Museumskurier - Ausgabe 16 - April 2006

Dr. Jochen Haeusler

Drei Briefe des Karl Winkler aus Chemnitz an seine Eltern in Nürnberg (1867)

Chemnitz, den 31. October 1867

Innig geliebter Vater!

Wenn ich dir hiermit per Expreß schreibe, so geschieht dieses aus dem Grunde, daß ich eine möglichst schnelle Beantwortung erbitte. Vor Allem aber bitte ich Dich, Nachfolgendes nicht ängstlich aufzunehmen, denn nur dadurch ist es mir möglich schnell und ohne Umschweife das mitzutheilen, was mich nöthigt so brisant zu schreiben.

Ich bin nämlich seit Sonntag von Unwohlsein überfallen und zwar von einer an sich ungefährlichen Geschwulst unter dem linken Arm, da aber bis heute dasselbe nicht nachließ, so consultierte ich einen Arzt, der mir erklärte, daß sich daselbst ein Geschwür bilde, dessen Heilung aber immerhin 14 Tage erfordern werde, und meinte ich thue am besten, mich ins Krankenhaus zu begeben, da ich daselbst gute Pflege hätte, die mir nothwendig sei, da ich in dieser Zeit mit dem Arm sehr ungeschickt sein werde und die nöthigen Überschläge nicht selbst vornehmen könnte, sobald sich das Geschwür weiter entwickele. Da aber in hiesiger Fabrik keine Krankenkasse existiert und ich auch so zu keinem Krankenhausgeldzahlen angehalten war, so würde die Sache möglicher Weise sich ziemlich kostspielig herausstellen, andererseits würde ich auch, da das Geschwür am Arm ist, auch nach dieser Zeit nicht gleich im Stande sein wieder schwere Arbeit zu erfüllen.

Wenn ich nun die Kosten überschlage, so glaube ich, daß es fast auf das Gleiche herauskommen würde, wenn ich diese Zeit zu Hause zubringen würde, was die beiden großen Vortheile hätte, daß Du, Mutter und Geschwister keinen unnützen Sorgen Euch hingeben würdet und ich neben der unstreitig besten Pflege auch nicht die große Langeweile ausstehen müßte, die unstreitig dabei eintreten würde, wenn ich keine ordentliche Beschäftigung vornehmen könnte.

Ich bitte dich daher, lieber Vater, sogleich nach Empfang dieses Briefes auf telegraphischem Wege Deine Meinung mir gütigst mittheilen zu wollen, damit ich dann entweder gleich in das Krankenhaus übersiedele oder anderen Falls mich sogleich auf die Bahn setze, um in eure mir ja immer offenen Arme zu eilen. Noch einmal wiederhole ich, daß die Geschichte gefahrlos sein wird, aber einige Zeit brauchen würde, bis ich den Arm vollkommen wieder zu meinem Berufe gebrauchen würde und hauptsächlich versichere ich, daß ein Grund zu Besorgnis nicht vorliegt.

Durch Deine herzliche Güte bin ich ja jetzt auch mit den allenfalls nöthigen Geldmitteln versehen.

Herzlich grüßend verbleibe ich Dein Aufrichtiger Dich innig liebender Sohn.

Einer baldigen Antwort per Telegramm sehe ich hoffend entgegen.

Telegraphiere: Winkler, Nicolaistraße 7, Chemnitz und mache mit der Adresse nur 20 Worte, da es sonst eine doppelte Depesche wird.

Solltest Du wünschen, daß ich nach Hause käme, und erhalte ich Deine Antwort rechtzeitig, so würde ich mich übermorgen, Sonnabend morgens auf die Bahn setzen und käme dann circa Nachmittag 4 Uhr nach Nürnberg.