Museumskurier - Ausgabe 17 - August 2006

Dr. Jochen Haeusler

Ein Chemnitzer Absolvent beleuchtete Lew Tolstois Jasnaja Poljana?

In den USA leben viele Universitäten von den Spenden ihrer erfolgreichen Absolventen (Alumni). Die Chemnitzer Universität hat sich bis vor kurzem um ihre Absolventen überhaupt nicht gekümmert - ein erster gut besuchter Alumnitag fand 2003 statt, ein weiterer folgte am 4. April diesen Jahres. Da im Universitätsarchiv die Matrikelbücher, in denen die Studienzeiten der Studenten aufgeschrieben wurden, erhalten sind, wurde vor einiger Zeit damit begonnen, in diesen Büchern Absolventen zu suchen, die Erfolg im Leben hatten. Die "Freie Presse" half dabei, diese wieder bekannt zu machen - zum Wohle der Universität. So wurde ab 2001 über Gotthelf Anton Wiede berichtet, über Willy Poege, Bernhard Zeitschel, Max Kohl, Otto Winkler, die Haubolds und diverse Chefs der Firma Union, die ihre Karriere einer guten Ausbildung in Chemnitz verdankten.

Nun kann eine weitere Geschichte erzählt werden von einem Absolventen, der Chemnitzer Innovationen im Ausland durchsetzte und andererseits über seine Familiengeschichte mit stadtbekannten Chemnitzer Persönlichkeiten aus Technik und Kultur verbunden ist. Die Rede ist von Ernst Wilhelm Kretschmar (1872-1946). Er wurde als Sohn des Gutsbesitzers Karl Gottlieb Kretschmar in Deutsch Ossig (bei Görlitz) geboren und im Matrikelbuch von Ostern 1891 bis Michaelis 1892 geführt. Er besuchte die Werkmeisterschule, Abt. Mechanische Technik und ging mit Zeugnis ab. Von besonderer Bedeutung ist aber, dass er im Sommersemester 1892 bei Prof. Weinhold Allgemeine Elektrotechnik hörte und zwei Stunden Repetition der Allgemeinen Elektrotechnik besuchte. Da dieses Fach erst an wenigen Hochschulen gelehrt wurde, war Kretschmar offenbar ein begehrter Spezialist und die Poeges, die selbst als Unternehmer im jungen Gebiet der Elektrotechnik bei Weinhold die Schulbank gedrückt hatten, heuerten ihn für ihre Firma an.

Er diente der fortschrittlichen Chemnitzer Firma aber nicht vor Ort, sondern vertrat sie und ihre Produkte im fernen Moskau, wo er sich selbständig machte. Im Adressbuch "Vsja Moskva" finden wir seine Eintragung: Eine Firma für elektrische Beleuchtung und Zentralheizung (Bild, 1. Anstrich). Wie viele einsame Ausländer ging er zum Mittagstisch zu Fanni Andrejevna Lamprecht, die die Patentante seiner Kinder wurde, sich nach der Internierung (1914) mit den Kretschmars nach Chemnitz durchschlug, dort ihr in Moskau verdientes Geld teilweise an ihre Erben, die Patenkinder Karl und Fritz Kretschmar, weitergab und 1919 mit russischer Grabinschrift beerdigt wurde; erst 1985 verschwand dieses Grab.

Zu Kretschmars Kunden soll das Gut Jasnaja Poljana gehört haben, möglicherweise erst nach Lew Tolstois Tod (1910). Die Gutsbesitzer strebten ja als erste nach westlichem Zivilisationsstandard und konnten sich elektrische Beleuchtung etc. auch als erste leisten.

Wenn man unterstellt, dass sich im damaligen Moskau die wenigen Spezialisten für Elektrotechnik untereinander gekannt haben, so ist es wahrscheinlich, dass Kretschmar den leitenden Herren der dortigen Siemens-Firmen ein Begriff war: Klasson, Krassin, Krischjanovski, Vinter u. a., die alle unter Lenin bei der Elektrifizierung des Landes eine große Rolle gespielt haben.

Als die Geschäfte gut liefen, holte Wilhelm Kretschmar aus Chemnitz seine Frau Thekla, geb. Schuffenhauer nach, die ihm in Moskau die Söhne Karl (1905) und Fritz (1907) gebar; die Schuffenhauers waren Textilunternehmer.

Theklas Mutter, Johanna Thekla geb. Weigand, war eine Tochter des legendären Chemnitzer Turnvaters und Begründers des städtischen Brandschutzes Johann Ambrosius Weigand (1799-1868). Sein Grabstein ist mit Recht bis zum heutigen Tage auf dem Alten Friedhof an der Zschopauer Straße erhalten. Sein Sohn Herrmann fiel 1849 auf den Dresdner Barrikaden.

Die jüngste Tochter Ambrosius Weigands, die 1844 geborene und im Gegensatz zu den anderen sieben Kindern in St. Johannis getaufte Johanna Eugenia, heiratete Friedrich Julius Schreiber (geb.1837). Ihr gemeinsamer Sohn Wilhelm nahm den Namen Schreiber-Weigand (1879-1953) an. Wilhelm Kretschmar ist also der angeheiratete Vetter dieses für die Chemnitzer Museumslandschaft so bedeutenden ersten Direktors der städtischen Kunstsammlungen. Schreiber-Weigand besuchte wiederholt seine Cousine Thekla, wie die Nachfahren zu berichten wissen.

Nach Chemnitz zurückgekehrt arbeitet Wilhelm Kretschmar wieder bei Poege in der Zentralabteilung, wie eine erhaltene Postkarte vom Januar 1929 aus dem Kollegenkreise belegt. 1932 ging er infolge der Weltwirtschaftskrise in den Ruhestand. Wilhelm Kretschmar starb im April 1946, seine Frau Thekla im Januar 1949 in Chemnitz.

Seinem Sohn Fritz halfen seine Russischkenntnisse, bei der von russischen Juden geführten Textilfirma Gebrüder Belinki, in Bräunsdorf (bei Limbach-Oberfrohna) Fuß zu fassen. Das Schicksal dieser Firma und des Grundstücks, das mit dem Erbe der Patentante Lamprecht angeschafft werden konnte, ließen die Familiensaga noch über die Wende hinaus mit zeitgeschichtlich typischen Episoden weitererzählen, aber Berichterstatter und Leser würden sich dabei zu sehr vom mutigen Absolventen der Werkmeisterschule entfernen, der mit seinen aktuellen in Chemnitz erworbenen Kenntnissen in die Fremde zog und den das Schicksal wieder hierher zurückkehren ließ.

Die geschilderten Episoden sind durch herrliche Fotos belegt (sowohl aus Chemnitz als auch aus Moskau), die der Enkel Dr. Fedor Kretschmar (Berlin) dankenswerterweise dem Industriemuseum Chemnitz - zur Veranschaulichung der facettenreichen Industriegeschichte der Stadt - schenkte.