Vereinskurier - Ausgabe 13 - April 2005

Roland Vogel

Kältetechnik in der Haubold AG bzw. der Ersten Chemnitzer Maschinenfabrik

Die ersten Erzeugnisse der Eis- und Kältetechnik wurden bei der Fa. C. G. Haubold seit dem Jahre 1892 konstruiert und gebaut; es waren Zwillingskompressoren für Kohlensäure. Es handelte sich bei diesen Erzeugnissen um Anlagen, die mit Kohlendioxyd als Kältemittel arbeiteten und damit auch für den Einsatz in Schiffen (hauptsächlich Kriegsmarine) einsetzbar waren.
Über zwei Weltkriege, bis zum Jahre 1956, befasste sich bei "Haubolds" bzw. der "Ersten Chemnitzer Maschinenfabrik" eine Abteilung von erfahrenen Konstrukteuren, Monteuren und Werkstattpersonal mit dem Bau von Eis- und Kälteerzeugungsanlagen. Die verschiedensten Zweige der Wirtschaft wurden für den Einsatz von Kältemaschinen erschlossen und erlangten immer mehr Bedeutung. Bereits im Jahre 1893 lieferte "Haubold" die erste Schokoladen-Spezial-Kühlanlage. Die Entwicklung dieses neuen Wirtschaftszweiges war nur durch zweckmäßig angepasste Maschinensysteme zur Erzeugung niedriger Raumtemperaturen und zur Abkühlung der Waren möglich, "Haubold" hat aber nicht nur auf diesem Gebiet, sondern auch auf vielen anderen Gebieten der Lebensmittelherstellung und Lagerung, sowie der chemischen Industrie bahnbrechend gewirkt.

Ein besonderes Erzeugnis der Hauboldschen Kältetechnik war z.B. ein sogenannter Transporteur, in dem flüssiges Gut auf umlaufenden Bahnen gekühlt wurde, z.B. Schmelzkäse, Schuhcreme und Bohnerwachs, wobei dem Transporteur eine Formfüllmaschine vorgeschaltet war. Für deutsche und ausländische Reedereien wurden schon damals Anlagen zur Kühlung von Proviant- und Lagerräumen, für Trinkwasser und zur Eiserzeugung gefertigt. Am Wiederaufbau der deutschen Handelsmarine nach dem 1. Weltkrieg hatte "Haubold" einen hervorragenden Anteil. Nicht zu vergessen seien Schlachthöfe, fleischwarenerzeugende Betriebe, Brauereien, Molkereien, Gaststätten und viele andere Bereiche, in denen Kühlanlagen der Hauboldschen Produktion zum Einsatz kamen. Diese ganze Palette der Kühltechnik wurde in der "Ersten Chemnitzer Maschinenfabrik" bis zur Ausgliederung 1956 erfolgreich fortgeführt.

Am Ende des 2. Weltkrieges, bald nachdem die Werkhallen von Trümmern befreit waren, wurde wieder mit der Konstruktion und dem Bau von Kältemaschinen begonnen. Nach und nach hatten die Konstrukteure der Abteilung Kälte wieder ein Sortiment geschaffen, das bei der "Chemnitzer" gefragt war. Zuerst waren noch die vorhandenen Zeichnungen auf den neuesten Stand gebracht worden. Das einfache Prinzip einer Kälteanlage sei hier zum Verständnis beschrieben, wobei erwähnt werden muss, dass Anlagen der sogenannten Großkälte mit Ammoniak und Kleinkältemaschinen zuerst mit Schwefeldioxyd betrieben wurden. Schwefeldioxyd konnte wegen der niedrigeren Verflüssigungsdrücke und Überhitzungstemperaturen auch mit Luftkühlung in wärmeren Gebieten eingesetzt werden, wenn das Wasser knapp war, z.B. Kühlzellen für das Afrikacorps. Danach erfolgte der Betrieb mit Methylchlorid und später auch mit dem in den USA entwickelten unbrennbaren geruchlosen Sicherheitskältemittel aus der Gruppe der Freone mit der Bezeichnung R12 (Dichlordifluormethan). Der Verdichter, eine einfach wirkende Saug- und Druckpumpe, saugt aus dem Verdampfer gasförmiges Kältemittel an, verdichtet es und drückt es in die Rohre des Kondensators, wo es unter Druck bei gleichzeitiger Abkühlung verflüssigt wird. Das flüssige Kältemittel gelangt zu einem Regulierventil, das die Menge des nach dem Verdampfer überströmenden Kältemittels reguliert. Hier wird das Kältemittel vom hohen Verflüssigungsdruck entspannt. Im Verdampfer siedet die Kältemittel-Flüssigkeit und entzieht dabei der den Verdampfer umgebenden Luft bzw. dem Süßwasser oder der Sole (einer konzentrierten Salzlösung) Wärme und kühlt sie ab.
Je nach Einsatzgebiet standen für Großkälteanlagen komplette Kühlaggregate mit Verdichter, Elektromotor, Ölabscheider und Einbündelrohr-Kondensator zur Verfügung. Die Verdichter wurden für viele Anlagen (meist im Verbund) aber auch als Einzelmaschinen eingesetzt.

Mit vier Maschinen wurde ein gut gestufter Einzelleistungsbereich von ca. 10.000 - 120.000 kcal/h abgedeckt. Die Verdichter wurden ausschließlich für Schiffskühlanlagen - im Rahmen von Reparationsleistungen an die UdSSR - auch mit dem Kältemittel R12 geliefert. Die Verdichter zeichneten sich durch große Leistungsfähigkeit, einfache Wartung und hohe Betriebssicherheit aus. Besondere Verdienste erwarb sich dabei die werkseigene Gießerei, die für die Kompressoren einen besonders gasdichten Guss für das Kältemittel R12 herstellte. Die Verdichter in stehender Bauart besaßen geschlossene Triebswerksteile mit innenliegender Druckölschmierung, Plattenventile steuerten den Ein- und Auslass des Kältemittels. Der Kondensator bestand aus in Rohrböden eingewalzte und verschweißte Innenrohre. Durch einen leistungsfähigen Rohrleitungsbau war es möglich - die zur Komplettierung von Kälteanlagen benötigten Berieselungskondensatoren, Doppelrohr- oder Einbündelrohrkondensatoren, sowie Verdampfer für die direkte oder indirekte Kühlung - selbst zu bauen und ab Werk zu liefern. Selbstverständlich wurde aber auch mit vielen Zulieferern kooperiert.

Unter dem 10.12.1945 (etwa Abschluss der Demontage) existiert eine dreiseitige Aufstellung an die sowjetische Militäradministration über Betriebsausrüstungen, Werkzeuge, Maschinen und Hilfsmittel, die zur Herstellung von Großkälteanlagen notwendig wären, sicherlich mit dem Gedanken, einen baldigen Anlauf des Werkes zu ermöglichen. Man dachte hier wohl auch schon an eine Abteilung Schiffskühlanlagen, die dann später einen bedeutenden Umfang im Produktionsvolumen der Großkältetechnik einnahm.

Viele deutsche Schiffe, die an die UdSSR als Reparationsleistungen ausgeliefert werden mussten, wie z.B. die "Bremen", "Danzig" wurden mit Schiffskühlanlagen der "Ersten Chemnitzer" ausgerüstet. Sie fuhren später unter den Namen "Admiral Nachimow" und "Juri Dolgoruki" über die Meere. 1953 wurde die "Chemnitzer" in "VEB Erste Maschinenfabrik Karl-Marx-Stadt" umbenannt. Weiterentwickelt wurde inzwischen nach Vorliegen von Aufträgen der eingangs genannte Kühltransporteur zur Abkühlung und Erstarrung von fettigen Flüssigkeiten in Formen oder Dosen, in denen obendrein eine glatte Oberfläche erreicht werden musste. Der Ursprung dieser Anlagen in einfacher Bauweise lag, wie bereist erwähnt, bei "Haubold".
Es entstand eine Typenreihe von Aggregaten, deren Einsatzgebiet sich von Haushaltkühlschränken, gewerblichen Kühlschränken, Kühlzellen bis hin zu Kühlräumen erstreckte. Einige dieser Verdichtertypen sind aus Erzeugnissen der amerikanischen Firmen Kelvinator und Frigidair hervorgegangen.
Kleinkälteaggregate der "Ersten Maschinenfabrik" bewährten sich in Kühlvitrinen bzw. -büfetts und als Speiseeisbereiter, die in Konditoreien, Cafés, Eisdielen usw. zu finden sind. Die Ausführung dieser zum Teil. wie Möbelstücke aussehenden Erzeugnisse oblag größtenteils der Fa. Ladenbau Hübner in Chemnitz (Limbacher Str.), ein stets zuverlässiger Partner.
Für Fleischereien wurden Anlagen zur Kühlung von Aufbewahrungsräumen projektiert und geliefert. Die Montage der Großkühlanlagen erfolgte weitgehend durch erfahrene Werksmonteure, während die gewerblichen Kleinkälteanlagen zu einem erheblichen Teil durch ein privates Vertreternetz mit eigenen Monteuren realisiert wurden, z.B. Fa. Rüger (Chemnitz), Fa. Starke (Gera), Fa. Lemmel (Magdeburg), Fa. Krebs (Leipzig) und Fa. Lang (Meerane), um nur einige zu nennen.

Ein weiteres Sortiment bestand in zerlegbaren Kühlzellen mit Nutzinhalten von 4000 l aufwärts und einer standardgerechten Stufung. Sie waren begehbar und für geringere Kühlmengen durch eine kleinere seitliche Tür beschickbar. Durch Fachkräfte der Modelltischlerei des Werkes wurden diese Zellen gefertigt, so dass sie nicht als Fremdproduktion vergeben werden mussten. Die Gehäuse der Kühlzellen waren solide Holzbauweise, naturfarbig lackiert und innen mit eloxiertem Leichtmetallblech ausgekleidet. Der Boden bestand aus Korksteinplatten, die zu einem späteren Zeitpunkt durch Hartpiatherm ersetzt wurden. Die Wandisolierung bestand aus Piathermschaumstoff.
Zum Einfrieren von Gemüse, Obst oder ähnlichem in Päckchenform wurde ein Plattengefrierschrank weiterentwickelt. Der mit weitöffnenden Türen für die Beschickung und Entleerung versehene Schrank hatte im Inneren zehn mittels Sole gekühlte Platten. Nach Beschickung mit dem Kühlgut wurden die Platten hydraulisch gegeneinander verfahren, so dass durch die intensive Kühlung ein schneller Gefrierprozess ermöglicht wurde. Auf vielen Messen repräsentierten diese Erzeugnisse der Kältetechnik beste Qualitätsarbeit. Die Leitung der gesamten Kältetechnik oblag jahrelang Herrn Oberingenieur Richter, der diese dann aus Altersgründen an Herrn Ing. Gerhard Saupe übergab.

1956 wurde der VEB Erste Maschinenfabrik Karl-Marx-Stadt aus dem Verband der VVB Nagema (Vereinigung Volkseigener Betriebe - Nahrungs- und Genussmittelmaschinenbau) ausgegliedert und die gesamte Abteilung Kältetechnik verlagert. Die Abteilung Großkältetechnik übernahm der VEB Maschinenfabrik Halle und die Abteilung Kleinkältetechnik der VEB MAB Schkeuditz bzw. der VEB DKK Scharfenstein. Ein Teil der Mitarbeiter siedelte nach Halle um. Einige blieben im Betrieb und arbeiteten sich in die Kalandertechnik, Zentrifugentechnik usw. ein, also in die im Betrieb vorhandenen Spezialgebiete. Einige Mitarbeiter verließen den Betrieb ganz, um auf neuen Gebieten zu arbeiten.

Nachtrag: als Zeitzeugen gaben Herr Obering. G. Saupe (Halle) und Herr Ing. W. Gramm (Dresden) wertvolle Hinweise zu diesem Beitrag (R. V.)