Vereinskurier - Ausgabe 12 - Dezember 2004

Claus Beier

Die Textilstraße - Unsere Dauerausstellung wird erweitert

Textile Produkte begegnen uns tagtäglich in den vielfältigsten Formen und Ausführungen, so bei der Bekleidung, im Wohnbereich, im Auto oder als High-Tech-Produkte in der Baustoffherstellung und Kunststoffproduktion. Ihre Entstehung und die Vielzahl der dafür erforderlichen Arbeitsschritte sind wenig bekannt und werden deshalb häufig hinterfragt. Mit der Erweiterung unserer Dauerausstellung durch eine spezielle Textilabteilung entsprechen wir dem Wunsch vieler Besucher. Sie möchten gern mehr über die Entstehung der Textilien und die historische Entwicklung der gerade in unserer Region mit vielen Traditionen verbundenen Textilindustrie erfahren.

Der Aufbau einer Textilstraße war deshalb bereits mit der Errichtung der Dauerausstellung am neuen Standort an der Kappler Drehe konzipiert; er wurde jedoch aus Kapazitätsgründen und wegen der unklaren finanziellen Situation vorerst zurückgestellt. Seit Mitte dieses Jahres wird wieder intensiv an der Realisierung gearbeitet. Es ist vorgesehen, die Textilstraße im März 2005 zu eröffnen. Dies möchte ich zum Anlass nehmen, den Mitgliedern des Fördervereins Industriemuseum Chemnitz e.V. das Projekt näher vorzustellen.

Im Untergeschoss der Ausstellungshalle sollen auf einer Fläche von ca. 350 m² unter dem Titel: "Von der Faser bis zur Bekleidung" historische Geräte und Maschinen zur Herstellung von Textilien gezeigt und durch Vorführungen deren Funktionsweisen demonstriert werden. Davon ausgehend gliedert sich die Ausstellung in die drei Sektionen

  • Fadenherstellung,
  • Flächenbildung,
  • Veredlung und Konfektion.

In der Sektion Fadenherstellung wird in Anlehnung an die vom Standort Annaberger Straße bekannte Ausstellung "Historisches Spinnen" die Entwicklung von der Handspindel bis zum Mulespinner, dem Anfang der Maschinenspinnerei, gezeigt. Sie macht die stetige Leistungsentwicklung des Spinnens deutlich. Ebenso lässt sich gut erkennen, welch großen Einfluss die Fingerfertigkeit einer Spinnerin auf die Qualität der ersponnenen Garne hatte. Viele Entwicklungen dienten deshalb dem Ziel, diesen Einfluss immer weiter zu reduzieren. Jedoch erst mit dem vollständigen Übergang zur Maschinenspinnerei ergaben sich Lösungen für dieses Problem.

Die drei Exponate im Eingangsbereich der Abteilung (Klopftisch, Kardierbock und Musterkrempel) weisen auf den umfangreichen Prozess der Materialvorbereitung hin, der dem eigentlichen Spinnen immer vorausgehen muss. Er beginnt mit der Auswahl des Faserstoffes, setzt sich fort mit dem Auflösen, Reinigen und Parallelisieren der Fasern und endet mit der Erzeugung einer für das Spinnen geeigneten Materialvorlage (Vlies, Band oder Vorgarn).

Als technologische Besonderheiten dieser Abteilung werden eine Dosenspinnmaschine zur Herstellung weichgedrehter Garne und eine Chenille-Maschine, auf der besonders flauschige Garne entstehen, gezeigt.

Der Inhalt der Sektion Flächenbildung wird bestimmt durch die beiden Grundtechnologien "Weben" sowie "Wirken/Stricken". Neben der Darstellung der grundlegenden Unterscheidungsmerkmale dieser beiden Möglichkeiten zur Herstellung einer textilen Fläche zeigen die ausgestellten Exponate die Vielfalt der Anwendungsmöglichkeiten und wesentliche Etappen in der historischen Entwicklung. In der Sparte Weberei sind das u. a. ein Handwebstuhl mit Jacquardeinrichtung, ein mechanischer Webstuhl mit Schaftmaschine und Revolverschützenwechsel, der vor allem in der Buntweberei eingesetzt wurde. An dem Demonstrationsmodell einer Jacquardvorrichtung kann der Besucher selbst Hand anlegen und sich mit der Wirkungsweise einer solchen Vorrichtung vertraut machen.

Die Exponate der Sparte Wirkerei/Strickerei geben einen Überblick über vielfältige Anwendungsformen von der Strumpf- bis zur Oberbekleidungsherstellung. An den Anfang dieser Entwicklung führen der hölzerne Handkulierwirkstuhl und die beiden Handflachstrickmaschinen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Gerade sie lassen sehr gut den Unterschied zwischen Wirken und Stricken deutlich werden.

Die Handmalimo-Nähwirkstelle demonstriert eine dritte technologische Möglichkeit der Stoffherstellung. Die aus der Posamentenindustrie bekannte Häkelgalonmaschine ist eine Randform des Wirkens und wird zur Herstellung von Dekorbändern genutzt.

Durch Veredlung und Konfektion erhält das textile Produkt die endgültigen Gebrauchseigenschaften für seinen zukünftigen Verwendungszweck. Eine Naturdistel-Rauhmaschine und der Nachbau eines Kattun-Drucktisches informieren über die Möglichkeiten der Einflussnahme auf Griff und farbliche Gestaltung von Stoffen. Zur Verbesserung des optischen Erscheinungsbildes von Stoffen tragen auch die beiden Stickmaschinen (Dreikopf-Stickautomat und Kurbelstickmaschine) bei. Die ausgestellten Nähmaschinen zeigen sowohl die technische Entwicklung von den Anfängen bis zur Automatisierung einzelner Näharbeiten als auch die verschiedenen Nahtformen und deren Anwendung beim Konfektionieren der sehr unterschiedlich beschaffenen Stoffe.

Insgesamt werden in den drei Verarbeitungsstufen 38 Exponate als Originale oder Nachbauten gezeigt. Sie sind funktionsfähig und können den Besuchern vorgeführt werden. Alle Maschinen stehen bereits am vorgesehenen Platz und sind zur Vorführung eingerichtet. Im Rahmen einer Sonderführung Anfang November 2004 konnten wir dies unter Beweis stellen. Erst am Anfang stehen wir mit der Ausgestaltung der Ausstellung. Dabei müssen vor allem folgende räumliche Besonderheiten berücksichtigt werden:

  • die geringe Raumhöhe von nur 3 Metern,
  • die großflächige Sichtinstallation im Deckenbereich,
  • die durchgehende Fensterfront im Bereich zur Zwickauer Straße.

Davon ausgehend besteht für die Gestaltung die Vorgabe, den streng industriellen und funktionellen Charakter des Raumes zu brechen und eine textile Atmosphäre zu schaffen. Der dunkle Industriefußboden wurde bereits mit einem bedruckten Textilbelag abgedeckt. Jede Verarbeitungsstufe besitzt eine andere Farbe und wird durch aufgedruckte Fachbegriffe, textile Eigenschaften und Tätigkeiten näher charakterisiert. Die auf Sicht verlegten Rohrleitungen an der Decke sollen in bestimmten Abständen noch durch Stoffbahnen verkleidet werden; diese befinden sich bereits im Hause. Durch Vermittlung des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textilindustrie haben uns die Unternehmen die Stoffe kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Wände sollen ebenfalls durch Stoff- und Holzverkleidungen mit textilem Inhalt sowie Produkten von den ausgestellten Maschinen gestaltet werden.


Gegenwärtig erfolgt die Installation der Beleuchtungsmittel. An Lösungen für eine zweckmäßige, jedoch das Gesamtbild nicht störende Absperrung der Exponate wird noch gearbeitet. Neben den Gestalterinnen, Frau Helmstedt und Frau Schnirch, gehören mehrere bereits am Aufbau der Dauerausstellung beteiligte Firmen sowie die Handwerker der Textilabteilung und die Mitglieder der Arbeitsgruppe Textiltechnik des Fördervereines dem Realisierungsteam an.