach trat in die Fußstapfen seines Vaters. Er wurde später Professor für maschinentechnische Fächer an der Staatlichen Akademie für Technik Chemnitz, wohnte bis Mitte der 1950er Jahre in Chemnitz / Karl-Marx-Stadt und war verheiratet mit der Schweizerin Martha Steinbrüchel.

1878 erhielt Carl Julius Bach die Berufung zum ordentlichen Professor für Maschineningenieurwesen am Polytechnikum Stuttgart (TH Stuttgart). Hier arbeitete er auf dem Gebiet des Dampfmaschinen- und Dampfkesselbaus. 1884-1927 war er Vorsitzender des Württembergischen Dampfkessel-Revisions-Vereins. Prof. Bach richtete in Stuttgart ein Maschinenlaboratorium ein; als 1884 am Polytechnikum Stuttgart eine der ersten Materialprüfanstalten (MPA) in Deutschland gegründet wurde, übernahm er deren Leitung. Zugleich war er von 1885 bis 1888 der erste Rektor am Königlichen Polytechnikum Stuttgart. Bach setzte sich in Stuttgart für eine Überarbeitung der Ausbildung von Ingenieuren ein.

Prof. Bach verband eine feste Freundschaft mit Graf Zeppelin. Auf dessen Anregung geht die Schaffung eines Lehrstuhls für Luftfahrt- und Kraftfahrwesen in Stuttgart zurück. Die Flugpioniere verließen sich auf die Gutachten der Materialprüfung. So untersuchte Bach beispielsweise 1917 in seiner Stuttgarter Materialprüfanstalt Verbindungen an den Tragflächen von Flugzeugen.

Bach arbeitete an der Verbesserung der Berechnungsmöglichkeiten von Konstruktionsteilen unter Verwendung versuchsmäßig bestimmter Werkstoff- und Bauteileigenschaften. Die Auseinandersetzung mit Dimensionierungsverfahren im Maschinenbau führte zur Herausgabe verschiedener Lehrbücher und technisch-wissenschaftlicher Beiträge. Dem Wunsch von Konstrukteuren und Ökonomen beim Materialeinsatz "So wenig wie möglich, so viel wie nötig" konnte nur mit detaillierten Kenntnissen in der Verbindung von Theorie und Praxis entsprochen werden. Der immer perfektere Leichtbau, wie er sich in heutiger Zeit z.B. bei der Erprobung der Zelle des Großraumflugzeuges A 380-800 in Dresden bei der IMA Materialforschung und Anwendungstechnik GmbH zeigt, wäre ohne die Vorarbeiten von Forschern wie Prof. Bach kaum denkbar.

Das Lehrbuch "Maschinenelemente. Ihre Berechnung und Konstruktion" erschien 1881. Prof. Bach erkannte, dass die Analyse der Bauelemente eines Mechanismus und die Kenntnisse über deren Verhalten unter der Belastung für Konstrukteure wichtig waren. Er ermittelte sichere Erfahrungszahlen für die Elastizität- und Festigkeitseigenschaften der Werkstoffe. Im Zeitraum von 1891-1921 wurden von dem Buch "Maschinenelemente" über 30.000 Exemplare in 13 Auflagen hergestellt.

Rudolf Diesel war, wie er betonte, dieses Buch eine wesentliche Hilfe. Als er es in 2. Auflage kennenlernte, unterbrach er seine Arbeit an der Motorenentwicklung und studierte das Werk intensiv von der ersten bis zur letzten Seite.

Prof. Bach entwickelte die Festigkeitslehre zur Erfahrungswissenschaft. 1889 erschien das Werk "Elastizität und Festigkeit". Er ermittelte zulässige Spannungen für verschiedene Materialien und untersuchte die Elastizität und das Festigkeitsverhalten von Maschinenelementen. Die von ihm ermittelten zulässigen Materialspannungen und die dauerfestigkeitsgerechte Einteilung in drei Belastungsfälle (ruhende, schwellende und schwingende Beanspruchung) prägten die Arbeitsweise nachfolgender Ingenieur-Generationen.

Prof. Bach führte als erster weitreichende Forschungen auf dem Gebiet des Stahlbetons durch. Mit Unterstützung der Materialprüfung wirkte er für die Anerkennung der Festigkeitslehre als Erfahrungswissenschaft. Er gilt so als Begründer der modernen Festigkeitslehre und "Vater der Materialprüfung". Carl Julius von Bach steht damit in einer Reihe verdienstvoller Forscher der Werkstofftechnik wie z.B. August Wöhler, Johann Bauschinger, Ludwig von Tetmajer und Adolf Martens.

Prof. Bach wurde Vorsitzender des Württembergischen Ingenieurvereins des VDI. Zusammen mit G. A. Zeuner entwickelte er für den VDI Konzeptionen zur Neugestaltung der Ingenieurausbildung. Diese Arbeiten trugen dazu bei, dem sozialen Stand der Ingenieure in Deutschland ein höheres Ansehen zu verschaffen.

In der späteren Fachliteratur des 20. Jahrhunderts findet sich noch lange Zeit der Bezug auf "Bach", sei es bei den Angaben zu Nietverbindungen, bei der Dimensionierung von Kurbelwellenzapfen oder bei zulässigen Spannungen im Betonbau. Die Ergebnisse seiner Forschungen wurden zum Allgemeingut der Menschen und seine Werke für Generationen von Ingenieuren zu Standardlehrbüchern.

Carl von Bach blieb aber stets mit seiner Heimat verbunden; er gründete 1920 eine Stiftung zur Unterstützung armer Stollberger Einwohner. Als 1921 in Chemnitz eine "Gesellschaft von Freunden der Gewerbeakademie, Bauschule und Gewerbelehrer-Bildungsanstalt" ins Leben gerufen wurde, übernahm Prof. Carl Julius von Bach den Ehrenvorsitz; 1923 zählte die Gesellschaft fast 400 Mitglieder.

Professor Bach erhielt 1903 die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Berlin und 1927 die gleiche Ehrung von der Technischen Hochschule in Stuttgart. Bereits 1895 wurden er und seine Frau für seine Verdienste vom König von Württemberg in den nichterblichen Adelsstand erhoben. Carl Julius von Bach war Königlich Württembergischer Baudirektor; 1914 wurde er zum Württembergischen Staatsrat ernannt.

Spätere Stollberger Ehrungen erfolgten nach seinem Ableben (z.B. 1958 die Ausstellung im Heimatmuseum Stollberg "Staatsrat Carl von Bach - eine Schau aus seinem Leben" und am 8. März 1997 die Umbenennung einer Straße und des Stollberger Gymnasiums).

Aber wie so oft, hat es der Prophet in der Heimat schwer. Im Buch "Hundert sächsische Köpfe" vom Chemnitzer Verlag (2002) findet man keinen Hinweis auf Carl Julius von Bach. Die Stadt Chemnitz widmete ihm 2001 letztendlich eine Straße im Gewerbegebiet an der Neefestraße. Der Gedanke, einen Chemnitzer Universitäts-Bau nach ihm zu benennen, ist leider zur Zeit auch noch nicht über die Diskussionsphase hinausgekommen.

Der Nachlass des Prof. Carl von Bach befindet sich im Archiv der TU Chemnitz und umfasst 20 lfm. Akten! Erwähnenswert wäre noch die Adresskartei der 3.130 Korrespondenzpartner, von denen 30.000 Briefe (in Kopie) von Bach an diese und 25.000 Briefe von diesen an Bach im Original erhalten sind.


Literatur:
[1] Luksch, A. "Graue Eminenz und Lichtgestalt", Freie Presse vom 7. März 1997
[2] Naumann, F. "Carl Julius von Bach (1847-1931), Pionier-Gestalter-Forscher-Lehrer-Visionär", Stuttgart 1998, Verlag Konrad Wittwer, ISBN 3-87919-260-X
[3] v. Bach, C. J. "Mein Lebensweg und meine Tätigkeit" - Eine Skizze, Julius Springer Verlag, Berlin 1926
[4] Kleine Chronik großer Meister, Erzgebirger, auf die wir stolz sind, TeiI I und Teil II, Druckerei & Verlag Mike Rockstroh, Aue, 2002