Museumskurier - Ausgabe 16 - April 2006

Dr. Jochen Haeusler

Drei Briefe des Karl Winkler aus Chemnitz an seine Eltern in Nürnberg (1867)

Chemnitz, den 21. October 1867

Innig geliebte Eltern!

Der Grund meines längeren Schweigens wird bereits von Euch errathen worden sein, es ist der, daß ich zugleich auch der guten Adelheid zum Geburtstag gratulieren wollte, damit ich ihn nicht wieder versäume, wie dieses mit Luisens Geburtstag absichtslos geschehen ist, da ich erst am Tage selbst daran dachte.

Daß Vater sich wieder seiner Gesundheit erfreut, macht mich sehr glücklich, was meinen Gesundheitszustand betrifft, so ist derselbe ein fortwährend sehr guter und suche ich ihn auch durch regelmäßiges Leben zu erhalten. Bis jetzt habe ich es wirklich ganz gut durchgeführt, für gewöhnlich an den Wochentagen abends zu Hause zu bleiben, und sehe ich bis jetzt auch keinen Grund ein, dieses zu ändern. Nur mittwochs besuche ich das schon früher erwähnte Lesekränzchen, worin ich mich als Mitglied vorschlagen ließ. Doch über das gesellige Leben später; zuerst einmal einen Bericht über's Geschäftsleben.

Wie ich früher geschrieben habe, befinde ich mich in einer Werkzeugmaschinenfabrik, einer Branche des Maschinenbaus, welche äußerst interessant ist und immer Neues bietet, von neuem zur jetzigen Zeit kann man natürlich nicht sprechen. Ich will Euch nur einmal eine kleine Schilderung des jetzigen Geschäftsganges geben und Ihr werdet Euch nicht mehr verwundern, wenn es mit meiner Carriere jetzt langsam geht, sondern werdet mich glücklich nennen, daß ich überhaupt Stelle gefunden habe. Also hört:

Die Fabrik, in welcher ich bin, ist neu eingerichtet, besteht erst einige Jahre, die jetzigen Besitzer sind erst seit einigen Jahren Geschäftsinhaber; die Fabrik ist versehen mit allen möglichen Hülfsmaschinen und ist dazu eingerichtet, vielleicht 30 Schlosser an Schraubstöcken und fast ebenso viele Arbeiter an Hülfsmaschinen zu beschäftigen. Jetzt sind wir dagegen in dem großen Raum 4 Schlosser, 2 Dreher und ein Modelltischler und wird alles mit Ausnahme einer jetzt fertigen Maschine, auf Lager gearbeitet. Daß unter solchen Umständen ein Prinzipal schlecht gelaunt ist und jede Kleinigkeit bemakelt und dabei noch sehr schlecht zahlt, ist begreiflich. Freilich kann ich den Herrn Prinzipal nicht vollständig entschuldigen; denn es sind schon Sachen vorgekommen, wo es wirklich lächerlich war, wegen einer solchen Kleinigkeit einen großen Spektakel zu machen. Ich für mein Theil halte stets das Maul und hoffe auf Besserung.

Was meinen Lohn betrifft, so erhalte ich im Anfang pro Stunde 9,23 d, was bei voller Arbeitszeit (wegen schlechtem Gang wird aber jetzt fast in den meisten Fabriken bloß bis 6 Uhr abends gearbeitet) 2 Thl. pro Woche ausmacht; aber schon am nächsten Zahltag besserte er mich ohne mein Zuthun freiwillig auf und erhalte ich nun pro Stunde 11,5 d, was pro Woche meinen Lohn von Zwickau = 2½ Thl. ausmacht, vielleicht machen sich die Geschäfte und kann ich dann auf abermalige Besserung denken.

Immerhin darf ich zufrieden sein, wenn ich bedenke, daß in der Werkstätte einer der Arbeiter, der verheirathet ist und Kinder hat, pro Stunde bloß 13 d verdient; was beim theuren Leben kein Spaß ist, denn man kann getrost rechnen, daß der Thaler hier keinen größeren Werth hat als bei uns in Süddeutschland der Gulden. Einer unserer Arbeiter ist auch ein ehemaliger Werkführer, der wegen Mangel an Stelle wieder als gewöhnlicher Arbeiter eintreten mußte.

Sonst kann ich aber nur sagen, daß mir die Arbeit gefällt, ich lerne das genaue Arbeiten und habe auch, da kein besonderer Schmied existiert, viel Gelegenheit beim Schmieden beschäftigt zu werden.

In den letzten Tagen hatte ich schwere Arbeit, ich mußte mit einem einzigen Arbeiter in der Industrie-Ausstellung von der Decke die zu der von uns ausgestellten Holzhobelmaschine zugehörige Transmission herabnehmen, welche vielleicht ein Gewicht von 4 Ctr. besitzt und nur in 3 Stücken abgenommen werden konnte; am anderen Tag luden wir (4 Mann) die ganze Maschine wie sie war (30 Ctr.) auf einen Wagen, nachdem wir sie eine große Strecke durch die Ausstellung bis zum Thor auf Walzen gerollt hatten. Beim Transport hatten wir noch das Pech, daß uns ein schlecht geschweißter Hebel abbrach; glücklicher Weise sah der Prinzipal ein, daß wir nicht Schuld hatten, sonst hätte es ein schönes Donnerwetter geben können.

Aber nicht nur im Maschinenfach, sondern in jedem anderen geht es miserabel. Die Spinnereien sind ganz auf dem Hund und kommen ordentliche Bankrotte vor.

Immerhin habe ich aber nicht bereut, meine Zwickauer Stelle aufgegeben zu haben, sondern glaube, daß, so bald sich der Geschäftsgang wieder hebt, in Chemnitz viel mehr zu lernen ist, da daselbst immer mehr das Neue vorbereitet wird, wo so viele Maschinenfabriken von Ruf sind, während in Zwickau mehr Kohlewerke, also Berg- und Hüttenbau vertreten ist.

Was haltet Ihr denn von der politischen Lage, ich glaube immer, es zieht sich so ein bischen Gewitter zusammen. Wenn nur Bayern einmal seinen Großmachtdusel ablegen würde und auch dazu beitragen würde, daß wir bald vollständig geeinigt dastünden. Die Sachsen - so verbissene Preußenfeinde als sie waren und größten Theils noch sind - fangen allmählich nun an auch zu finden, daß sie sicherer sind, wenn sie einige Groschen mehr bezahlen, dafür aber einem Staatenbunde angehören, der auch im Stande ist, seine Rechte dem Auslande gegenüber zu vertreten.

Freilich haben sich die Sachsen durch ihre Abgeordneten "Schraps", Liebknecht und Chemnitz speziell durch seinen Försterling gänzlich lächerlich gemacht, man findet aber auch einen großen Theil, welche das Benehmen dieses Kleeblattes mißbilligt und belacht. Försterling erhielt von hier aus zum Spotte Käse u. Butter zugeschickt und verlangt man in Kneipen nicht mehr Käse, Butter u. Brod, sondern stets eine ganze oder halbe Portion "Försterling", worauf der Kellner richtig das Gewünschte bringt.

Bei der kürzlich stattgefundenen hiesigen Landwehrrevision kam es zu einem ernstlichen Auftritt, indem ein landwehrpflichtiger Arbeiter der Zimmermannschen Fabrik öffentlich dem Major den Gehorsam verweigerte. Die übrigen Landwehrleute waren schlau genug, diesem Beispiele nicht zu folgen, sondern im Gegentheil diesem entgegenzutreten, woher es auch kam, daß nur obiger Revolteur arretiert und nach Dresden abgeliefert wurde, einige Jahre Festung wird der gute Mann wohl erstehen dürfen.

Seit meinem Hiersein kamen schon 3 Brände vor, die aber alle unbedeutend waren und bald gelöscht wurden.

Am 1. October hatte ich das Vergnügen, 10 Groschen Steuern bezahlen zu müssen, was mir gar nicht behagen wollte. Ihr fragt mich im letzten Briefe, ob ich keine Geburtstagswünsche hätte. Ich hätte davon mehrere, getraue mich aber kaum mit dem nothwendigsten (freilich auch größten) heraus, da ich bereits so schon Euch genug Geld koste. Weil es aber doch so sehr nothwendig ist, so muß ich doch mit der Farbe heraus, bemerke aber, daß es Geburtstags- und Weihnachtswunsch zugleich ist, nur aber wenn er erfüllt werden sollte, doch bereits am Geburtstag schon erfüllt zu werden gebeten wird. Ich habe nämlich für den Winter keinen guten Anzug, wenn ich nicht mein dünnes Sommerröckchen und Sommersachen tragen will. Den schwarzen Rock habe ich für gewöhnlich getragen und dazu die dicken braunen Hosen und müßte also an Sonntagen und überhaupt, wenn ich besser angezogen sein will, die schwarzen Hosen u. die Seidenweste tragen, die ich aber doch eigentlich zum Fracke aufheben will und sie sonst zu sehr abgetragen würden. Ich habe mir bereits einige Anzüge in Kleidermagazinen angesehen und kostet ein solcher von mittelguter d.h. also von nicht gewöhnlichen Stoffen 18-20 Thaler der ganze Anzug. Mein Trost dabei ist der, daß ich durch das praktische Arbeiten weniger gute Kleider nöthig hatte und seit Pfingsten vor einem Jahr kein neues Kleidungsstück kaufte (es war dieses der Sommerrock, den ich in Carlsruhe machen ließ, während es an Weinachten 2 Jahre wird, daß ich eine neue Hose, die braune, erhielt). Freilich sollte man wissen, ob nicht von wegen der politischen Gegebenheiten für mich die Civilkleider auf einige Zeit überflüssig würden.

Ein anderer Wunsch, den vielleicht Aurelie verwirklichen könnte, wäre der nach einigen neuen Hemdkragen, da die alten sehr gelitten haben, die aufschlagbaren bekamen hauptsächlich im vergangenen Sommer durch Arbeit u. das Schwitzen solche Eisenflecken, daß dieselben mit aller Mühe nicht herauszubringen sind; außerdem sind dieselben an der Umschlagstelle sehr abgetragen. Weitere Wünsche spreche ich nicht aus, da überhaupt nur die Andeutung von solchen den bedeutenden vorhergesandten gegenüber schon unverschämt erscheint.

Solltet Ihr vielleicht ein kleines Paket mit Briefen u. Hemdkragen schicken, so bitte ich auch Weickerts Gedichte beizulegen, da ich schon öfters im Lesekränzchen angegangen wurde, Gedichte in Nürnberger Mundart vorzutragen, nachdem ich einmal "den 10 Guldenmann" deklamiert hatte.

Was die von Mutter angeregte alte Kleider- und Wäschesendung betrifft, so werde ich von letzterer vielleicht nächstens einiges schicken, die alten Kleider sind aber mit einem solchen Fabrikglanz überzogen, daß von mir selbst gefertigte Flickereien stets unsichtbar wurden, und werden ja an einen Fabrikanzug keine großen noblen Anforderungen gestellt. Man marschiert morgens bei Dunkelheit fort und kehrt abends bei Dunkelheit wieder heim und in der Fabrik selbst sind dann immerhin meine Kleider noch die best erhaltensten.

In Bezug auf Kleiderstoffe von Thibet u. Flanell für die weiblichen winklerschen Familienglieder glaube ich, daß kein großer Vortheil bei einem Ankauf hier am Platze obwalten würde, da im Laden der Preis kein anderer sein wird, als der in Nürnberg und von einem größeren Lager könnte man höchstens nur ein ganzes Stück kaufen und würde dann die oben genannten weiblichen winklerischen Familienmitglieder genöthigt sein, mehrere Jahre hindurch alle in gleichen Farben gekleidet zu erscheinen, die der Herr Bruder, unbekannt mit den betreffenden Geschmäckern, vielleicht möglichst geschmacklos gewählt haben würde, doch würde selbiger stets mit Vergnügen bereit sein etwaige Bestellungen nachzukommen.

Was den Antrag einer Empfehlung an Herrn Fabrikbesitzer Vogel betrifft, so werde ich mir die Sache überlegen, da Empfehlungen von dritter Hand - wie ich in Carlsruhe sah, nicht immer von Erfolg begleitet sind und öfters sogar mehr Unangenehmes als Angenehmes mit sich führen. Im Übrigen habe ich durch Schleicher und Faist hier Gelegenheit gehabt, schon etwas bekannt zu werden und kam ich ohne etwas zu thun so in deren Bekanntenkreis hinein, daß ich sogar neulich eine Einladung zu einer diesen und ihren Bekannten befreundeten Familie erhielt; es ist dieses eine Einladung zu Herrn Fabrikbesitzer Dollfuß auf dessen Familie ich bei öfteren Zusammentreffen am dritten Ort einen guten Eindruck gemacht zu haben scheine. Wir waren 6 eingeladene Herren, während die Familie aus folgenden Gliedern bestand: 1.) das Elternpaar, 2.) eine junge verheirathete Tochter mit Gemahl, 3.) eine unverheirathete Tochter, 4.) die Schwester des jungen Gemahls gebürtig aus Breslau, zur Zeit auf Besuch in Chemnitz. Die beiden letzten Damen sind noch jung (17 Jahre) und von angenehmen, einnehmendem Äußeren und liebenswürdiger Unterhaltung. Es wurde zuerst etwas Wein getrunken und gespeist und sodann verschiedene Gesellschaftsspiele losgelegt; es war eine gemütliche Abendzusammenkunft nach Art derjenigen, wie wir sie in Nürnberg vor meiner Abreise hatten. Ich freue mich, es so gut getroffen zu haben, daß ich hier bereits Bekannte hatte, da mir dadurch doch Gelegenheit gegeben ist, etwas in Gesellschaft zu kommen, um dadurch vor dem Verschlossenen gesichert zu sein.

Schleicher läßt sich Euch vielmals empfehlen, Aurelie besonders, auf die er große Stücke hält. Was einen Brief an Aurelie betrifft, werde ich dieses Mal schwerlich dazu kommen, sie soll aber ebenso wie Freund Dyk das nächste Mal bedacht werden. Der Familie Scharrer lasse ich zum neuen Sprößling gratulieren, aber auch gleichzeitig mein Beileid ausdrücken, daß meine liebe Frau Marie so böse Augen bekommen hat.

Zum Schluß muß ich aber noch einmal als Bettler erscheinen, indem ich bezugnehmend auf inne liegenden Rechenschaftsbericht um einige Thaler bitte. Ich habe wie der Bericht nachweist noch 11 Groschen, erhalte zwar in diesen Tagen vom Geschäft Geld, bezweifele aber sehr, daß dieses langen wird, um am 1. November Alles zahlen zu können.

Obgleich ich Alles aufgeschrieben, was ich ausgebe, so ist mir doch unklar, wie sich diese Kleinigkeiten zusammengehäuft haben, aber da ich beim Überblick nur wenige annähernd unnöthige Ausgaben sehe, so tritt mir immer mehr der Gedanke auf, daß ganz Sachsen ein verdammt theures Pflaster hat und gäbe ich etwas darum, wenn ich endlich einmal mit dem ewigen Geldgebettel aufhören darf. Ich hoffe aber, daß Ihr mich auch dieses Mal nicht abweisen werdet, nachdem ich schon so oft Eure milde Hand in Anspruch genommen habe.

Es ist nun mittler Weile aber 12 Uhr vorbei gegangen und gedenke ich nun doch das Bett aufzusuchen, nachdem ich einen so ausführlichen Brief geschrieben habe. Baldiger Antwort mit Neuigkeiten aller Art entgegensehend bleibe ich Euer stets dankbarer Euch innig liebender Sohn.

Wenn Ihr etwas bezüglich des Militärs od. dgl. erfahren solltet, bitte ich mir Mittheilung machen zu wollen. Die besten Grüße an Aurelie und an meine gesamte Freundschaft.