Vereinskurier - Ausgabe 14 - August 2005

Eberhard Kreßner

Rennwagen aus Chemnitz - der Awtowelo 650

Durch Leihgaben der IAV GmbH, Betrieb Chemnitz, erhielt das Industriemuseum Chemnitz dankenswerterweise Schnittdarstellungen von Rennsportmotoren, u. a. vom Rennwagen Awtowelo Typ 650. Dazu folgende Angaben:

Die Story
Man muss sich das vorstellen, kurz nach Ende des 2. Weltkrieges: die beiden deutschen Staaten waren 1949 gerade gegründet, die sowjetischen Besatzungsmacht diktiert in ihrer Einflusssphäre die Politik und bestimmt wichtige wirtschaftliche Entscheidungen.

Die Versorgungslage der Bevölkerung ist noch sehr angespannt, die Wirtschaft beginnt gerade wieder vorsichtig Tritt zu fassen - von Mangelerscheinungen ständig gebeutelt - in den deutschen Städten noch viele Ruinen, da lassen "die Russen" in Chemnitz Rennwagen entwickeln und bauen, als ob es nichts Wichtigeres gäbe! Zugegeben, so zu argumentieren wäre doch etwas oberflächlich.

Fakt war, dass die UdSSR als eine der Siegermächte im Ergebnis des 2. Weltkrieges in dem von ihr besetzten Territorium, neben den direkten Reparationsleistungen durch Demontage deutscher Betriebsanlagen, bemüht war, wissenschaftlich-technisches "know how" aus den Köpfen deutscher Fachleute abzuschöpfen und für sich nutzbar zu machen. Dieser immateriellen Leistungen bemächtigte sich die sowjetische Siegermacht, indem sie entweder führende Wissenschaftler mit ihren Familien, Mitarbeitern und kompletten Laboreinrichtungen zeitweilig in die UdSSR umsiedelte (stellvertretend für viele sei hier der Wissenschaftler Manfred von Ardenne genannt) oder auf dem Territorium der sowjetischen Besatzungszone wurden punktuell Fachleute unter sowjetischer Leitung zusammengezogen, die Auftragsentwicklungen für die Sowjetunion durchzuführen hatten.

In Chemnitz, auf der Kauffahrtei 45, in den Gebäuden der Zentralen Versuchsabteilung (ZVA) der Auto Union AG, installierte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) bereits im Juni 1946 ein sogenanntes Automobiltechnisches Büro (ATB). Frühere Mitarbeiter der Auto Union AG, die den Krieg einigermaßen schadlos überlebt hatten, wurden, ohne dass Systemnähe zum untergegangenen nationalsozialistischen Regime eine Rolle spielte, eingestellt. Zudem konnten sich diese Leute glücklich schätzen, kamen sie doch in den Genuss der Sonderversorgung mit Lebensmitteln. Das Ziel war allein, den technisch-wissenschaftlichen Stand der deutschen Automobilindustrie, in diesem Falle, den der Auto Union AG, durch Entwicklungsaufträge und den Bau von Prototypen für die sowjetische Kraftfahrzeugindustrie nutzbar zu machen. 1948 wurde das ATB in das sowjetische Staatsunternehmen Awtowelo eingegliedert, dessen Hauptsitz für Ostdeutschland das BMW-Werk in Eisenach, das spätere Automobilwerk Eisenach (AWE), war. Awtowelo-Chemnitz behielt aber weitgehend seine Eigenständigkeit und wurde, nach Auflösung von Awtowelo in der DDR im Jahr 1952, dem IFA Forschungs- und Entwicklungswerk Chemnitz (FEW) eingegliedert.

In der Zeit von 1950 bis 1952 entstanden bei Awtowelo-Chemnitz, neben vielen verwertbaren Ergebnissen auch - man muss schon feststellen: kurioserweise - zwei komplette Rennwagen mit der Typenbezeichnung 650, kurz Awtowelo 650 genannt und drei zugehörige Motoren. Die Fahrzeuge wurden, im Frühjahr 1952 kaum fertiggestellt und noch weniger fahrerprobt, auf Betreiben des Sohnes von J.W. Stalin, Wassilij Stalin, einem sportbegeisterten und motorsportvernarrten General, in die Sowjetunion verbracht, wo diese aus Unkenntnis der richtigen Kraftstoffzusammensetzung, mehr schlecht als recht unter dem Namen "Sokol" (deutsch: Falke) zum Laufen kamen. Wegen ihrer vermeintlichen Mängel schickte man die Rennwagen wieder in die DDR, wo sie zunächst verblieben; zu einem echten Renneinsatz kamen sie nie. Lediglich In dem Defa-Film "Rivalen am Steuer" (1957) hatten sie, etwas verfremdet, einen Auftritt. Dann verlor sich scheinbar die Spur. Fragmente des einen Fahrzeuges befinden sich seit Jahren im Besitz der Kustodie der TU Dresden und harren einer Restaurierung; Versuche dazu scheiterten bisher an der Interessenlage bzw. an finanziellen Mitteln.

Das zweite Fahrzeug wird in einem Rennsportmuseum in Donington (England), der "Donington Grand Prix Collection" gezeigt, fälschlicherweise als ein Auto Union Rennwagen. Am Bug des Rennwagens sind die vier Ringe, das Logo der Auto Union AG, deutlich auszumachen. Das Fahrzeug soll, wie zu erfahren war, in den späten 1970er Jahren in der UdSSR "aufgefunden" worden sein und gelangte als "Auto Union Rennwagen" nach Donington.

Der dritte Motor, der im Projekt 650 entstand, blieb bis heute verschollen.

Immer wieder lebt die Legende auf, nach den Auto Union Rennwagen der Typen A, B, C und D wäre noch in Kriegszeiten, einer neuen Rennformel folgend, ein Typ E entstanden; das ist unrichtig. Für den von der Auto Union AG geplanten Typ E war lediglich ein 1,5 l Einzylinder-Versuchsmotor mit Kompressor erprobt worden.

Technische Daten des Motors (Projekt 650):
V12 4-Takt Vergasermotor; Hubraum: 2 l; max. Drehmoment: 16,4 mkg bei 4000 U/min; max. Leistung: 152 PS bei 8.000 U/min; 2 Ventile je Zylinder; Anordnung hängend; Magnetzündung

Abmessungen und Gewicht des Fahrzeugs: max. Länge: 3.800 mm; max. Breite: 1.500 mm, max. Höhe: 950 mm; Radstand: 2.550 mm Gesamtgewicht mit allen Betriebsstoffen und Fahrer: 730 kg

Der Leihgeber
Die IAV GmbH ist ein firmenunabhängiger Ingenieurdienstleister der Kfz-Branche mit ca. 2.500 Mitarbeitern (Hauptsitz Berlin und weiteren - auch weltweiten - Standorten). Der Betriebsteil Chemnitz hat seinen Sitz in den ehemaligen, traditionsreichen Gebäuden der Zentralen Versuchsabteilung (ZVA) der Auto Union AG auf der Kauffahrtei 45. Zum Arbeitsschwerpunkt zählt hier traditionell die Motorenentwicklung für zahlreiche internationale Automobilhersteller.

Die Leihgabe
Die dem Industriemuseum Chemnitz überlassenen Leihgaben - Zeichnungen der Motoren vom Rennwagen Awtowelo 650, wurden bei der IAV GmbH von Archivmaterial kopiert und durch technische Angaben ergänzt. Sie anschauen zu können und die Geschichte dieser Rennwagen zu erfahren, ist für den technisch interessierten Kraftfahrzeugfreund sicher sehr aufschlussreich. Es ist vorgesehen, dass diese Leihgaben im IMC den Besuchern zugänglich gemacht werden.

Der Beitrag basiert auf folgenden Quellen:

  • Kirchberg, Peter: Plaste, Blech und Planwirtschaft. - Berlin : Nicolai, 2000
  • Alexandrow, Nikolai ; Kirchberg, Peter: Dem Silber auf der Spur. - Stuttgart : Motorbuch Verl., 2004
  • persönliche Schilderungen von Herrn Wolfgang Beyer, Chemnitz, Motorenkonstrukteur bei Awtowelo-Chemnitz; die technischen Daten entstammen dem Privatarchiv von Herrn Wolfgang Beyer