Museumskurier - Ausgabe 16 - April 2006

Dr. Jochen Haeusler

Drei Briefe des Karl Winkler aus Chemnitz an seine Eltern in Nürnberg (1867)

Chemnitz, den 29. Sept. 1867

Innig geliebte Eltern!

Weniger schnell als Vater mir meinen letzten Brief beantwortete, antworte ich dieses Mal, entschuldige mich aber damit, daß ich die ersten Abende mit Zurechtrichtung meiner Häuslichkeit beschäftigt war und an den späten Abenden dachte, das Briefschreiben auf den nicht mehr fernen Sonntagmorgen zu verschieben.

Vor Allem (Was vor allem kommt, habe ich mit der nöthigen Entschuldigung auf der letzten Seite angebracht) natürlich meinen herzlichsten Dank für das überschickte Geld; wie unangenehm und niederdrückend für mich das ewige Geldbitten ist, habe ich Euch zur Genüge schon geschrieben, aber wie eben jetzt die Zeiten sind, ist an großes Selbstverdienen gar nicht zu denken und darf ich nur mich glücklich preisen, so gute Eltern zu besitzen, die mir immer und immer unter die Arme greifen. Ihr werdet nun denken, jetzt fängt der Karl wieder seine Klagelieder an - dem ist aber nicht so; wahr ist es, daß die Zeiten schlecht sind und die Prinzipale wegen den im Überfluß vorhandenen Arbeitern ganz miserabel zahlen (Arbeiter, welche früher 5 - 6 Thaler pro Woche verdienten, verdienen jetzt höchstens 3 - 4 Thaler); aber dem ungeachtet habe ich wieder frohen Muth und die feste Hoffnung, daß wenn auch höchst langsam ich doch nach und nach mich emporschwingen werde. Jetzt heißt es sich zuerst aus dem Gröbsten herausarbeiten.

Was die jetzige Stellung betrifft, kann ich noch nicht viel mittheilen und will mir erst dann ein Urtheil erlauben, wenn ich mich etwas eingearbeitet habe und im Geschäft bekannter bin. Soviel will ich aber einstweilen sagen, daß mir die Arbeit behagt und ich dadurch für mich hoffe, daß der Prinzipal selbst ohne Werkführer das Geschäft leitet und mir trotz seinem aufwallenden Jähzorn (den ich aber selbst noch nicht zu fühlen bekam) den Eindruck eines sehr umsichtigen vernünftigen Geschäftsmannes machte.

Was den Zorn aber betrifft, werde ich mich wohl hüten, denselben auf mich zu laden und sollte dieses geschehen, werde ich klug genug sein zu schweigen und mich an diesen, wie es scheint durchgängig den Maschinenfabrikanten eigenen, Fehler zu gewöhnen.

Was den Lohn anbetrifft, so ist derselbe noch nicht festgesetzt. Mit dem kaufmännischen Compagnon H. Kummer komme ich fast gar nicht in Berührung.

Glücklich war ich mit der Wahl meiner Wohnung, indem ich in der Nähe der Fabrik eine solche fand, die für die Sachsenpreise eine höchst, ja auffallend billige zu nennen ist. Ich habe ein Zimmer mit Alkoven, ersteres einfach möbliert und im Hinterhause auf den kleinen Hof hinaus gelegen mit etwas verwinkeltem Aufgang und zahle 2 Thaler 20 Groschen pro Monat.

Meine Hausleute sind: Eine verwitwete Mad. Seyde nebst verwitweter Tochter Madame Rabenstein, welche ebenfalls Mutter einer verheirateten Tochter ist. Die Hausleute sind sehr aufmerksam, kommen aber mit mir, da sie vornheraus wohnen, gar nicht in Berührung. Eine ihnen überflüssige Petroleumlampe stellten sie zu meiner Verfügung, was äußerst angenehm ist.

Den Mittagstisch (einfache, aber gute Kost) habe ich zu dem hier ebenfalls sehr billigen Preis von 4 [Neu]Groschen in einer Kneipe unweit der Fabrik genommen. Ich freue mich, diese beiden Hauptpunkte Wohnung und Mittagstisch so billig bekommen zu haben, da ich dadurch Gelegenheit habe, mich einzuschränken, ohne dabei dann bei anderen Gelegenheiten nöthig zu haben, überaus sparsam sein zu müssen, da ich doch gern auch einmal an Sonntagen mir einen vergnügten Tag mache und zu irgend einem Concert in eine Restauration oder einmal abends in's Theater gehen möchte. Unter der Woche werde ich wohl meistens abends zu Hause bleiben, wie ich es in vergangener Woche bereits that. Ich koche mir wieder abends meinen Thee und beschäftige mich mit irgend etwas bis ½ 10 Uhr oder 10 Uhr und suche dann das Bett auf, um der richtigen Ruhe zu pflegen, nur am Sonnabend und Sonntag werde ich mit Schleicher und Faist zusammenkommen, wie dieses auch gestern geschah. Schleicher war nämlich so freundlich, mich gestern Abend in sein so genanntes Lesekränzchen einzuführen, eine Gesellschaft von jungen Damen und Herren, welche gemeinschaftlich rollenweise die deutschen Klassiker lesen und von Zeit zu Zeit auch eine kleine Abendunterhaltung veranstalten. Eine solche war gestern; es wurden zuerst zwei Lustspiele gespielt und folgte sodann ein Tänzchen. Die gemüthlichen Alten waren auch zugegen und hatte das Ganze einen familiären gemüthlichen Anstrich wie man ihn nur in so engen, ganz für sich abgeschlossenen kleinen Gesellschaften findet.

Was meine in Zwickau beim Abgang gemachten Nothschulden (4 Thlr pro Mittagstisch und 2 Thlr zur Übersiedelung) betrifft, so berichtige ich dieselben pünktlich, sobald ich diesen Brief auf die Post trage. Nicht aus Unaufmerksamkeit, sondern weil ich jetzt beim Schreiben dieses Briefes von einem Gegenstand auf den anderen gekommen bin, komme ich erst j. auf der letzten Seite dazu, mein Bedauern über das Unwohlgewesensein des lieben Vaters auszusprechen, ich wollte wirklich dasselbe gleich am Anfang ausdrücken, aber wie schon gesagt, ich kam ohne es zu wollen immer mit anderen Dingen, die ich geradeso gute an Euch geschrieben hätte. Entschuldige dieses, lieber Vater, und sei überzeugt, daß mir Dein Wohlergehen vor allem zuerst kommt, denn wie kann ein guter Sohn, und als solchen glaube ich mich mit Recht nennen zu können, ein anderes Interesse haben, als das Wohlergehen seiner Eltern, denen er Alles dankt und ohne deren Aufopferung er nie den Unterricht und die Vorbereitung zu seinem künftigen selbstständigen Leben genossen hätte, wie es bei mir der Fall ist. Möge Gott Dir, lieber Vater, das reichlich vergelten, was Du an mir gethan, möge er Dir Deine Gesundheit so erhalten, daß Du noch die Früchte Deiner Liebe und Aufopferung für mich erleben mögest und daß Du noch erfahren wolltest, daß die Saat, welche Du moralisch und wissenschaftlich in mein Inneres streutest, auf guten Grund gefallen sei. Dieses ist der erste aller Wünsche Eures euch herzlich liebenden Sohnes Karl.

An die Geschwister und an alle meine Bekannten die herzlichsten Grüße. Briefe von Aurelie erwarte ich mit Versprechen pünktlichster Beantwortung. Luise hatte ich vergessen mitzutheilen, daß ich nicht versäumt habe bei H. v. Lilienstern meinen Abschiedsbesuch zu machen und meinen Dank für die so freundliche Aufnahme auszusprechen.