Museumskurier - Ausgabe 17 - August 2006

Dr. Bernd Weber

40 Jahre Entwicklung der Steuerungstechnik in Karl-Marx-Stadt / Chemnitz

Zu diesem Thema fand am 9. Mai dieses Jahres ein Kolloquium im Industriemuseum statt. Diese Veranstaltung wurde durch eine Ausstellung von Sachzeugen der Steuerungstechnik ergänzt, die zum großen Teil aus Beständen des Museums zusammengestellt worden sind. Zu diesem Kolloquium hatte die Siemens AG Automation & Drives des Standortes Chemnitz mit Unterstützung der AGr Steuerungstechnik des Fördervereins eingeladen.

Viele Mitarbeiter der ehemaligen Betriebe VEB Numerik "Karl Marx" (NKM), Forschungszentrum des Werkzeugmaschinenbaues und der WMW, aber auch Mitarbeiter und Kunden des heutigen Siemens-Standortes haben die Einladung mit Freude angenommen. Der gut gefüllte Saal war dafür Ausdruck und Grundlage eines regen Austausches von Erfahrungen und Erinnerungen.

In seiner Eröffnung erinnerte Herr Dr. Kroemer, Leiter des Standortes Chemnitz, an Siemens-Aktivitäten in Chemnitz, beginnend mit der 1. Vertretung Siemens & Halske AG im Jahre 1890 bis hin zum heutigen Standort im Industriepark an der Clemens-Winkler-Straße. Dieses Engagement wurde durch die Enteignung im Jahre 1948 bis zur Gründung der Siemens Automatisierungstechnik Chemnitz GmbH im Jahre 1991 unterbrochen.

Den Anfangspunkt in der Entwicklung der Steuerungstechnik - gemäß dem Thema des Kolloquiums - setzte Dr. Hans Jochen Bartsch in seinem Vortrag auf das Jahr 1965, als er den Auftrag bekam, eine FuE -Stelle innerhalb des VEB Starkstromanlagenbau (später: VEB Numerik "Karl Marx") aufzubauen. Die Entwicklungsverantwortung trug Dr. Bartsch bis 1990. Er verstand seine Aufgabe innerhalb eines Leitbetriebes für NC/CNC immer im Zusammenhang mit Logikeinheit, Anpassteuerung, Starkstromteil, Antrieb und programmierbarer Steuerung (SPS). In seinem Vortrag setzte er sich kritisch mit den Problemen der Entwicklung unter den Bedingungen der staatlichen Planwirtschaft auseinander. Anhand des breiten Spektrums der entwickelten Produkte konnte er darauf verweisen, dass trotz der erheblichen Nachteile dieses Wirtschaftssystems und der fehlenden Bauelementebasis anerkannte wissenschaftlich-technische Leistungen in Zusammenarbeit mit Entwicklungspartnern und den Industriebetrieben erbracht worden sind.

Bereits vor diesem Zeitpunkt vollzogen sich Entwicklungen auf dem NC-Gebiet, die letztendlich durch die neugegründete FuE-Stelle gebündelt werden sollten. Die Herren Schneider und Rietschel beschrieben in ihrem Vortrag, dass im Elektrobüro Dresden unter der Leitung von Herrn Lottmann ab 1958 der Prototyp einer numerischen Bahnsteuerung entwickelt und gefertigt wurde. Diese später unter dem Namen "Paramat" bekannte Steuerung wurde von der Abteilung Elektrotechnik des Institutes für Werkzeugmaschinen (1970: Forschungszentrum des Werkzeugmaschinenbaus) weiterentwickelt und zur industriellen Anwendung gebracht; hierin hatten die beiden Autoren einen persönlichen Anteil. Mit der Verbesserung der Bauelementebasis entstand schließlich daraus die nächste Generation BNC 3.

In den folgenden Vorträgen wurden Produkte des Zeitabschnittes bis zum Jahr 1990 vorgestellt. Herr Dr. Sobottka sprach zur SPS (z.B. PS 2000, PC 600, SPS 7000), Dr. Haufert gab einen Überblick zu den CNC-Generationen (z.B. CNC 600 und CNC-H 600, CNC 700) und Herr Professor Schulze zu werkzeugmaschinenspezifischen Antrieben (z.B. TUD 6 bzw. TDR 100).

Herr Petzold konnte in seinem Vortrag auf den guten Stand der Fertigungs- und Prüftechnologien im NKM hinweisen. Leider musste der Vortrag zur Steuerungs- und Antriebsentwicklung der letzten 40 Jahre im Siemens-Gesamtunternehmen krankheitsbedingt ausfallen.

Herr Dr. Hauesler stellte dar, dass mit der Gründung der Siemens Automatisierungstechnik Chemnitz GmbH im Jahre 1991 und deren Eingliederung in die Siemens AG im Jahre 1992 positive Wirkungen für Siemens entstanden sind; die Ingenieure und Facharbeiter mit ihrer hohen Qualifikation bewährten sich am Standort Chemnitz.

Herr Dr. Kehrer zeigte in seinem Vortrag, dass in Chemnitz die neue Produktfamilie SINUMERIK 802 zur Steuerung von Werkzeug- und Bearbeitungsmaschinen entwickelt und appliziert wurde. Die SPS-Entwicklung, so die Darstellung von Herrn Meier, brachte Funktionsmodule der S7-300/400 und Komponenten für die dezentrale Automatisierungslösung ET 200 hervor. Auf dem Gebiet der Antriebstechnik wurden Komponenten für die Siemens-Antriebslösungen und Stromversorgungsmodule entwickelt; dazu gab Herr Götze einen Überblick.

Herr Dr. Donner, der heute die Entwicklungsverantwortung am Standort trägt, hob in seinem Schlusswort hervor, dass Erfolgskonzepte in Chemnitz die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Entwicklung und Produktion sowie das Maschinentestzentrum sind, welches bereits vor 1990 als Maschinenprüflabor bestand. Dieses ermöglicht die praxisnahe Erprobung von Komponenten und Gesamtlösungen, sowie - in Zusammenarbeit mit den Anwenderbetrieben - technologische Entwicklungen an den Maschinen; durch einen Erweiterungsbau werden gegenwärtig diese Möglichkeiten spürbar verbessert.

Durch eine begleitende Ausstellung wurden die fachlichen Ausführungen anhand von zahlreichen Exponaten ergänzt. Auf großes Interesse stieß eine in die Jahre gekommene Drehmaschine, die von Auszubildenden des Siemens Ausbildungszentrums durch Anbau einer SINUMERIK 802 und von geregelten Drehstromantrieben modernisiert wurde. Das Beispiel machte Mut im Hinblick auf große Sorgen bei der Ausbildung des Nachwuchses auf dem Gebiet der Automatisierung.

Dem Motto "Zukunft braucht Herkunft" wurde die Veranstaltung im angenehmen Ambiente des Industriemuseums gerecht. Sowohl die zahlreich erschienenen "alten Hasen", als auch die heute aktive Generation, wurden in ihren Arbeitsleistungen bestätigt. Den Organisatoren und den Verantwortlichen des Standortes Siemens Chemnitz wird vom Förderverein des Industriemuseums (AGr Steuerungstechnik) für diese Veranstaltung herzlich gedankt.