Museumskurier - Ausgabe 17 - August 2006

Prof. Dr. Friedrich Naumann

Ein Mann der Rechentechnik: Günther Jornitz beendete sein aktives Berufsleben

Der bekannte Technikhistoriker Conrad Matschoß bemerkte anlässlich der Herausgabe seines Buches "Männer der Technik" (Berlin 1925) im Vorwort: "Weder Mit- noch Nachwelt haben sich bisher sonderlich bemüht, Kränze zu winden denen, die mit machtvollem Können am Riesengebäude der Technik gearbeitet haben" und forderte deshalb auf, "deren ehrend und dankbar zu gedenken, die vor uns waren". Für den Abschied aus dem Berufsleben gilt dies in besonderem Maße, denn einen ähnlich tiefen Schnitt hat das Leben wohl kaum zu bieten. Vielen Arbeitgebern gebricht es leider an entsprechenden Manieren, und so vollzieht sich der Abschied vielfach glanz- und würdelos. Großes Lob gebührt deshalb unserem Industriemuseum, das Ausscheiden von Günther Jornitz in repräsentativem Rahmen ausgerichtet zu haben. Am 5. Juli 2006 waren dazu die Mitarbeiter des Museums, ehemalige Kollegen aus dem VEB Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt, aus ABM der Ascota GmbH und Gäste herzlich eingeladen. Es gab nicht nur freudiges Wiedersehen, gute Tropfen sowie Abschiedsgeschenke, sondern auch Wehmut.

Ich hatte die Ehre, die Laudatio zu halten und möchte das Wichtigste zu Leben und Wirken hier wiedergeben:

Herr Jornitz, geboren am 30. April 1935, wuchs in Loburg (Landkreis Anhalt-Zerbst) auf. Seine Berufsausbildung bei einer Astra-Vertretung in Magdeburg beendete er 1952 als Büromaschinenmechaniker. Zur besseren Versorgung des Kundendienstes absolvierte er bald darauf im VEB Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt einen Ausbildungslehrgang für Astra Saldier- u. Buchungsmaschinen der Kl. 0-2, wenig später auch für Astra Buchungsmaschinen Kl. 5 und 6. Ab 1956 arbeitete er beim Kundendienst der Firma Bürotechnik Halle/S., bildete jedoch im Auftrag des VEB Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt zugleich Kundendienstmechaniker für Astra bzw. Ascota Büromaschinen in sechswöchigen Lehrgängen aus. 1961 beauftragte man ihn erstmals mit der Betreuung von 27 Büromaschinen auf der internationalen Messe in Neu Dehli sowie der Produktpräsentation bei den Indischen Büromaschinenvertretungen in Kalkutta und Bombay. Dieser 15wöchigen Dienstreise folgte ein Einsatz bei der Ascota-Vertretung in Mexiko City mit der Aufgabe, Mechaniker für den Buchungsautomat Ascota Kl. 170 auszubilden. Die Schulungen von Büromaschinenmechanikern auf Erzeugnisse des Werkes und die Unterstützung der Kundendienstvertretungen im In- und Ausland bildeten ab 1964 schließlich den Hauptinhalt seiner hochqualifizierten Tätigkeit. Damit verbunden waren weitere Auslandseinsätze - 1965 nach Indien und Australien (Währungsumstellung) mit der Aufgabe, Büromaschinenmechaniker auf Ascota Kl. 170 auszubilden, 1966 bis 1971 nach Melbourne und Sydney, um hier als "Stützpunktkader" des Außenhandels der DDR den Kundendienst für Ascota Kl. 170 bei den Büromaschinenvertretungen aufzubauen und zudem die dafür erforderlichen Büromaschinenmechaniker zu qualifizieren, Reklamationen zu bearbeiten usw., ab 1972 auch in viele sozialistische Länder, 1975 schließlich nach Australien, Neuseeland, Luxemburg, Iran, Sri Lanka, Vietnam und in die Sowjetunion. Im Mittelpunkt stand also stets die legendäre und internationale Aufmerksamkeit erheischende Buchungsmaschine Klasse 170, 1964 in Paris geehrt als "Königin der Buchungsautomaten" und mit einer ununterbrochenen Produktionszeit von 28 Jahren (1955-1983) eine technische Ausnahmeerscheinung auf diesem heiß umkämpften Sektor.

Die politische und wirtschaftliche Zäsur der Jahre 1989 und 1990 bedeutete leider auch das Ende dieses traditionsreichen Industriezweiges und aller internationalen Verbindungen. Herr Jornitz übernahm deshalb zunächst die Leitung einer ABM in der Ascota GmbH mit dem Ziel, die Firmengeschichte aufzuarbeiten und Büromaschinen der ehemaligen Astrawerke Chemnitz und des ehemaligen VEB Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt zu sammeln und zu restaurieren, um sie zum gegebenen Zeitpunkt in das Industriemuseum zu überführen. In dieser Zeit unterstanden ihm bis zu 14 Arbeitskräfte, die mit großem Fleiß und Gewissenhaftigkeit an diesen Aufgaben mitwirkten. Ab 1994 arbeitete er schließlich als "Referent für Büromaschinen" im Industriemuseum, hatte gleichermaßen wieder ABM zu leiten und Verantwortung für historische Belange wahrzunehmen. Besondere Herausforderungen waren die Vorbereitung der Dauerausstellung im Industriemuseum, aber auch die Gestaltung von Sonderausstellungen, wie z. B. unter dem Titel "Mit Sachsen ist zu rechnen" anlässlich der Konferenz "Informatik in der DDR - eine Bilanz" im Jahre 2004. Gut in Erinnerung sind auch begeisternde Führungen vor Studenten der Technischen Universität, die mehrmals im Jahr stattfanden und fundierte Einblicke in die "Geheimnisse" der mechanischen Rechentechnik vermittelten.

Im Ergebnis seiner mit persönlichem Engagement und großer Verantwortung wahrgenommenen Tätigkeit konnte in den eineinhalb Jahrzehnten eine einzigartige Sammlung von Schreib-, Rechen- und Buchungsmaschinen, Fernschreibern, Computern mit Schwerpunkt Chemnitzer Region sowie - aufgrund der historischen Verflechtung -Sömmerda (Thüringen) mit über 850 Exponaten aufgebaut werden, wovon gut 600 restauriert und vorführfähig sind. Zur Bilanz zählen auch die Schaffung einer umfangreichen Dokumentation, der Aufbau mannigfacher Kontakte zu Sammlern und Museen sowie die Publikationstätigkeit zu Wanderer und Ascota.

Der Astra-Firmengründer John E. Greve hielt sich von Anbeginn seines Schaffens an das Credo "Per aspera ad astra" - es scheint, als hätte Herr Jornitz sein Leben gleichermaßen nach diesem berühmten Wort ausgerichtet. Der römische Philosoph Seneca mahnt im Essay "De brevitate vitae" (Von der Kürze des Lebens) jedoch auch, dass man im Heute und nicht im Morgen leben soll, und dass das Ziel des Lebens mehr Muße, nicht mehr Arbeit ist. Welch weise Entscheidung im 71. Lebensjahr, dies endlich ernst zu nehmen und trotzdem weiterhin mit Rat und Tat zur Verfügung zu stehen. Wir übermitteln dazu unsere besten Wünsche und freuen uns, auch in Zukunft wie bislang gemeinsam wirken zu können.