Museumskurier - Ausgabe 17 - August 2006

Claus Beier

Aus der Restaurierungswerkstatt

Im Jahre 1947 erfand Heinrich Mauersberger (1909-1982) die Nähwirktechnik Malimo. Seine Grundidee bestand darin, die hohe Arbeitsgeschwindigkeit der Nähmaschine für die Stoffbildung zu nutzen. Eine zehnmal höhere Leistung als beim klassischen Weben war keine Utopie. Es sollte jedoch noch mehr als zehn Jahre dauern, bis die ersten Produktionsmaschinen dieser neuen Technologie gebaut und industriell genutzt werden konnten.

Seit Bestehen des Industriemuseums Chemnitz bemüht sich der Arbeitsbereich Textiltechnik um eine Produktionsmaschine aus den Anfangsjahren der Nähwirktechnik Malimo. Auch die intensive Suche bei der Vorbereitung der Dauerausstellung am neuen Museumsstandort in der Zwickauer Straße blieb ohne Ergebnis. Ein von der TU Dresden übernommener Maschinenblock einer Nähwirkmaschine war unvollständig und wenig geeignet, das Funktionsprinzip der Malimo-Technik in Funktion zu demonstrieren. Durch Zufall kam in einem Gespräch des Referenten für Textiltechnik, Claus Beier, mit dem Vorsitzenden des Forster Tuchmachervereins, Dr. Pohl, dieses Thema zu Sprache. So erfuhren wir, dass in einer Halle in Forst noch eine komplette Maschine, Typ Malimo 500, Baujahr 1960 lagerte; sie stammte aus der ehemaligen Ingenieurschule für Textiltechnik in Forst.

Der Tuchmacherverein erklärte sich bereit, die Maschine dem Industriemuseum Chemnitz als Dauerleihgabe zu überlassen. Im September 2003 erfolgte der Transport der Maschine nach Chemnitz. Sie wurde in die Restaurierungswerkstatt am alten Museumsstandort, Annaberger Straße, gebracht. Hier nahmen sich die Herren Wilhelm Thieme, Wolfgang Seiferheld, Gerd Heinrich und Wolfgang Orantek, alle Mitglieder der Seniorenarbeitsgruppe Textiltechnik, dieser Maschine an; im März 2004 begannen sie mit der Restaurierung.

Die Maschine war in Baugruppen zerlegt, stark verschmutzt und angerostet. Zuerst erfolgte die gründliche Reinigung und Konservierung der gesamten Maschine, danach konnte sie zum Gesamtensemble zusammengebaut werden. Die parallel dazu durchgeführte Begutachtung der Arbeitselemente zeigte, dass viele der mehr als 1.000 in Fassungen gegossenen Loch-, Schieber-, Gegenhalter-Nadeln und Einhängehaken verschlissen, defekt und somit nicht mehr funktionstüchtig waren. Die Arbeitsgruppe suchte Hilfe bei der Industrie und hatte Erfolg. Die Firma Schmietex (Chemnitz) stellte aus ihren Beständen kostenlos die benötigten Nadelfassungen zur Verfügung und die Firma KARL MAYER Malimo (Chemnitz) goss Nadelbleie nach und stellte sie unentgeltlich zur Verfügung; damit konnte die Maschine neu bestückt werden. Der durchgeführte Funktionstest ergab, dass die Maschine mechanisch in Ordnung ist. Der im Rahmen einer ABM-Maßnahme im Industriemuseum tätige Elektriker, Detlef Graf, nahm sich der Elektrik an. Das Team der AGr Textiltechnik konnte sich bei seiner Arbeit auch auf ehemalige Monteure und Techniker des VEB Malimo bzw. der KARL MAYER Malimo GmbH stützen. Uneigennützig halfen sie mit ihrem fachlichen Rat und legten auch selbst mit Hand an. Die für die Bestückung der Maschine benötigten Garne und Zwirne lieferte die Sächsische Baumwollspinnerei GmbH Mittweida gleichfalls unentgeltlich. Die bereitgestellten Fadenspulen mussten in unserem Hause umgespult werden, um die für die Aufsteckgatter benötigten Abmaße zu gewährleisten. Diese Arbeit übernahmen die Maschinenvorführer der Textilstraße.

Nun konnte die Einrichtung der Maschine beginnen. Dabei mussten 800 Fäden fachgerecht in die Maschine eingezogen werden. Das hieß, jeden Faden einzeln an mehreren Stellen durch kleine Porzellanösen zu fädeln. Der im Sommer 2005 erfolgte Umzug ins neue Depot an der Zwickauer Straße unterbrach die Restaurierungsarbeiten; die Maschine musste teilweise demontiert und für den Transport vorbereitet werden. Die bisher eingezogenen Fäden wurden abgeschnitten, zu Bündeln zusammengefasst und an der Maschine befestigt. Nach dem Transport in die Montagehalle des neuen Depots begann das Spiel von vorn. Die 800 Fäden mussten nun wieder an die gesicherten Fadenenden angeknüpft werden; ein Geduldsspiel ohnegleichen. Doch auch das war endlich geschafft. Unter Mitwirkung des bereits genannten Fachpersonals konnte die Maschine angeschaltet werden. Doch noch ging nicht alles glatt. Einige Fäden mussten neu eingezogen werden, um die störenden Kreuzungsstellen zu beseitigen. Es gab verschiedene Feineinstellungen zu korrigieren, so auch den gesamten Warenabzug. Dann ging alles ganz schnell. Die ersten Meter Stoff entstanden auf der "neuen" Maschine.

So wurde ein wertvoller Sachzeuge aus den Anfangsjahren der Nähwirktechnik zu neuem Leben erweckt. Wir sind heute in der Lage, einfache Stoffe auf der Maschine herzustellen. Dabei wird sichtbar, welch hohe Arbeitsgeschwindigkeit mit der Malimo-Technik erreichbar ist.

Für Restaurierung und Inbetriebnahme dieser Maschine leistete das Team der AGr Textiltechnik ca. 1.300 Stunden ehrenamtliche Tätigkeit.

Am 26. September wird die restaurierte Maschine im Rahmen einer Abendveranstaltung allen Interessierten vorgestellt und in Funktion gezeigt. Gemeinsam mit dem Videoklub "Schlossberg e.V." (Chemnitz) ist eine Video-Dokumentation über die Restaurierung der "Malimo 500"geplant.