Vereinskurier - Ausgabe 14 - August 2005

Dr. Stephan Pfalzer (Stadtarchiv Chemnitz)

Der Luftangriff auf Siegmar-Schönau am 11. September 1944

Die "Stadt vor der Stadt" - so ein Teil des Titels einer 2003 erschienenen Stadtteilgeschichte - enstand erst 1935 durch den Zusammenschluss der Stadt Siegmar und der Gemeinde Schönau und zählte knapp 20.000 Einwohner. Durch die Vereinigung, der bereits in den 1920er Jahren die Verschmelzung von Stelzendorf und Reichenbrand mit Siegmar sowie von Neustadt mit Schönau vorausgegangen waren, konnten zunächst die Bestrebungen der benachbarten Großstadt auf Einverleibung der attraktiven und prosperierenden Vororte abgewendet werden.

Siegmar-Schönau entwickelte sich in den 1930er Jahren zu einem bedeutenden Wirtschaftsstandort. Traditionell beheimatete Großbetriebe waren die Carl Hamel AG (seit 1896 in Schönau), die Elite-Diamantwerke AG im Ortsteil Reichenbrand - deren Wurzeln bis in die 1880er Jahre reichen -, die NILES-Werke (seit 1899 in Siegmar) und die Wanderer-Werke (seit 1894 in Schönau und ab 1926 auch in Siegmar), deren Fahrzeugbereich 1932 in die Auto Union AG einging. Das Gelände an der heutigen Jagdschänkenstraße oberhalb des Siegmarer Bahnhofs bildete einen ausgeprägten Industriekomplex.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vollzogen die Betriebe in großem Umfang die Umstellung auf Rüstungsproduktion, lieferten an die Wehrmacht Zugmaschinen sowie Halbkettenfahrzeuge und leisteten Zulieferungen u.a. für den U-Boot- und Panzerbau. Insofern nimmt es nicht Wunder, dass Siegmar-Schönau in das Fadenkreuz des alliierten Luftkrieges geriet. Die Stadt galt als "Luftschutzort 1. Ordnung".

Besonders die Auto Union und die Wanderer-Werke beschäftigten Tausende Zwangsarbeiter z.B. aus der damaligen UdSSR, aus Polen, Frankreich, Italien, Holland und Belgien. In den Wanderer-Werken arbeiteten mindestens 1750 Ausländer. Deren Unterbringung erfolgte unter anderem im damaligen Gasthof Neustadt.

Am 11. September 1944 fand der erste größere und zielgerichtete Angriff auf die Stadt Siegmar-Schönau und damit auf das heutige Stadtgebiet statt. Interessanterweise wurde den Flugzeugbesatzungen Chemnitz als "target" - als Ziel also - genannt. Die Amerikaner unterschieden nicht zwischen den beiden Nachbarstädten. Im Rahmen seiner Forschungen in britischen Archiven hat der Chemnitzer Historiker Uwe Fiedler Details des Angriffs rekonstruieren können. Danach starteten 74 Bomber, die von 20 Jägern und zwei Wetterbeobachtern begleitet wurden, um 9:30 Uhr von ihren zwischen Cambridge, Norfolk und Suffolk gelegenen Flugplätzen. Etwa drei Stunden später erreichten sie ihr Zielgebiet, das sie in zwei Gruppen aus südwestlicher Richtung anflogen. Um 12:26 Uhr erfolgte der erste Bombenabwurf; in den folgenden fünf Minuten gingen etwa 170 Tonnen Spreng- und Stabbrandbomben über dem Gelände der Auto Union und dem Siegmarer Betriebsteil der Wanderer-Werke sowie über der sich westlich anschließenden Wanderer-Wohnsiedlung nieder. Hunderte Bomben fielen auf freies Feld hinter der "Jagdschänke" und hinterließen dort meterbreite Trichter. Offensichtlich hatte das Grün die Piloten so irritiert, dass sie es für den Tarnanstrich der Werksanlagen hielten. Betroffen wurden auch die NILES-Werke und Wohngrundstücke an der damaligen Hofer (heute: Zwickauer) Straße. Die Angreifer trafen auf starkes und zielsicheres Flak-feuer, wie aus Berichten hervorgeht.

Zu beklagen waren mindestens 105 Tote und 76 Schwer- sowie 74 Leichtverletzte. Besonders tragisch ist der Tod von 40 Zwangsarbeitern aus Belgien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Polen und der damaligen Sowjetunion, die von ihren eigentlichen Verbündeten im Kampf gegen das Naziregime getötet wurden. Sie waren alle in der Auto Union beschäftigt gewesen. Unter den Toten befanden sich auch 24 Chemnitzer, 18 Einwohner von Siegmar-Schönau und Einwohner zwölf weiterer Orte. Die Zahl der Opfer hätte noch deutlich höher ausfallen können, wenn in den Wanderer-Werken in Siegmar nicht nur Einsatzkräfte anwesend gewesen wären. Auch in den NILES-Werken war die Belegschaft evakuiert worden. Durch die Zerstörung des Fremdarbeiterlagers "Landgraf" der Auto Union verloren 585 ausländische Arbeiter ihr weniges Hab und Gut. 510 Einwohner Siegmars wurden obdachlos; die Gas- und Wasserversorgung war zeitweilig gestört.

Im Hinblick auf den Zerstörungsgrad der beiden betroffenen Großbetriebe stellte der Angriff allerdings keinen durchschlagenden Erfolg dar. "Das von den Alliierten gewünschte Ausschalten der Siegmarer Produktionsanlagen für die deutsche Kriegswirtschaft konnte ... nicht erreicht werden. Lebenswichtige Bereiche wurden nicht getroffen", stellte Uwe Fiedler fest. Dennoch hatte der Angriff eine Besonderheit: Es war der erste und auch einzige Angriff auf das Stadtgebiet, der ausschließlich industriellen Anlagen galt. Die weitgehende Zerstörung der Chemnitzer Industrie bei den Bombenangriffen insbesondere Anfang März 1945 war eingebunden in die generelle Zerstörungsstrategie der alliierten Stäbe.

Die Auto Union, die die erlittenen Gesamtschäden allerdings auf 13,47 Mio. Reichsmark bezifferte, nahm die Teilefertigung bereits am 14. September wieder auf und konnte im Monat noch 500 Panzermotoren produzieren, obwohl 460 Werkzeugmaschinen in unterschiedlichem Maße beschädigt und 20 total zerstört waren. Die Wanderer-Werke meldeten einen Gesamtschaden von etwa 10,3 Mill. Reichsmark an. Von 849 Maschinen blieben nur 323 unbeschädigt. Dennoch begann am 18. September wieder die Produktion auch an Ausweichstandorten im Werkteil Schönau, in Harthau und in einem noch zu identifizierenden Objekt "Vera". Die Planung sah vor, zu Beginn des Jahres 1945 den Produktionsumfang von vor der Zerstörung wieder zu erreichen. Dafür wurde auch die Beschaffung von Maschinen aus einem sogenannten Beutelager in Güstrow ins Auge gefasst. Lediglich leichte Schäden erlitten die NILES-Werke, auf die etwa 150 Stabbrandbomben nieder-gingen und vor allem 800 m2 Dachfläche zerstörten. Bereits in den Nachmittags- und frühen Abend-stunden wurde die Arbeit wieder aufgenommen.

Für die beteiligten Flugzeugbesatzungen verband sich mit dem Angriff noch eine andere Dimension. Sie flogen weiter ostwärts in die Ukraine, landeten auf Flugplätzen in der Nähe von Poltawa und griffen von dort aus Raffinerien in Ungarn an. Über Norditalien und Frankreich kehrten die Flugzeuge nach England zurück. Der Angriff auf Siegmar ordnet sich so in größere Zusammenhänge ein, die insgesamt deutlich machen, dass die alliierten Bomberflotten nahezu uneingeschränkt die Lufthoheit über dem europäischen Festland innehatten.

Und bemerkenswert ist noch das Folgende: Obwohl über den Bombenangriff und seine Opfer nichts in der Chemnitzer Presse verlautbart wurde, veranstaltete die NSDAP am 16. September auf dem Reichenbrander Friedhof eine öffentliche Trauerfeier. Auf dem Friedhof wurden auch die beim Luftangriff getöteten Zwangsarbeiter bestattet.