Museumskurier - Ausgabe 16 - April 2006

Frank Schröder

Eine Geschichte, die das Leben schreibt oder Deutschland dein (Seiler-)Handwerk

"Wat is´ ne Dampfmaschin?" Dies konnte man bis vor 15 Monaten im Industriemuseum Chemnitz erleben, was das ist und wie es funktioniert:

Mittels Dampfmaschine ließen wir einen Generator drehen,
daraus kam Strom und dies konnte man an einer Glühlampe sehen.
Die Umdrehung von dem großen Rad, schafften wir mit Seilen auf den Generator Tag um Tag.
Die Seile liefen fast zwei Jahre lang, doch dann hingen sie herunter schlaff und viel zu lang.
So konnte es nicht weitergehen, wir mussten uns nach neuen Seilen umsehen.
Der erste Ruf zum alten Seiler ging, dessen Beruf aber wegen Altersruh' am Nagel hing.
Nun kenn ich mich mit vielem aus, doch bei Dampfmaschinenseilen ging die Luft mir aus.
Ein ganz normales Seil konnte es ja nicht sein, soviel fiel mir dazu erstmal ein.

So führte mich mein erster Weg in unsere schöne Bibliothek.
Dort gibt es Bücher noch und noch, doch beim Thema Dampfmaschinenseile klafft ein tiefes Loch.
Man findet alles über Riemen - breite, flache oder auch nur in Striemen.
Nun so dacht´ ich mir, was sagt denn das World Wide Web zum Thema dir.
So sandt´ ich einen Hilferuf ins Land hinaus, doch vorerst kam nichts Verwertbares heraus.
Ich überlegte eine Weile, wer braucht wohl dicke Seile.
Dann kam mir die Idee. Schiffe brauchen Seile, wenn sie fahr´n zur See.
Nun haben wir in Sachsen keinen Hafen, doch Elbdampfer hängen am Seil, wenn sie schlafen.
Die Verbindung wurde schnell gefunden und ich mit der Reederei verbunden.
Nun hatte ich eine Seiler-Nummer, die mir half bei all dem Kummer.
Der Vertreter war auch schnell vor Ort, bekam die Daten und fuhr nach Görlitz fort.
Dazu noch mit dem Seilermeister telefoniert und ihn über einige technische Details informiert.
Schnell wollte er unser Problem beheben, damit unsere Dampfmaschine kann wieder leben.
Sechs Wochen mussten wir dann warten, bis wir konnten starten.
Endlich kam der große Tag und dann traf uns fast der Schlag.
Zwei der Seile waren gleich, die beiden anderen spielten uns einen Streich.
Das eine zu kurz, das andere zu lang - schnell setzte ich die Reklamation in Gang.
Bald wurden sie zurückgebracht und korrigiert fast über Nacht.

Nun hatten wir sie wieder hier im Haus, Dampf kräuselte schon zum Schornstein raus.
Die Maschine hoch, die Seile drauf und endlich wieder den Dampfhahn auf -
doch da nimmt das Unheil seinen Lauf.
Mit jedem Dreh des großen Rades sieht man es, den Seilen schadet's.
Sie wurden lang und immer länger, den Hals des Seilermeisters schnürte es immer enger.
Die Maschine sofort wieder Stopp, dies war erneut ein Flop.
Nun blieb uns wieder nur das eine, Maschine hoch und runter die Seile.
Nach Ostsachsen und wieder zurück, zur Nacharbeit Stück für Stück.
Optisch waren sie jetzt schön anzusehen:
Sie hatten alle vier die gleiche Länge, keins haute diesmal über die Stränge.
Doch tief in mir keimte ein Verdacht, was hatten die Profis da gemacht?
Die Seile waren zwar gleich, aber zu kurz - tief war der Motivationssturz.

Nun ging es wieder da los, wo ich begonnen, doch mein Vertrauen in die Seiler war zerronnen.
40 Anfragen ins deutsche Internet gestellt, aber die Antworten waren auch nicht gerade die Welt.
Sieben sind zurückgekommen, drei hatten sich mit Absagen selbst aus dem Rennen genommen.
Bei einer Antwort war der Preis recht gut, das gab mir wieder neuen Mut.
Die Seile waren zwar nicht ausgereckt, dafür hatte man unter dem Mantel einen Kunststoffkern versteckt.
Somit war ein gleiches Maß gegeben und man versprach für die Seile ein langes Leben.
Nach sechs Wochen haben wir sie bekommen, allerdings vom Auflegen auf die Maschine gleich Abstand genommen.
Man sieht es wohl, aber glaubt es kaum, die hatten sich beim Maß verhau'n.
Und das gleich um einen ganzen Meter, da half kein Jammern und Gezeter.
Wieder musste ich ans Telefon, um zu melden eine Reklamation.
Und nun kommt der Hammer - die Antwort war - nehmt' sie untern Spanner.
Dies ist kein Witz, aber auch kein Berliner Geistesblitz!
Wir sollten sie zwischen zwei Autos hängen und somit etwas längen.

Was nun tun, ewig soll unsere alte Dame ja nicht ruhen.
Wieder nachgedacht, am Tag und in der Nacht. So mancher hat heimlich schon gelacht.
Das dritte Mal im Internet recherchiert und tief im Süden Deutschlands eine Seilerei aufgespürt.
Sofort Kontakt aufgenommen, technische Daten und Bilder sind durch den Computer nach Nußloch geschwommen.
Der Seiler hatte schnell erkannt, diese Aufgabe erfordert etwas Sachverstand.
Er wolle sich der Aufgabe stellen, mein Gesicht begann sich wieder aufzuhellen.
Der Preis war angenehm, die Lieferzeit bequem.
Außen Hanf und innen Stahl, dies würde halten allemal.
Dann kam der Liefertag, an dem natürlich auch der Zollstock griffbereit lag.
Schnell die Seile ausgelegt und nachgemessen, dies hat bei allen vieren gesessen.
Das gleiche Spiel wie letztes Mal, die Maschine lief allemal.
Langsam begann sich das große Rad zu drehen und es war nichts Negatives zu sehen.
Alles gut, nichts ging schief, die Maschine lief.
Zu den Hahn, zur Ruh gebracht und erst mal stehen lassen über Nacht.
Am nächsten Morgen, alles war bereit nach drei Stunden Vorwärmzeit.
Den Dampfhahn aufgedreht, schön wie sich das Rad wieder dreht.
Doch dann - das Elend begann.
Ständig gezogen durch der Maschine Kraft, hat es der Außenmantel nicht lange geschafft.
Auch dieser Traum war nur Schaum.
Die Seile wurden zurückgeschickt und beim Hersteller wieder zusammengeflickt.
Der Seilermeister hat sie uns persönlich zurückgebracht und blieb natürlich über Nacht.
Am nächsten Tag so gegen zehn, wollten wir die Seile laufen sehn.
Alles war bereit, die Maschine fing sich an zu drehen, doch was mussten wir mit Entsetzen sehen - eins der Seile begann sich auszudehnen.
Die Augen des Seilers wurden dabei immer enger, trotzdem wurde das Seil immer länger.
Schnell zum Rad, die Maschine zur Ruh gebracht, ehe uns das Seil auseinander kracht.
In Nußloch wurden die Enden frisch verpresst, was zumindest den Seiler hoffen lässt.
Uns war dies eigentlich fast egal, denn wir warten auf den Probelauf allemal.
Eines hatten wir erfahren müssen, es fehlt mittlerweile der Vorväter Wissen.
Doch zurück zu den Seilen, welche wieder auf der Maschine verweilen.
Wieder begann sich das große Rad zu drehen, nichts Verdächtiges war zu sehen.
30, 60, 90 Minuten lang, etwas länger war ein Strang.
Doch dann, sie lief jetzt knapp zwei Stunden, unermüdlich ihre Runden,
hat sie nun ihre Ruhe wieder gefunden?
Es ist wieder das gleiche Spiel - mit weicher Haut und hartem Kern, kommt man nicht zum Ziel.
Wieder hat sich die Außenhaut verschoben und es blitzt der Stahl nach oben.
Auch diesmal ging es also nicht - Hähne zu, wieder alles dicht.

Dieses war der 6. Probelauf - doch wir geben lange noch nicht auf.
Ein neuer Seiler ist schon gefunden, doch erst bauen wir um, bevor sie wieder dreht neue Runden.

Vorerst habe ich nun nichts mehr zu sagen, beantworte gerne persönlich ein paar Fragen.