Vereinskurier - Ausgabe 12 - Dezember 2004

Peter Stölzel

Der Bau von Fräsmaschinen in den Wanderer-Werken

In der industriellen Produktion Deutschlands fand das Fräsen als Metallbearbeitungsverfahren erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Anwendung. Erste Fräsmaschinen zur Herstellung von Spiralbohrern und für die Waffenproduktion wurden in den USA von Eli Whitney 1818 und von der Firma Brown & Sharpe 1861/62 entwickelt und eingesetzt. Das Fräsen setzte sich gegenüber dem Hobeln aufgrund seiner höheren Arbeitsproduktivität schnell durch und sowohl in England als auch später in Deutschland wurden nach dem Vorbild der USA Fräsmaschinen entwickelt und gebaut. So baute zum Beispiel 1850 Alfred Krupp in seinem Werk die erste deutsche Fräsmaschine; in Chemnitz begann Anfang der 1870er Jahre bei der Firma Reinecker der Bau von Fräsmaschinen.

Die Firma Wanderer AG (vorm. Winklhofer und Jaenicke) begann 1890 Fräsmaschinen und Spezialmaschinen für den Eigenbedarf des 1895 neu gebauten Werkes in Schönau zu entwickeln und zu bauen. Genau arbeitende und leistungsfähige Fräsmaschinen wurden dringend für die Herstellung der eigenen Produkte benötigt. Als eine der ersten Wanderer-Konsol-Fräsmaschinen wurde 1899 die Einfach-Fräsmaschine Nr. 1 an verschiedene Kunden in Deutschland ausgeliefert. Der Ständer der Maschine hatte eine geschweifte Bauform mit Horn, die Gegenlagerung des Fräserdorns erfolgte in einer Körnerspitze am Gegenhalter. Vom Stufenscheibenantrieb der Frässpindel wird der Vorschub über vierfach umsteckbare Stufenscheiben abgeleitet.

Weitere Veränderungen an diesem Maschinentyp führten zu den Universal-Konsol-Fräsmaschinen Nr. 2 und Nr. 3 im Jahre 1900. Mit der Einfach-Fräsmaschine Nr. 2 (um 1905) wird erstmals ein Vorschubrädergetriebe unten im Ständer eingebaut. Der Hauptantrieb erfolgt weiterhin über Stufenscheiben jedoch mit Rädervorgelege, von dem auch die Ableitung des Vorschubes geschieht. Die Gewindefräsmaschinen GFN werden 1910 gebaut und 1924 bis 1926 als GFV 500 und GFC 2000 sowie ab 1935 als Langgewindefräsmaschine 31 L weiterentwickelt und den jeweiligen Bedürfnissen der Kunden angepasst.

Die Entwicklung und Anwendung der Schnellarbeitsstähle in den USA und die Entwicklung der Sinterhartmetalle um 1920 ergeben neue Anforderungen an den Werkzeugmaschinenbau. Höhere Schnitt- und Vorschubgeschwindigkeiten sind möglich und die Anforderungen an die Stabilität des Systems Werkzeug-Maschine-Werkstück erhöhen sich. Das beeinflusst auch den Fräsmaschinenbau der Firma Wanderer. Schon 1909 beginnt man Gegenhalterlagerung und Frässpindelgetriebe in einem völlig geschlossenen, steiferen Maschinenständer unterzubringen. Der Stufenscheibenantrieb entfällt und die Lagerung des Fräserdorns geschieht in einem Gleitlager am Gegenhalter. Neben vielen Weiterentwicklungen und Verbesserungen an den Maschinen in den Jahren 1910 bis 1930, beginnt man 1925 mit der Entwicklung des Fräsmaschinenmodells D. An diesem Modell wird der elektrische Einzelantrieb durch einen Fußmotor, der im Ständer eingebaut ist, realisiert. Der Ständer ist dementsprechend verstärkt, alle Getriebewellen laufen in Wälzlagern, geschliffene und gehärtete Zahnräder werden in den Getrieben eingesetzt. Erstmalig wird bei diesem Typ der selbsttätige Wechsel von Vorschub und Eilgangbewegung durch eine mechanische Nockenschaltung am Fräsmaschinentisch realisiert. Ab 1932/1933 wird dieses Modell als Bauart D 900 bezeichnet: In Erinnerung an die Tatsache, dass bereits 900 Stück der D-Bauart von 1926 bis 1930 neben den anderen bewährten Modellen gebaut und ausgeliefert wurden.

Wanderer exportiert bereits 1913 Fräsmaschinen nach Russland, Österreich, Ungarn, Frankreich und Italien. Im Werk Schönau wurden von 1899 bis 1920 mehr als 10.000 Fräsmaschinen gebaut. Insgesamt sind in dieser Zeit ca. 3.000 Beschäftigte im Werk tätig, davon 250 Personen im Fräsmaschinenbau. Der gestiegene Umsatz veranlasste die Leitung der Wanderer AG zum Neubau eines Werkes an der Jagdschänkenstraße in Siegmar. 1926 konnten in diesen neuen Hallen die ersten Maschinen gebaut werden. 1935 ist das Wanderer-Fräsmaschinenwerk in Siegmar das größte in Europa mit ca. 1.000 Beschäftigten und mit einer Jahresproduktion von ca. 1.800 Maschinen.

Bis 1940 stieg die Produktion der Fräsmaschinen von ca. 400 Stück auf ca. 2.000 Stück pro Jahr. Neben den bewährten Konsolfräsmaschinen liefert Wanderer Kurz- und Langgewindefräsmaschinen, Planfräsmaschinen, Gewindefräserschleifmaschinen, Sonderfräsmaschinen und Fräswerkzeuge sowie Vorrichtungen und ein umfangreiches Programm an Zusatzeinrichtungen für Serienmaschinen. Die Auslieferung der 25.000 Fräsmaschine seit dem Jahre 1900 feiert man 1944. Eine der Ursachen für das starke Wachsen der Maschinenproduktion in dieser Zeit ist im hohen Bedarf der Rüstungsproduktion Deutschlands zu sehen. Im September 1944 wird das Siegmarer Fräsmaschinenwerk deshalb durch anglo-amerikanische Bomberverbände zu 60% zerstört. Die Produktion musste eingestellt werden; den Fräsmaschinenbau verlagerte man in das Hauptwerk nach Schönau. Dort wurde die Produktion dann bis April 1945 weitergeführt.

Ab Ende Juni bis September 1945 wurden in den beiden Betriebsteilen alle Maschinen und Fertigungseinrichtungen durch einen Teil der bisherigen Belegschaft unter Aufsicht der sowjetischen Besatzungsmacht abgebaut, in Kisten verpackt und in die UdSSR abtransportiert. Die Totaldemontage des Werkes in Schönau wurde bis Ende 1945 und die des Werkes Siegmar bis April 1946 abgeschlossen. Im Juni 1946 kommt es nach Wiederaufbauarbeiten zur Aufnahme der Fräsmaschinenproduktion in Siegmar. Über 100 Mitarbeiter lieferten bis zum Jahresende 38 Maschinen aus und ab Juli 1948 werden unter der Werksbezeichnung "VEB Wanderer Fräsmaschinenbau Siegmar-Schönau" - dem späteren "VEB Fräsmaschinenbau Fritz Heckert" (ab 1951) - mit ca. 200 Belegschaftsangehörigen 100 Fräsmaschinen pro Jahr produziert.

Heutzutage ist die Firma StarragHeckert GmbH mit ihren modernen Bearbeitungszentren und Maschinensystemen der Nachfolger und Bewahrer der Tradition des Chemnitzer Fräsmaschinenbaues. 1948 gründeten in Haar bei München ehemalige leitende Angestellte der Wanderer AG ein neues Wanderer-Werk und beginnen dort 1951 mit dem Bau von Fräsmaschinen. Diese Fertigung läuft bis ca. 1980; danach wird die Fertigung von Fräsmaschinen mit dem Firmennamen "Wanderer" eingestellt.