Vereinskurier - Ausgabe 11 - August 2004

Achim Dresler

Unerkannt in Chemnitzer Fabriken - zum 140. Geburtstag von Paul Göhre

Vor 140 Jahren, am 16. April 1864, wurde Paul Göhre in Wurzen geboren. Er machte Chemnitz mit einem Bestseller über die Reichsgrenzen hinaus bekannt, auch wenn der Name der Stadt nur kurz in seinem Buch "Drei Monate Fabrikarbeiter" Erwähnung fand.

Göhre startete 1890 als 26jähriger Pastor sein sehr ungewöhnliches Vorhaben: "Hier in Chemnitz, dem Mittelpunkte der ausgedehnten sächsischen Großindustrie, habe ich fast drei Monate unerkannt als einfacher Fabrikarbeiter (...) gelebt." Er wollte an eigenem Leibe die soziale Frage studieren und ergründen, warum so viele Arbeiter sich von Gott ab- und der Sozialdemokratie zuwandten. Seine Erlebnisse und Erfahrungen hat er auf 222 Seiten niedergeschrieben. Mit großer Beobachtungsgabe schuf er ein einfühlsames Zeitgemälde vom Arbeiterleben unserer Stadt, das exemplarisch für viele Industriestädte der Epoche gelten konnte.

Der junge Mann fand Arbeit in der Maschinenfabrik Kappel: "Der Bau erinnerte mich immer an das Innere einer Kirche ... Zwar fehlte Glockenton und Orgelklang. Dafür brausten aber andere gewaltige Töne unaufhörlich durch die Halle: das Gehämmer und Gefeile der Schlosser, das Ächzen und Stöhnen der Maschinen, das Quietschen und Schlagen der Räder. Und was die schwarzen, blaukitteligen Männer da schafften - war's nicht auch ein Gotteswerk?"

Der Pastor musste feststellen, dass hier "alles sozialdemokratisch ist, selber die Maschinen". In selbigem Jahr erhielt die SPD 62,4 % der Reichstagswahlstimmen am Ort!

Sein Buch schlug vor allem im bürgerlichen Publikum ein und löste in der kirchlichen, liberalen wie sozialdemokratischen Öffentlichkeit große Kontroversen aus. Bereits im Erscheinungsjahr 1891 gab es zwei Auflagen, 1913 folgte eine Volksausgabe. Dazu kamen Übersetzungen in fünf europäische Sprachen. Die 22jährige Berliner Frauenrechtlerin Minna Wettstein-Adelt folgte Göhres Beispiel und publizierte 1893 in "3½ Monate Fabrikarbeiterin" ihre Erfahrungen in Chemnitzer Fabriken.

Nach seinem sozialpolitischen Engagement in der Evangelischen Kirche und einer nationalliberalen Parteigründung - mit Friedrich Naumann - wechselte Paul Göhre schließlich 1900 die Fronten und trat in die SPD ein. Er nutzte dafür einen öffentlichen Auftritt am 16. Mai in Chemnitz; diese Rede "Wie ein Pfarrer Sozialdemokrat wurde" erschien als Agitationsschrift in eine halben Million Auflage. Sechs Jahre darauf trat er aus der Kirche aus.

Von 1903 bis 1906 sowie von 1910 bis 1918 saß Göhre für Chemnitz benachbarte sächsische Wahlkreise im Reichstag. 1918 bis 1923 fungierte er als Staatssekretär in Preußen und starb 1928 in Buchholz bei Ratzeburg. Aus seinen zahlreichen Publikationen sei die Studie zur Heimarbeit im Erzgebirge von 1906 hervorgehoben.

In Chemnitz geriet Göhre, gemessen an seiner Bedeutung, leider arg in den blinden Fleck des örtlichen Gedächtnisses. Mit Ausnahme des Historikers Rudolph Strauß kenne ich keinen, der sich publizistisch auf ihn bezog. Die Gründe liegen vermutlich darin, dass sich die DDR-Geschichtsschreibung ihre "Helden" nicht unter rechten Sozialdemokraten, zu denen Göhre zählte, suchte. Und nach 1990 kam Arbeitergeschichte überhaupt erst mal aus der Mode.

Im Industriemuseum sind Original-Bücher Göhres (deutsche und dänische Ausgaben) ausgestellt sowie weitere seiner Publikationen in der Bibliothek (darunter: englische Ausgabe obigen Buches, "Die Heimarbeit im Erzgebirge" und "Wie ein Pfarrer Sozialdemokrat wurde").

Dem Andenken von Paul Göhre wäre es sicherlich angemessen, wenn die Stadtverwaltung Chemnitz ihn mit der Benennung einer Straße - eventuell im Stadtteil Kappel - ehren würde.