Vereinskurier - Ausgabe 12 - Dezember 2004

Prof. Dr. Dr. Friedrich Naumann

Symposium "Informatik in der DDR - eine Bilanz" (Oktober 2004 in Chemnitz) - ein Rückblick

Wissenschafts- und Technikgeschichte haben in Chemnitz eine große Tradition. Schon einer der ersten Lehrer der Kgl. Gewerbschule, Christian Moritz Rühlmann, wusste sich diesbezüglich auszuweisen; seine "Vorträge über Geschichte der technischen Mechanik und theoretischen Maschinenlehre" wurden zum Bestseller des 19. Jahrhunderts und sind noch heute eine unschätzbare technik-historische Quelle. Auch der Maschinenbauer Carl von Bach, in Stollberg gebürtig und einer der Musterschüler der "Chemnitzer Anstalt", maß der Technikgeschichte große Bedeutung bei und definierte sie als unverzichtbaren Teil einer modernen Ingenieurausbildung. Nicht nur aus diesen Gründen wurde an der damaligen Technischen Hochschule bereits im Jahre 1961 ein Institut für Geschichte der Naturwissenschaften und Technik begründet, dessen Arbeitsfähigkeit - wenngleich unter sehr unterschiedlichen Strukturen - bis heute aufrechterhalten werden konnte.

In der Bilanz stehen nicht nur vier Jahrzehnte erfolgreiche Lehre, sondern gleichermaßen hervorragende Forschungsergebnisse, die sich in einer Vielzahl von wissenschaftlichen Veranstaltungen sowie zahlreichen Publikationen niederschlugen.

Nach der "Wende" galt es, Lehr- und Forschungsaufgaben neu zu profilieren und sich den Herausforderungen der Gründung des Fachgebietes Geschichte im Rahmen der Philosophischen Fakultät zu stellen. Prinzipiell wurde jedoch an den über Jahrzehnte gewachsenen Schwerpunkten festgehalten. Dies waren

  • Industriegeschichte der Region, Mitwirkung beim Aufbau Sächsischer Industriemuseen,
  • Industriearchäologie und Denkmalpflege,
  • Geschichte von Rechentechnik und Informatik, speziell in der DDR und den Ländern des RGW,
  • Geschichte der technischen Bildung in Chemnitz/Karl-Marx-Stadt,
  • Leben und Werk Georgius Agricolas - Agricola-Forschungszentrum Chemnitz.

In diese Profillinien ordnet sich auch das durchgeführte Symposium zur Geschichte der Informatik in der DDR ein, das seit langem schon geplant war, dessen Realisierung jedoch wiederholt ausgesetzt werden musste, da die TU zu einer Unterstützung in keiner Weise bereit war. Solch unumgängliche kritische Anmerkung bezieht sich hauptsächlich auf die unzureichenden personellen und materiellen Ressourcen, die sich möglicherweise nur mit einem Unverständnis gegenüber dem Stellenwert der Technikgeschichte und deren grober Missachtung erklären lassen. Diese beklagenswerte Situation, die im ersatzlosen Wegfall der Professur per 1.10.2005 gipfelt, hinderte mich jedoch nicht daran, Ende 2003 mit den Vorbereitungen zu beginnen. Zur Unterstützung erklärte sich Frau Professor Dr.-Ing. Gabriele Schade (FH Erfurt) bereit, denn auch ihr Herz brennt für die Bewahrung des Geleisteten.

"Bilanz zu ziehen, Geschaffenes solide zu bewerten und das Bewahrenswerte zu dokumentieren", lautete die Aufforderung an all jene Interessenten, die in den zurückliegenden Jahrzehnten in irgendeiner Form in Forschung und Entwicklung oder im Bereich des Hochschulwesens in Sachen Informatik tätig gewesen waren. Glücklicherweise erhielt ich beim mühsamen Aufsuchen Hilfe von den Herren Günter Bezold (Chemnitz) und Bernhard Göhler (Dresden), ohne sie wäre die Zahl der Teilnehmer sicher weniger groß gewesen.

Das Ergebnis des Symposiums erfüllt uns mit großer Befriedigung, da die Erwartungen an die Zahl der eingereichten Vorträge (über 40 Anmeldungen war zu entscheiden) und der Teilnehmer (140 registrierte) weit übertroffen wurden. Entsprechend groß sind internationale Resonanz und Reflektion der Veranstaltung in Fachkreisen, zu denen auch jene Disziplinen gehören, die sich bislang noch nicht zu Vergleichbarem entschließen konnten. Immerhin unterstreicht die Anwesenheit vieler "Pioniere und Schrittmacher" das Maß an Ernsthaftigkeit, mit dem gerade diese zur Aufarbeitung ihrer Leistungen beizutragen entschlossen sind. Geschichtsbewältigung wird somit zur ureigenen Angelegenheit und nicht jenen überlassen, die daran keinerlei Anteil hatten.

Fünf Jahrzehnte Entwicklung lassen sich allerdings kaum in nur 30 Vorträgen abbilden, so blieb vieles unterbelichtet oder unberücksichtigt. Ein weiteres Symposium, zu dessen Durchführung wir uns in Auswertung der Ergebnisse entschlossen haben, wird deshalb Anfang 2006 in Erfurt stattfinden und Gelegenheit geben, Fehlendes zu ergänzen und Lücken zu schließen. Bis zu diesem Zeitpunkt werden auch die Beiträge veröffentlicht sein; die dafür vorausgesetzten Verhandlungen mit dem Springer-Verlag sind im Gange.

Schließlich bliebe noch ein Wort zur (Werk-)Ausstellung "Mit Sachsen ist zu rechnen", die am 8. Oktober im IMC eröffnet und bis zum 7. November gezeigt werden konnte: Auch hier lohnte die Mühe der Vorbereitung, bei der mich vor allem Herr Günther Jornitz unterstützte, denn 2.500 registrierte Besucher, für die ich an den Sonnabenden gern auch persönlich zur Verfügung stand, sind sicher ein guter Indikator für dieses imposante Feld sächsischer Industriegeschichte.

Es bleibt zu hoffen, dass beide Veranstaltungen auch eine Signalwirkung auf die Strategie des Industriemuseums haben, denn im Zeitalter allumfassender Digitalisierung sollte man deren Geschichte - zumal auf dem Boden eines derart erfolgreichen Rechen- und Büromaschinenbaus - zukünftig doch sehr viel mehr Bedeutung beimessen.