Vereinskurier - Ausgabe 12 - Dezember 2004

Joachim und Ingeborg Heppe

Reise zu den technischen Museen im Elsaß

39 Neugierige in Sachen Industriekultur reisten mit dem Förderverein Industriemuseum Chemnitz e.V. Anfang Oktober 2004 in die ostfranzösische Region Elsaß und absolvierten dort einen regelrechten Besichtigungsmarathon durch die Museen von Stadt und Umgebung von Mulhouse. Die überaus meisten Teilnehmer besuchten erstmals die Chemnitzer Partnerstadt, viele überschritten gar zum ersten Mal die französische Grenze, das Gepäck voller Gastgeschenke.

Eine kurze Stadtführung durch die Stadt Mulhouse machte uns mit einigen Besonderheiten vertraut. Genannt sei die zeitweilige Zugehörigkeit zum Schweizer Bund im 16. Jahrhundert, womit man vor Zerstörungen während des 30jährigen Krieges verschont blieb. Ferner ist Mulhouse durchaus als eine Wiege der Industrialisierung des europäischen Festlandes zu bezeichnen. Erwähnenswert ist, dass derzeit sichtbar in ein städtisches Verkehrsprojekt - ein Schienennetz für die Straßenbahn - investiert wird.

Vor Monaten lasen wir eine Werbeschrift über Mulhouse. Sie nannte diese Stadt "Europäische Hauptstadt der technischen Museen"; damals erschien uns das als Übertreibung, heute nicht mehr. Olivier Iannone vom Vorstand des Vereines "Musées sans Frontières" in Mulhouse erläuterte im Gespräch das Erfolgsrezept. Der Verein managt für die meisten Museen zentral die Investitionen, die Werbung und die Museumspädagogik. Die öffentlichen und privaten Träger pflegen seit Jahren den Ausbau und die Modernisierung der Museen, die so enorm an Attraktivität und damit auch an Besuchergunst gewinnen. Allein in den letzten fünf Jahren wurden rund 27 Millionen Euro investiert. Die Besucher aus dem an Industriegeschichte so reichen Sachsen vermerkten dies mit Bewunderung.

Bereits die erste Museumsstation in Mulhouse, das Nationale Automobilmuseum (Sammlung Schlumpf), bestätigte uns dies. Die Größe des Museums und die Anzahl der Exponate sind kaum in Worte zu fassen. Man muss es einfach gesehen haben. Auffallend war, dass die Texttafeln an den Exponaten immer dreisprachig gehalten waren (französisch - deutsch - englisch). Wie oft findet man derartiges in Deutschland?

Der folgende Tag brachte weitere interessante Programmpunkte:

  • Besichtigung einer Bunkeranlage der Maginot-Linie, errichtet in den Jahren 1928/32,
  • Weiterfahrt nach Riquewihr, einem am Osthang der Vogesen gelegenen Weinort mit regem touristischem Zuspruch,
  • Kaysersberg mit Besichtigung des Albert-Schweitzer-Geburtshauses.

Auch wenn man einige Stationen des Lebenslaufes von Albert Schweitzer zu kennen glaubt, sind nun zuerst sein Geburtsort bzw. das Geburtshaus in unserem Gedächtnis verankert.

Am Mittwoch fuhren wir erneut nach Mulhouse. Zuerst wurde das Französische Eisenbahnmuseum besichtigt, welches nach Erweiterungsbau und Neugestaltung noch vor seiner Wiedereröffnung steht. Erkennbar bereits, dass man zu neuen Gestaltungskonzepten übergeht. Die Exponate werden nicht nur ausgestellt, es werden "Ereignisse inszeniert". Eine umgekippte Lokomotive erinnert z.B. an eine Episode der "Resistance". Auf diese Art soll es gelingen, weite Teile der Bevölkerung und insbesondere Familien mit Kindern zu interessieren. In unmittelbarer Nähe befindet sich das Ntionale Elektrizitätsmuseum "Electropolis". Dort wird man in anaschualicher Art von den Grundlagen der Physik bis zur heutigen Erzeugung, Verteilung und Anwendung der Elektroenergie geführt; selbstverständlich auch in Detusch. Erwähnenswert ist die Information, wonach in Frankreich 80% der Elekt5roenergie in Nuklearkraftwerken erzeugt wird. Da dieser Anteil in Deutschland bei 30% liegt, könnte eine Diskussion mit Fachleuten der Befürworter und der Gegner von nuklearkraftwerken im Rahmen einer Veranstaltung des FIM äußerst interessant sein.

Mit diesen Superlativen war das Besichtigungsprogramm noch lange nicht erschöpft: Das Historische sowie das Stoffdruckmuseum im Herzen von Mulhouse und das Tapetenmuseum im Vorort Rixheim mit ihren jeweils einzigartigen Sammlungen durften ebenso wenig fehlen wie das Textil- und Kleidermuseum in Husseren-Wesserling. Dieser Ort liegt rund 30 Kilometer nordwestlich Mulhouse in einem Vogesental, das einst stark von der Textilindustrie geprägt war. Nun hat die letzte Textilfabrik neben dem Museum, eine Stoffdruckerei, vor kurzem geschlossen und nur das Museum erinnert neben leeren Fabrikgebäuden an die reiche Tradition - da fühlten sich die Chemnitzer sehr an zu Hause erinnert.

Die Mulhouser Bürgermeisterin für internationale Beziehungen, Frau Christiane Eckert, empfing die Gäste aus Chemnitz im "Salle des Colonnes" neben dem historischen Rathaus mit Gewürztraminer und Guglhupf. Mit seinem Beitrag lässt uns Herr Wolfgang Kunze in diesem Vereinskurier anschaulich an diesem Ereignis teilhaben. Ensisheim mit dem Elsässischen Freilichtmuseum war eine weitere Etappe. Hier hat man Gebäude verschiedener Epochen aus dem gesamten Elsaß auf einem großen Areal wiedererrichtet und kann sie in Funktion erleben. Eine historische Bäckerei bäckt auch Brot zum Kaufen, z.B. führt auch eine Zimmerei ihr Handwerk vor. Hinzugekommen ist in letzter Zeit ein Kalisalzbergwerk, ebenfalls zu besichtigen. Doch dafür reichte unsere Zeit nicht aus.

Nächstes Ziel dieses Tages war die Gedenkstätte für den im 1. Weltkrieg opferreich umkämpften Hartmannswillerkopf. Hier wird man schon sehr nachdenklich und fragt sich: "Wie viele Kriege will die Menschheit noch erleiden?"

Selbst die Heimreise am 10. Oktober war mit Besichtigungen ausgefüllt. Die erste Station war das kleine Vogesen-Städtchen Barr, der Geburtsort von Richard Hartmann. Lesen Sie dazu den Bericht von Herrn Achim Dresler in diesem Vereinskurier.

Letzte Station der Reise war Strasbourg, Hauptort der Region Elsaß mit einem Rundgang durch das historische Stadtzentrum mit dem imposanten Münster. Insgesamt ist festzuhalten, dass es eine äußerst interessante Bildungsreise war. Das Elsaß ist eine wunderschöne Region und weitere Besuche wert.

Wir bedanken uns bei den Organisatoren, wobei die Herren Dresler und Kunze besonders zu nennen sind. Sie gaben im Reiseverlauf eine Fülle zusätzlicher Informationen. Festzuhalten bleibt auch, dass man während der Reise wieder einige FIM-Mitglieder und ihre Ehepartner kennen und schätzen lernen konnte.