Museumskurier - Ausgabe 16 - April 2006

Dr.-Ing. Günter Schmidt

Gefunden - Betrachtungen zum Vereinsleben im Förderverein

Nach einer Fahrt mit der City-Bahn nach Stollberg, musste ich an Goethes kleines Gedicht "Gefunden" denken, in dem er den zufälligen Fund eines schönen Blümchens beschrieb.

Warum kamen mir gerade diese Verse in den Sinn?

Neben Stollbergs St. Jakobikirche sind drei Glocken aufgestellt. Die Gemeinde konnte es sich wohl leisten, das nach dem 2. Weltkrieg aus einer Eisenlegierung abgegossene Geläut durch ein besseres aus Bronze zu ersetzen? Bei näherer Betrachtung an das als Antikriegsdenkmal anmutende Glockenensemble, erkannte ich die Inschriften "1953" und ein mir bislang unbekanntes kleines Zeichen in der Form einer ein "L" umschließenden Glocke. Das bestätigte meinen Verdacht, vor mir standen Produkte der Glockengießerei "Lattermann".

Bei einer Exkursion nach Morgenröthe-Rautenkranz im September 2002 hatte ich Lattermanns für mich entdeckt. Diese Familie übernahm im Jahre 1798 das Hammerwerk Morgenröthe. Unter Leitung des Absolventen der Bergakademie Freiberg, Heinrich Ludwig Lattermann (1776 - 1839), expandierte das Unternehmen und wurde ein führender Betrieb Sachsens auf dem Gebiet der Schwarzmetallurgie. Von 1864 bis 1968 produzierte die Firma auch Kirchenglocken aus einer speziellen Eisenlegierung.

Ohne Hintergrundwissen hätte es diese Episoden nicht gegeben, an den Konstellationen hätte ich nichts Besonderes gefunden.

Bei der Vorbereitung der Veranstaltungen strebe ich an, dem Zufall wenig Raum zu lassen. Das Wissen zur regionalen Industriegeschichte paare ich mit Hinweisen zu derer aktuellen Entwicklung und nutze diese, abgestimmt mit der unter Leitung von Prof. Hans Münch stehenden Arbeitsgruppe "Regionale Industriegeschichte" , bei der Planung von Exkursionen des Vereinslebens. Dabei bin ich bemüht, die Veranstaltungen so zu legen, dass sie sich mit dem Würdigen von Jubiläen der Industriegeschichte und persönlicher Leistungen verbinden lassen. Zufälligkeiten, das Aufspüren des Unbekannten sind Teil des Reizes unserer Entdeckungsreisen.

Zwei im Jahr 2005 gewürdigte Jubiläen seien hier genannt:

Am 21. Mai 2005 waren wir zur Exkursion auf der "Alten Elisabeth" in Freiberg. Anlass war der 175. Jahrestag des Baubeginns am Schwarzenberg-Gebläse in Morgenröthe. Zur Entwicklung dieses aus Gussteilen großer Dimension hergestellte Denkmal der Technikgeschichte hatten sich drei bedeutende Persönlichkeiten der Industriegeschichte zusammengefunden:

  • Der Oberberghauptmann Freiherr von Herder (1776-1838), auf dessen Rat hin die "Königliche Antonshütte" bei Schwarzenberg gegründet wurde (1827), war faktisch der Auftraggeber. Herder begegnete uns bereits 1999, als wir das 4. Lichtloch des Rothschönberger Stollns bei Reinsberg besichtigten. Er hatte noch 1838 die Idee entwickelt, das Freiberger Revier mit einem tiefen Stollen zu entwässern. Seine Nachfolger realisierten diesen Gedanken mit dem Auffahren des Rothschönberger Stollns. Des Oberberghauptmanns von Herder dürfen wir uns auch bei Bergparaden erinnern; er war maßgeblich an der Einführung der Pflege bergmännischen Brauchtums beteiligt.
  • Der Freiberger Maschinendirektor Christian Friedrich Brendel (1776-1861), auf dessen Anregung das Gebläse entwickelt wurde und dessen Konstruktion sowie den Bau er betreute. Auf seine Spuren trafen wir schon 1998 beim Besuch des Siebenschlehener Pochwerkes in Schneeberg, wo er 1854/55 in eine Abzugsrösche der Fundgrube-Gesellschaft eine Wasserturbine einbauen und von dieser mittels einer über 70 m langen Transmissionswelle Bergwerksmaschinen über Tag antreiben ließ.
  • Der bereits erwähnte Bergkommissionsrat Heinrich Ludwig Lattermann (1776-1839), Besitzer der Eisenhütte Morgenröthe, der den Guss der Maschinenteile, deren Bearbeitung und Montage zu der 7,5 m hohen und 33 t schweren Maschine besorgte. Für diesen Auftrag ließ er eigens ein Gebläsehaus errichten. Sein Unternehmen stieg damit gleichzeitig in den Maschinenbau ein. Dieser wurde dort bis 1990 betrieben (VEB WMK "7. Oktober" Berlin, Fertigungsbereich Morgenröthe-R.) und dann ein Opfer der Wende im Osten Deutschlands. Der in den späten 1980er Jahren am ehemaligen Bahnhof begonnene Bau einer neuen Produktionsstätte ist seitdem eine Investitionsruine. Die Deutsche Raumfahrtausstellung e. V., die gegenwärtig noch im alten Bahnhofsgebäude präsentiert wird, soll künftig in diesem Gebäude einquartiert werden.

Im April besuchten wir bereits zum zweiten Mal die "Glashütter Uhrenbetrieb GmbH" ("Glashütte ORIGINAL"). Anlass war der 160. Jahrestag des Beginns der Uhrenherstellung in Glashütte am 07. Dezember 1845. Ferdinand Adolph Lange hatte zwölf Jahre zuvor, nach einer Petition der - infolge versiegenden Bergbaues - Not leidenden Bürger Glashüttes vom königlichen Hof den Auftrag erhalten, Arbeitsplätze durch die Etablierung einer Uhrenproduktion zu schaffen. In der Vorbereitungszeit erwarb er bei Wanderschaften durch die Schweiz und Frankreich die noch fehlenden Kenntnisse, suchte geeignete Arbeitskräfte unter jungen Bergleuten der Stadt und bildete sie zu Uhrmachern aus. Diese Historie und die Übernahme des Betriebes durch den aus Franken stammenden Betriebswirtschaftler Heinz W. Pfeifer im Jahre 1994 war uns bereits vom Besuch im September 1998 bekannt. In der Presse ließ sich die weitere Entwicklung verfolgen:

Unter Pfeifer expandierte das Unternehmen. Allerdings war die Kapitaldecke für den schnellen Aufstieg zu einer Weltfirma zu dünn. Herr Pfeifer entschloss sich deshalb, sich in die Obhut der in der Schweiz ansässigen finanzstarken Swatch-Group zu begeben, deren Präsident Nicolas Hayek jetzt auch Vorsitzender des Aufsichtsrates von GUB ist. Herr Pfeifer selbst wurde Mitglied des Aufsichtsrates der Swatch-Gruppe.

Seit unserer ersten Exkursion - damals waren wir nur im Uhrenmuseum Glashütte - waren 6 1/2 Jahre vergangen. Einiges hat sich seitdem geändert, was würden wir bei unserem Besuch vorfinden?

  • Das Hochwasser im Jahre 2002 hatte im ganzen Müglitztal und besonders in Glashütte tiefe Spuren hinterlassen; an deren Beseitigung wurde intensiv gearbeitet.
  • In der Stadt waren nunmehr wieder vier namhafte Uhrenbetriebe in Bahnhofsnähe ansässig: NOMOS, Mühle, Lange und GUB.
  • Glashütte ist wieder eine international anerkannte Uhrmacherstadt, obwohl die renommierte Uhrmacherschule noch immer geschlossen ist.
  • Der Firmensitz des Glashütter Uhrenbetriebes (GUB) ist restauriert und modernisiert, so dass man ihn kaum wiedererkennen konnte.


Zum Abschluss unserer Exkursion haben wir Weesenstein besucht. Die Reize des Schlosses haben uns ergriffen; erschüttert waren wir von den Hochwasserschäden im Ort und im Schlosspark.

Das Bemühen, ganztägige Veranstaltungen mit kulturellen Erlebnissen abzurunden, spielte auch bei der Ausfahrt zum Westsächsischen Textilmuseum Crimmitschau eine Rolle. Hier besuchten wir das Schloss Schweinsburg, eine in der Vergangenheit nur ausgesuchten Personenkreisen zugängige Einrichtung. Zur Erinnerung: Neben den bereits erwähnten Zielen in Freiberg, Glashütte und Crimmitschau hatten wir 2005 noch folgende Exkursionen:

  • Faradit Rohrwerke GmbH (Chemnitz)
  • August-Horch-Museum (Zwickau)
  • Schloss Schleinitz e.V. (Leuben-Schleinitz) sowie
  • das Ruhrgebiet.


Diese letztgenannte 5-tägige Busfahrt in das Ruhrgebiet war maßgeblich von Herrn Wolfgang Kunze organisiert worden. Ihm und den Herren Dr. Hans-Dieter Uhlig, Eberhard Kreßner, Wolfgang Hähnel, Reiner Kempe, Siegfried Förster(33) und Ulrich Sacher, den Ehepaaren Hildegard und Peter Stölzel sowie Gisela und Wolfgang Orantek sei für die Unterstützung bei der Vorbereitung und erfolgreichen Durchführung der Veranstaltungen an dieser Stelle gedankt.