Vereinskurier - Ausgabe 13 - April 2005

Interview (Ulrich Sacher) mit Hans Hauenschild

Als Lehrling bei der Auto Union - 1945 und die folgenden Jahre

Herr Hauenschild, wann und wo haben Sie Ihre Lehrstelle angetreten?
Das war am 12. Februar 1945 im Betriebsteil "L" an der Kauffahrtei. Es sind drei Monate vor Kriegsende, die Produktion schien noch voll zu laufen. Als Endprodukte standen aber keine Autos auf dem Hof, sondern Drilling-Fla-MG´s (Flugzeug-Abwehr-Maschinengewehre). Die Ausbildung fand in einer gut ausgerüsteten Lehrwerkstatt, gemäß einem sinnvollen Lehrplan, statt. Nur das ständige Feilen war nicht so recht nach meinem Geschmack.

Wie machte sich der Krieg in Chemnitz bemerkbar?
Die Kriegsfronten rückten immer näher, die Fliegeralarme häuften sich. Immer öfter erfolgten Bombardierungen, bei Tag und in der Nacht. Während es zuerst, speziell am 11. September 1944, den Betriebsteil Siegmar betraf, wurde ab Februar 1945 auch der Bereich Altchemnitz Ziel der Bombenabwürfe. Entlang der Kauffahrtei führten damals drei Fußgängerbrücken über den Chemnitzfluss, so dass man bei Luftalarm auch schnell in den Stadtpark gelangen konnte. Nach dem schweren Angriff vom 5. März 1945 bekamen wir den Luftschutzkeller in der Hauptverwaltung der Auto-Union (Bernd-Rosemeyer-Str., jetzt: Scheffelstr.) zugewiesen. Manches Bild von menschlichem Leid ist mir noch heute, nach 60 Jahren, in Erinnerung. Nach einem dieser Bombenangriffe sah ich eine Gruppe von Zwangsarbeitern, auf einem Handwagen einer ihrer Gefährten, der Fuß hing abgeschlagen am Rest seines Beines. Als ich dann nach Hause ging, war hinter dem Straßenbahndepot ein zerstörtes Pferdefuhrwerk, daneben das Pferd mit dem Kutscher, beide waren tot.

Wie war die allgemeine Situation in der Produktion?
Verlagerungen der Produktion innerhalb des Betriebes waren nötig, auch der Speisesaal musste verkleinert und für Produktionszwecke genutzt werden. Die Forderungen an die Betriebsangehörigen wurden immer höher geschraubt. Jugendliche über 16 Jahre, somit auch ich, hatten zwölf Stunden täglich zu arbeiten. Zunächst gab es noch ein Mittagessen, aber die Kartenrationen wurden immer knapper, der Hunger immer mehr zum Problem. Die ausländischen Arbeiter, sicherlich schlechter verpflegt, holten sich noch die geleerten Essenkübel, um letzte Reste auszukratzen.

Bei all diesem Einzelleid, den Höhepunkt brachte der März 1945. Tagesangriffe mit Bomben am 1., 2., 3. und 5. März abends wieder Fliegeralarm. Das war der Schicksalsschlag für unsere Stadt. Etwa eine Stunde fielen Bomben, das Licht erlöschte, Entwarnung gab es nicht. Als man sich aus dem Keller traute, ein glutroter Himmel und Feuersturm. Am nächsten Morgen lagen große Teile der Stadt in Schutt und Asche. Nur in Abständen kamen in den folgenden Tagen die Werksangehörigen wieder zur Arbeit: zur Beseitigung der Trümmer. Suchen nach einer Unterkunft und Verwandten oder Flucht in die nähere bzw. weitere Umgebung waren die Gründe, dass sie nicht gleich wieder erschienen.

Wurde danach noch produziert?
Inwieweit und wann die Produktion wieder anlief, kann ich nicht mehr sagen. Fliegeralarme gab es noch, aber keine schweren Bombenabwürfe mehr.

Wie erlebten Sie das Kriegsende in Chemnitz?
Am 13. April 1945 wieder Fliegeralarm; ab in den Keller der Hauptverwaltung. Plötzlich eine Durchsage im Auftrag der Direktion: Amerikanische Panzer im Anmarsch auf Chemnitz. Wir wurden nach Hause geschickt. Wie wir dorthin kamen, war unser Problem; öffentlichen Nahverkehr gab es nicht mehr. Starker Verkehrslärm war aus Richtung Stollberger Straße zu hören. Noch am späten Nachmittag begann der Beschuss der Stadt; der Krieg war aber noch nicht zu Ende. Nach einigen Tagen kam die Aufforderung, die Arbeitsstätten wieder aufzusuchen. Die Geschütze auf dem Hof waren verschwunden. Nicht alle Kollegen konnten kommen. Entlang der Autobahn A 72 zwischen Siegmar und Chemnitz bis Borna standen die Amerikaner. Für uns schwebte immer wieder die Frage im Raum: "Wie geht es weiter?" Wir wurden dann zur Säuberung der Lehrwerkstatt und deren Ausrüstung eingesetzt. Am 8. Mai 1945 war der Krieg zu Ende.

Wie ging es dann weiter?
Eines Tages, es war wohl im Juni, wurden wir von einem "Auftrag der Roten Armee" in Kenntnis gesetzt. Es handelte sich um die Demontage der Maschinen im Rahmen von Reparationsleistungen. Die Lehrwerkstatt wurde zunächst verschont, später aber ebenfalls davon betroffen. Am Betriebsausgang standen sowjetische Posten. Probleme gab es, wenn man persönliches Eigentum mit nach Hause nehmen wollte. Im Rahmen der Demontage wurden wir Lehrlinge in der Tischlerei eingesetzt. Aufgabe war der Bau von Kisten für den Transport der Maschinen in die UdSSR. Viel wertvolles Holz wurde verwendet, wir hätten es auch zu Hause für eine warme Stube gebrauchen können. Nach dem Abschluss der Demontage sind die Hallen, einschließlich der Lehrwerkstatt, leer. Übrig sind beschädigte oder wertlose Anlagenteile bzw. "sichergestellte" Materialien.

Was wurde aus der Auto-Union?
Im Bereich Bernd-Rosemeyer-Straße / Ecke Kauffahrtei war bis zur Demontage die Abteilung "L" mit der Mechanischen Abeilung und Härterei, drei längliche Hallen und die Lehrwerkstatt, die später zu einer Tischlerei umfunktioniert wurde. Auf der anderen Seite der Bernd-Rosemeyer-Straße die Hauptverwaltung; das Gebäude wurde aber bald von der Stadt Chemnitz als Krankenhaus genutzt. Die Gebäude dahinter waren größtenteils zerstört.

Als ich nach der Demontage wieder in die "Mechanische Abteilung" kam, war eine bescheidene Nachkriegsproduktion angelaufen. Aus vorhandenen Materialien wurden Stahlbetten, Bratpfannen, Kleinstöfen und ähnliches gefertigt. Zur Verfügung standen alte Maschinen, ein Bereich mit Transmissionsantrieb, wie er jetzt im Industriemuseum gezeigt wird.

Wie geschah in dieser Zeit die Ausbildung der Lehrlinge?
Eine Lehrwerkstatt gab es nicht mehr. Uns wurde eine Baracke zur Verfügung gestellt, die als Unterkunft für die Zwangsarbeiter gedient hatte; wir als Lehrlinge mussten daraus etwas machen. Ein anderer Lehrling und ich hatten einen Lehrvertrag als "Betriebselektriker" und so gab man uns ein paar Rollen Leitungsdraht mit dem Auftrag, diese "neue" Lehrwerkstatt zu installieren. Wir wollten "Elektriker" erst einmal lernen, jetzt wurde uns gesagt "seht wie ihr kommt". Wir bekamen aber eine gute Unterstützung in der Elektrowerkstatt. Waren Fragen, sind wir zu diesen "alten Elektrohasen" gegangen und sind nie abgewiesen worden.

Im Rahmen unserer weiteren Ausbildung wurden wir in der Elektrowerkstatt eingesetzt. Damals hieß das Betriebselektriker, später Hauptmechanik. Wir mussten u.a. aus alten bzw. ausgebombten Gebäuden Materialien bergen und wieder einsatzfähig machen, notwendige Installationen durchführen, beschädigte Maschinen mit neuer Steuerung und der entsprechenden Elektroversorgung ausrüsten, sowie Trafostationen wieder in Betrieb nehmen. So konnten und mussten wir uns das notwendige Können und Wissen durch praktische Arbeit aneignen. Probleme gab es genug - Material, Werkzeug, technische Unterlagen dafür zu wenig. Trotz der genannten Probleme hat mir dieser Lebensabschnitt viel gegeben und wenn ich könnte, würde ich mich noch heute bei dem Meister und den Gesellen bedanken. Durch sie bekamen wir wertvolle Unterstützung und sind unter schwierigsten Bedingungen in das Berufsleben geführt worden.

Was können Sie über die allgemeine Situation in der Auto-Union sagen?
Eine Autoproduktion untersagte das "Potsdamer Abkommen". Weit und breit aber standen in der Landschaft Autos aller Typen, verlassen, zerschossen, meist Wehrmachtsfahrzeuge aus der Rüstungsproduktion oder auch beschlagnahmte ehemalige Privatwagen. Diese wurden im Bereich Kauffahrtei wieder ordnungsgemäß und betriebsfähig hergerichtet, lackiert, wie ein Neues. Und wir mussten sie auf Eisenbahnwagen transportfähig verladen. Später wurde uns auf einer Versammlung vom Betriebsleiter mitgeteilt, dass das Unternehmen von Berlin den Auftrag erhalten hat, die in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) benötigten Autoersatzteile zu produzieren.

Berichten Sie bitte über die allgemeine Lage?
Wenn über diese Zeit berichtet wird, sollten die Bedingungen nicht übersehen werden, unter welchen die Menschen zu arbeiten hatten. Eine Friedensproduktion musste in Gang gebracht werden. Der Bedarf an "Friedens-Produkten", die der Krieg den Menschen genommen hat, war groß. Nicht nur, dass die Fabrikhallen leer waren. Millionen hatten Angehörige verloren und mussten das Leben allein meistern. Viele hatten ihre Heimat verlassen müssen und sollten in fremder Umgebung ein neues zu Hause aufbauen. Nahezu jeder hatte unter dem unerbittlichen Hunger zu leiden. Mancher Frau kamen die Tränen, wenn sie ihrem Mann, Tochter oder Sohn mit Glück eine Scheibe Brot oder eine Tomate mit auf Arbeit geben konnte. Wenn mancher heute fragt "Was gibt es zu essen?", so konnte man damals höchstens fragen "Gibt es etwas zu essen?". Es könnten jetzt manche sagen "Alte Kamellen". Das war aber damals für die Menschen das Hauptproblem. Das Leben ging aber weiter. Es mussten menschenwürdige und lebensfähige Bedingungen geschaffen werden. Viele übernahmen auch die schwere Aufgabe, den Werktätigen zu helfen. So auch der Ausbildungsleiter, Herr Ahnert. Er übernahm die Vertretung der Belegschaft (Betriebsrat bzw. Gewerkschaftsvertreter). LKWs (mit Holzgas-Antrieb) wurden auf´s Land geschickt und sollten dort Lebensmittel holen. So konnte zum Teil wieder ein Mittagessen ausgegeben werden. Das reichte aber nicht für alle. Man war aber auch bemüht, die Werksangehörigen materiell etwas zu unterstützen. Viele hatten manchmal nicht mehr die Wäsche zum Wechseln. Und wenn ich sage, dass es Unterhosen als Prämie gab, lächelt vielleicht mancher, aber man nahm es dankbar entgegen.

Berichten Sie bitte über die weitere Zeit bis zum Ende der Lehrlingsausbildung!
Mit der Beendigung des Krieges stand die Frage: Was wird aus der Auto-Union? Kernpunkt waren die Ergebnisse der "Potsdamer Konferenz" im Juli / August 1945 und als Folge die Reparationen und die Liquidation der Auto-Union AG. Wir gehörten der "Industrie-Verwaltung 19 Fahrzeugbau" der Firma "Sächsisches Aufbau-Werk" an. Unter diesem Namen erfolgte nach abgelegter Prüfung die "Freisprechung" zum Facharbeiter.

Wie erfolgte diese "Freisprechung?"
Ich muss heute erwähnen: Man hat uns mit dieser Feier einen würdigen Abschluss unter Berücksichtigung der damaligen Bedingungen gestaltet. Viele Jahre später schrieb mir ein "frischgebackener Facharbeiter" wie sie das gefeiert haben, der Sekt wäre nur so geflossen. Der floss bei uns nicht. Aber man hat uns zu einem Mittagessen eingeladen, wo wir essen konnten, so wie es lange nicht möglich war. Und dann wurde auch noch Kaffee und Kuchen serviert. Mancher könnte jetzt wieder lächeln oder abwinken, aber was das damals für uns bedeutete, kann nur der wissen, welcher diese Zeit in aller Realität erlebte.

Geben Sie bitte nach fast 60 Jahren noch einen Rückblick!"
Mein Berufsleben habe ich hinter mir, aber ich kann mich noch an vieles aus meiner Lehrzeit in der Auto-Union erinnern. Ich bin heute noch den Lehrmeistern und -gesellen in meinem Lehrbetrieb und den Lehrern der Industrieschule Chemnitz dankbar. Durch das, was sie uns lehrten und was wir im Krieg und der Nachkriegszeit erlebten, kam bei mir die Erkenntnis, man muss lernen, lernen. Und das machte mir Spaß. Und ich sagte bereits damals, bei aller Schwere der Zeit, die Lehrzeit war eine schöne Zeit. Diese Zeit hat mich geprägt, für den Beruf und für das Leben.

Nachtrag: Der komplette Bericht liegt der Redaktion vor und wird im Bestand der Bibliothek des IMC eingeordnet.