Museumskurier - Ausgabe 16 - April 2006

Heiner Matthes

Das Kappler Straßenbahnmuseum

Eine bedeutende deutsche Industriestadt wie Chemnitz in ihrer Blütezeit ohne eine Straßenbahn - einfach undenkbar. Inmitten eifrigen Fleißes der Chemnitzer Bürger und des sich immer mehr entfaltenden quirligen Großstadtlebens trug sie seit dem zur Neige gehenden 19. Jahrhundert dazu bei, Zeichen lebendiger Betriebsamkeit in diese Stadt zu setzen. Sie beförderte täglich Tausende Personen zu und von den zahlreichen Produktionsstätten, Bildungseinrichtungen und Institutionen, die sich über das ganze Territorium verteilten.

1880 begann der innerstädtische öffentliche Verkehr mit einer Pferdebahn in einer außer-gewöhnlich schmalen Gleisspurweite (925 mm), welche sich siebeneinhalb Jahrzehnte später als schicksalsträchtig erweisen sollte.

Das unaufhörliche Wachstum von Flächengröße und Bevölkerungszahl als ein Merkmal industrieller Prosperität einerseits, sowie die topographische Struktur von Chemnitz am Nordrand des Erzgebirges andererseits verlangten - dem Zeichen der Zeit folgend - die Einführung der leistungsfähigeren, sauberen und schnelleren elektrischen Straßenbahn bereits ab Ende 1893. Chemnitz wagte trotz Vorbehalten diesen Schritt als zwölfte deutsche Stadt - und diese Entscheidung war sehr richtig! In den folgenden Jahren erweiterte sich das Netz neugebauter Strecken sehr schnell. Mit seinem sternförmigen Charakter drang es mit mehr als 43 Kilometern Länge in fast alle Gebiete der bis auf 360.000 Einwohner angewachsenen Stadt vor; Verkehrserschließung und Stadtbebauung befruchteten sich gegenseitig. Beinahe legendär wurden das "Gebimmel" und das Kurvenkreischen der sich durch die engen Straßen schlängelnden Wagenzüge als Indiz urbaner Lebendigkeit. Dies alles ist seit 1988 Geschichte - die altersschwach gewordene schmalspurige Straßenbahn trat seinerzeit in den Ruhestand. Geblieben ist die Erinnerung an eine geliebte (nicht selten aber auch verteufelte) Einrichtung im Geschehen unserer Stadt.

Dass das Verkehrsmittel Schienenbahn als solches beizeiten für notwendig und zukunftsträchtig erkannt worden ist, beweist der Mitte der 1950er Jahre gefasste Beschluss, durch ein modernes, zeitgemäß trassiertes System die bisherige Schmalspurbahn abzulösen. 1960 rollten die ersten neuen Fahrzeuge, nunmehr auf regelspurigen Gleisen (1.435 mm). Das langwierige Procedere von Umstellung bzw. Neubau wurde in den zurückliegenden Jahren von vielen Faktoren nachhaltig beeinflusst, schritt deshalb vergleichsweise nur zögernd voran und ist bis zum heutigen Tag noch keinesfalls zum krönenden Abschluss gelangt.

Wesentlich hat der städtische Kraftomnibus zu dieser Auswirkung beigetragen: Aus bescheidenen Anfängen im Jahre 1922 - zur Bedienung von abseits der Straßenbahn gelegenen Stadtgebieten - mutierte er inzwischen zu einem eigenständigen Verkehrssystem. Dieses stellt hinsichtlich seines umfangreichen Netzes (mehr als 350 km Linien) und seiner Beförderungsleistung die Schienenbahn derzeit nicht nur in den Schatten, sondern lässt sogar auf Grund seines erreichten Entwicklungsstandes den Neubau einzelner Straßenbahnstrecken strittig werden.

Bereits 1987, kurz vor der Stilllegung der letzten Schmalspurbahn, fanden sich - besonders jüngere - Freunde der Straßenbahn in einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, um mit Enthusiasmus Zeugen der Vergangenheit vor dem Schneidbrenner und damit vor dem Vergessenwerden zu bewahren. Dank der gezeigten Initiativen stehen mittlerweile 16 Fahrzeuge geschützt in einer Wagenhalle des ältesten Chemnitzer Straßenbahn-Betriebshofes zur Besichtigung bereit. Sie wurden und werden von den inzwischen rund vierzig Mitgliedern aller Altersgruppen des "Vereins Straßenbahnfreunde Chemnitz e.V." in aufwendiger Arbeit in den Zustand verschiedener Zeitepochen zurückversetzt und gepflegt.

Auf einem erhalten gebliebenen Gleisstück neben der Wagenhalle in Kappel ist sogar das Fahrgefühl in einer Schmalspurstraßenbahn wieder "live" erlebbar geworden. Mittlerweile wurden vom Verein zahlreiche nahverkehrs-typische bzw. technikgeschichtliche Sachzeugen zu einer Kollektion zusammengetragen. Anhand historischer Fotografien über Nahverkehrsmittel im Erscheinungsbild der Stadt Chemnitz wird darüber hinaus die Erinnerung an den öffentlichen Personennahverkehr - in seiner 125 Jahre währenden Historie - wachgehalten bzw. der interessierten jüngeren Generation lebendig vor Augen geführt. Es ist erklärtes Ziel der Straßenbahnfreunde, gemeinsam mit der CVAG, die Heimstatt der historischen Fahrzeuge in Kappel schrittweise zu einem kompletten Straßenbahnmuseum auszubauen.

Die Tätigkeit des Vereins beschränkt sich nicht auf die museale Betreuung von Schienenfahrzeugen (inzwischen auch von Omnibussen) sowie auf die Vermittlung verkehrsgeschichtlicher Kenntnisse. Vielmehr nehmen seit 1997 in Zusammenarbeit mit der CVAG öffentlichkeitswirksame Aktivitäten z. B. von Sonderfahrten einen breiten Raum ein. So verkehren beispielsweise zu besonderen kulturellen Anlässen (Museumsnacht, Tag der offenen Tür) zwei historische Straßenbahnen und ein überlieferter Omnibus öffentlich nach Fahrplan. Sachkundige Begleiter des Vereins vermitteln dabei auf Wunsch auch Stadtbilderklärungen. Natürlich lassen sich die Fahrzeuge auch individuell mieten.

Alles in allem: das Straßenbahnmuseum ist bereits heute ein Hort zur Bewahrung der Geschichte des städtischen Nahverkehrs als ein nicht unbedeutendes Kapitel Chemnitzer Tradition.

Adresse:
Zwickauer Straße 164, 09116 Chemnitz

Öffnungszeiten:
1. April - 31. Oktober: dienstags 17.00 - 20.00 Uhr, samstags 10.00 - 18.00 Uhr
1. November - 31. März: dienstags geschlossen, samstags 10.00 - 18.00 Uhr