Vereinskurier - Ausgabe 14 - August 2005

Ulrich Sacher

Rezension: "Hans Poelzigs ‚Festbau' für die Arbeit"

Sachsen wird zu Recht als das "Kernland der Industrialisierung" bezeichnet. Die Region ist daher reich mit Industriedenkmalen gesegnet, was heute - ohne Nachnutzung - natürlich deren Erhaltung sehr erschwert.

Unweit des Industriemuseums steht an der Ulmenstraße der erste Bauabschnitt eines solchen Fabrikbaues: die ehemalige Textilfabrik der Sigmund Goeritz AG. Dieser Bau stammt von Hans Poelzig (1869 - 1936), einem der bedeutendsten deutschen Architekten und aktiver Gestalter der Periode des modernen Industriebaus in Deutschland bis in die 1930er Jahre. Sachsen war für Hans Poelzig aber nur eine Durchgangsstation; von 1916 - 1920 war er Stadtbaurat in Dresden. An seine Hochbauten erinnern hierzulande nur noch die Talsperre Klingenberg und diese Textilfabrik in Chemnitz.

In anderen Regionen Deutschlands stehen von ihm z. B. das Haus des Rundfunks in Berlin (1932) und der damals größte Gebäudekomplex Europas - der Verwaltungsbau der IG Farben in Frankfurt.

Als im vorigen Jahre dem Vorstand des FIM von zwei Architekturstudenten die Bitte angetragen wurde, eine Publikation über diesen Chemnitzer Bau finanziell zu unterstützen, gab es spontane Zustimmung. Dieses Gebäude liegt dem Förderverein - nicht nur wegen der räumlichen Nähe zum IMC - sehr am Herzen. Mit den vorgelegten Unterlagen, die viel Solidität ausstrahlten, wurde vom Förderverein eine beträchtliche Summe für die Druckkosten bereitgestellt.

Diese Publikation liegt nun vor und man kann sagen, dass sich die Unterstützung gelohnt hat. Sie ist eine außerordentliche Bereicherung für Interessenten an Industriearchitektur und Chemnitzer Regionalgeschichte. Leider fehlt ein ausführlicherer Abriss über die Geschichte der Textilfabrik Sigmund Goeritz AG selbst und das Schicksal ihrer Besitzer, was aber den insgesamt guten Eindruck nicht unbedingt schmälert. Dieses bisher stiefmütterlich betrachtete Industriedenkmal wird erstmals in den Mittelpunkt gestellt und das allein ist schon eine hervorragende Leistung.

Es bleibt weiterhin leider nur zu hoffen, dass dieser "Festbau" nicht das Schicksal der Poelzig´schen Hochbauten vom Gaswerk Dresden-Reick (1912) erleidet, die trotz bestehendem Denkmalschutz im Jahre 1974 abgerissen wurden, um Platz für eine Berufsschule mit Turnhalle zu schaffen.

Grüne, Sven ; Herberholz, Gregor:
Hans Poelzigs ‚Festbau' für die Arbeit : die Textilfabrik Sigmund Goeritz AG in Chemnitz (1922-1927) / Sven Grüne ; Gregor Herberholz. - Leipzig : Passage-Verl., 2005. - 64 S. : 38 Abb. ; 250 mm x 210 mm, 450 gr. -
ISBN: 3-938543-07-8
14,50 €