Vereinskurier - Ausgabe 14 - August 2005

Dr. Jörg Feldkamp

Ein ausgezeichnetes Museum

Am Abend des 7. Mai dieses Jahres war Partylaune im Chemnitzer Industriemuseum angesagt. Und wie all die Jahre zuvor war auch für die diesjährige Chemnitzer Museumsnacht mit einem bunten Mix aus Information und Unterhaltung bestens vorgesorgt. Schon bald nach 18 Uhr drängten sich die ersten Museumsbummler im Foyer und am Ende des Museumsmarathons waren es mehr als 4000 Neugierige gewesen, die während dieser Nacht auf einen Besuch im Industriemuseum nicht verzichten wollten.

Was sie nicht wussten: Der Museumsdirektor hielt sich zu dieser Zeit fern vom Chemnitzer Geschehen in Brüssel auf. Eingeladen hatte das Europäische Museumsforum EMF und eben am Abend jenes 7. Mai sollte im Rahmen eines festlichen Banketts im Palais Egmont der Schleier über dem wohlgehüteten Geheimnis gelüftet werden, welche europäischen Museen in diesem Jahr mit einem Preis ausgezeichnet würden. Königin Fabiola von Belgien selbst gab den erwartungsvoll aus ganz Europa angereisten Museumskolleginnen und -kollegen, die alle nominierten Häuser vertraten, die Ehre.

Das European Museum Forum widmet sich seit seiner Gründung 1977, zunächst als European Museum of the Year Award (EMYA), unter dem Patronat des Europarates und seit 1995 auch unter der Schirmherrschaft der belgischen Königin Fabiola "... ebenso erfolgreich wie kontinuierlich der Anerkennung und Förderung herausragender neuer Projekte und Ideen auf dem Museumsgebiet in allen Ländern des Europarates. Das EMF lässt sich in seiner Arbeit von der Erkenntnis leiten, dass im wirtschaftlich wie politisch zusammenwachsenden Europa Museen eine besondere und wachsende Bedeutung haben, weil sie sowohl nationale kulturelle Identität bewahren als auch nationale Identität überschreiten und Schrittmacher supranationaler kultureller Zusammenarbeit sein können."

Fast ein ganzes Jahr hatte das Bewerbungsverfahren in Anspruch genommen. Eine umfangreiche Dokumentation war zu erstellen und einzureichen gewesen. Dann erschien im Herbst des letzten Jahres ein Jurymitglied, um sich vor Ort einen Eindruck vom Museum zu verschaffen und sich nach persönlicher Kontrolle von rund 25 Bewertungskriterien, die in ihrer Gesamtheit den Bewerbern unbekannt sind, ein Urteil zu bilden.

Im nächsten Schritt hat der angereiste Kommissar der Jury zu berichten, die hochkarätig aus internationalen Fachleuten, Museumsdirektoren, Kulturjournalisten und Ausstellungsmachern besetzt ist, die allesamt über viel Erfahrung verfügen. Diese Jury hatte nun die schwierige Aufgabe, aus den gut 100 Bewerbungen die chancenlosen Häuser auszusortieren und unter den verbliebenen rund 60 nominierten Museen vier bis sechs Preisträger zu bestimmen. Dabei kam es auch darauf an, ob es dem vor Ort gewesenen Kommissar gelang, die Jury von der überdurchschnittlichen Qualität seines Favoriten zu überzeugen. Nun, Wim van der Weiden, EMF Chairman, Jury-Mitglied und Chefherausgeber der Kulturzeitschrift "Anno", hatte in unserem Sinne gute Arbeit geleistet und, wie sich am Samstag herausstellen sollte, die Jury für das Chemnitzer Industriemuseum einzunehmen verstanden.

Doch bevor es zur Preisverleihung kam, waren zwei Tage lang alle nominierten Museen den rund 160 aus 22 Ländern angereisten Museumsvertretern und -vertreterinnen in Wort und Bild vorgestellt worden, wobei auch der Chemnitzer Museumsdirektor sich den Fragen in einem öffentlichen Interview stellen musste. Diese Präsentationen waren für alle Beteiligten die seltene Gelegenheit, einen wertvollen Überblick über die aktuellen Entwicklungen und Trends in der - zumindest europäischen - Museumsszene zu bekommen. Schon hierbei wurde das besondere Konzept des Chemnitzer Hauses auffällig.

Dann, am Abend des 7. Mai, war es endlich so weit. Nach einem exzellenten Vier-Gänge-Menu, der der französischen mindestens ebenbürtigen belgischen Küche, wurde das Geheimnis um die diesjährigen Preisträger gelüftet, unter denen das Chemnitzer Industriemuseum neben dem Nationalen Freilichtmuseum in Arnheim (Niederlande), dem Museum für Byzantinische Kultur in Thessaloniki (Griechenland), dem Fischereimuseum in Palamos (Spanien) und dem Mölndal-Museum in Mölndal (Schweden), eine der "Besonderen Anerkennungen" aus der Hand der Königin Fabiola erhielt.

Im Report der Jury heißt es auszugsweise: "Das Sächsische Industriemuseum Chemnitz ... vollzog ... einen erfolgreichen Wandel von einem städtischen Museum zu einem dezentralen Regionalmuseum. Die Interpretation seiner Dauerausstellung mit den thematischen Abteilungen, arrangiert auf den beiden Seiten einer "Straße" und basierend auf Personengruppen stellvertretend für die Industrie wurde ganz besonders gelobt. Die Ausstellungen bieten dem Besucher viele Gelegenheiten, sich selber mit der industriellen Geschichte Sachsens in all ihren Aspekten zu identifizieren. Besonders bewertet wurde der Lösungsansatz des Museums, im Umgang mit der vergangenen kommunistischen Epoche, die auf ernsthafte und manchmal auch humorvolle Art behandelt wurde."

Allein aus Deutschland hatten sich für den diesjährigen Preis zehn Häuser beworben, ein Preis, den in der Vergangenheit schon Museen wie das Guggenheim Museum in Bilbao, das Victoria und Albert Museum in London, das Ungarische Nationalmuseum in Budapest wie das Neanderthal Museum in Mettmann oder das Zeppelin Museum in Friedrichshafen für sich in Anspruch nehmen konnten.

Das Sächsische Industriemuseum in Chemnitz ist das erste in diesem europäischen Vergleich ausgezeichnete Museum in Sachsen, das zweite - neben dem Otto-Lilienthal-Museum Anklam - in den Neuen Bundesländern.

Als zur vorgerückten Stunde die Nachricht per Handy die Museumsmannschaft während ihrer Nachtschicht erreichte, war die Freude über den gemeinsam erarbeiteten "Museumsoscar" übergroß.

Das ungewöhnliche Konzept des Chemnitzer Industriemuseums, auch der Brückenschlag zwischen Sachsen und Europa, die Verbindung von Gegenwart mit Vergangenheit, die engagierten museumspädagogischen Bemühungen um den Nachwuchs in naturwissenschaftlich-technischer Hinsicht, die durchgängige Qualität in allen Bereichen und nicht zuletzt die Besucherfreundlichkeit hatten die Jury beeindruckt.

Die treuen Besucher der 6. Chemnitzer Museumsnacht hatten dies längst für sich entschieden und setzten mit ihrer Präsenz unser Haus zum wiederholten Mal im städtischen Museumsranking an die Spitze der meistbesuchten Museen in dieser Nacht.