Museumskurier - Ausgabe 16 - April 2006

Claus Beier

Neues auf dem Gebiet der Textiltechnik

Neues Exponat:
Seit Februar 2006 ergänzt ein mehr als 100 Jahre alter "Zeugwebstuhl mit Federschlag" die Dauerausstellung des Industriemuseums. Er befindet sich im Themenbereich "Die Unternehmer" im Untergeschoss gleich neben dem Aufzug. Am 09. Februar erfolgte anlässlich der Fachveranstaltung "Abend der Textiltechnik" - an der 120 Personen teilnahmen - die offizielle Inbetriebnahme des Webstuhls.

Der Webstuhl trägt die Maschinennummer 74315. Er wurde in der bekannten Chemnitzer Firma "Sächsische Webstuhlfabrik vorm. Louis Schönherr" hergestellt und am 21. April 1902 an die mechanische Weberei der Gebrüder Eichmann in Eschwege bei Kassel geliefert. Dort war er bis zur Stillegung der Weberei im Jahr 1973 in Betrieb. Auf ihm wurden grobe Flanell-Stoffe für Arbeitshemden gewebt. Beim Webstuhl mit Federschlag wird der Webschützen mit Federkraft durch das Webfach geschossen. Dazu befindet sich eine große Spiralfeder im Maschinengestell, die abwechselnd gespannt und freigegeben wird. Weltweit existieren nur noch wenige Maschinen dieser heute kaum noch bekannten Bauweise.

Des weiteren befindet sich ein baugleicher Webstuhl im Bestand des Industriemuseums Chemnitz. Das Konzept, eine dieser Maschinen wieder gangbar zu machen und an ihrem Ursprungsort Chemnitz auszustellen, überzeugte die Mitglieder der Erbengemeinschaft der ehemaligen "Mechanischen Weberei Gebr. Eichmann". Sie übereigneten beide Webstühle dem Industriemuseum Chemnitz als Sachspende; auch die Stadtverwaltung Eschwege war mit dieser Form der Bewahrung historischer Sachzeugen einverstanden.

Im August 2003 bauten Mitarbeiter des IMC die beiden Webstühle in dem alten Fabrikgebäude in Eschwege ab und transportierten sie nach Chemnitz. Abbau und Transport aus dem Gebäude erfolgten unter sehr erschwerten Bedingungen; die Webstühle befanden sich im zweiten Obergeschoss. Es war kein Fahrstuhl vorhanden und zeit-gleich demontierte auch das Tuchmachermuseum Bramsche weitere Webstühle. Mit einem eigens dafür installierten Flaschenzug mussten alle einzelnen Maschinenteile nacheinander nach unten befördert werden.

Eine tiefgründige Bestandsaufnahme des Zustandes der beiden Webstühle ergab folgendes:

  • Die Webstühle sind mit Ausnahme der fehlenden Webschützen komplett.
  • Verschiedene Holzteile besitzen nicht mehr die für einen Vorführbetrieb benötigte Stabilität. Stabilisierungen sind unbedingt erforderlich.
  • Die Maschinen sind auf Grund des langen Stillstandes extrem verschmutzt.
  • Die mitgebrachte Webkette ist nicht mehr verwendbar.
  • Einzelne Gestänge und Hebel weisen Bruchstellen auf.


In letzterem Fall erwies sich die Bergung des zweiten, baugleichen Webstuhles als äußerst hilfreich; sie ermöglichte den teilweisen Austausch der kaputten Teile.

Es folgten aufwändige Reinigungs- und Montagearbeiten; sie wurden vorzugsweise durch den Museumsmitarbeiter Frank Thomas ausgeführt. Die Stabilisierung der Holzteile übernahm der Holzrestaurator der AGr Textiltechnik, Horst Bräuer. Im Herbst 2004 war der Webstuhl soweit wieder hergestellt, so dass wir uns um das erforderliche Fadenmaterial kümmern konnten.

Wir erhielten Unterstützung aus der Textilindustrie: Die Sächsische Baumwollspinnerei GmbH Mittweida stellte das Garn kostenlos zur Verfügung und übernahm auch die Verzwirnung. In Kooperation mit dem Westsächsischen Textilmuseum Crimmitschau wurde aus dem Fadenmaterial der benötigte Kettbaum hergestellt. Nun mussten noch die 2.340 Fäden der Kette mit den bereits in die Schäfte eingezogenen Fäden verknüpft werden.

Die Restaurierungsarbeiten fanden am alten Museumsstandort Annaberger Straße statt. Im August 2005 erfolgte der Transport des kompletten Webstuhles an den endgültigen Standort Zwickauer Straße. Die Eingliederung in die vorhandene Ausstellungsgestaltung der "Textilstraße" konnte beginnen; Anfang 2006 war sie abgeschlossen. Mit Ausnahme der Absperrungen wurden alle Arbeiten durch die Museumsmitarbeiter selbst ausgeführt.

In den Sachzeugen-Bestand des Museums zurückgekehrt:

Seit Dezember 2005 befindet sich der 1995 im Chemnitzer Spinnereimaschinenbau GmbH gebaute Versuchsstand "Stufenspinnen" wieder im Bestand des Industriemuseums Chemnitz. Der Versuchsstand war auf Leihbasis bereits von 1998 bis 2000 Bestandteil der Textilausstellung am Museumsstandort Annaberger Straße. Danach musste er aufgrund veränderter Eigentumsverhältnisse für Versuchdurchführungen nach Flöha abgegeben werden. Dank ständiger Bemühungen durch Fritz Pützschler erfolgte 2005 durch das Ingenieurbüro Dr. König (Ettlingen) die Übergabe des Versuchsstandes als Sachspende an das Industriemuseum. In der Zeit, in der sich der Versuchsstand außer Haus befand, kümmerte sich - aus Verbundenheit zum Industriemuseum - der ehemalige Erprobungstechniker im Spinnereimaschinenbau Chemnitz, Herr Wolfgang Günther, darum, dass dieser funktionsfähig und komplett erhalten blieb. Am 05. Dezember wurde der Versuchsstand in Flöha abgeholt; er befindet sich derzeit in unserem neuen Depot.

Die Anfänge der Entwicklung "Stufenspinnen" - auch als Zentrifugenspinnen bezeichnet - reichen bis Ende der 1950er Jahre zurück. Im damaligen Institut für Textilmaschinen Chemnitz wurde im Rahmen einer Forschungsarbeit geprüft, ob sich dieses Funktionsprinzip für die Verspinnung von Kammgarnen eignet. Nachdem diese Frage bejaht werden konnte, erfolgte der Bau und die Erprobung eines 48spindligen Funktionsmusters. Im Jahre 1985 wurden im Kombinat TEXTIMA die Forschungsarbeiten auch auf das Baumwollspinnverfahren ausgedehnt und an einem Funktionsmuster erprobt. Dabei konnten im Vergleich zum Ringspinnen bei gleicher Garnqualität fünffach höhere Arbeitsgeschwindigkeiten erreicht werden.

Ausgehend von dieser Vorgeschichte werden gegenwärtig die Möglichkeiten einer sinnvollen Integration in unsere Dauerausstellung untersucht. Auch an eine Restaurierung muss gedacht werden, ist doch der Versuchsstand vom Jahrhunderthochwasser 2002 in Flöha nicht gänzlich verschont geblieben.