Vereinskurier - Ausgabe 11 - August 2004

Heinrich Scheffler (Sächsisches Eisenbahnmuseum e.V.)

Das Sächsische Eisenbahnmuseum Chemnitz-Hilbersdorf

Fast bis zum Ende der Dampflokzeit bei der Deutschen Reichsbahn waren im Bahnbetriebswerk Karl-Marx-Stadt noch einige Lokomotiven aus der Sächsischen Maschinenfabrik AG vorm. Richard Hartmann in Betrieb.

Im Jahre 1975 konnten deshalb Mitarbeiter des BW das Verkehrsmuseum Dresden bei der Auswahl einer Lok der Sächsischen Baureihe 75.5 (ex. sä. XIV HAT) Baujahr 1911 für den Museumsbestand der DR beim Verkehrsmuseum Dresden beraten. Von den beiden noch vorhandenen Exemplaren wurde die ältere 75 515 ausgewählt und nach Hilbersdorf überführt. In Zusammenarbeit zwischen dem Kesselprüfer Rudolf Uhlig und der Werkstatt wurde die Lok wieder betriebsfähig gemacht und vor den Jubiläumszügen "125 Jahre Riesa - Chemnitz" im Jahre 1977 eingesetzt. Dieser Erfolg von Werkstatt und Lokpersonal führte dazu, dass 1979 die hauptuntersuchte 38 205 (ex. sä. XIIH2) Baujahr 1910 dem BW Karl-Marx-Stadt als betriebsfähige Museumslok übergeben wurde. Ohne jemals eine Zuglaufstörung zu verursachen, hat der Sächsische "Rollwagen" 19 Jahre vor Traditionszügen, bei Filmaufnahmen und in Fahrzeugausstellungen die Eisenbahnfreunde begeistert.

Die Kernmannschaft des Traditionsbetriebes wurde stets von der Dienststellenleitung unterstützt, auch im Bestreben, die 100 Jahre alte, original erhaltene Anlage eines Sächsischen Bahnbetriebswerkes der Dampf- und Diesellokzeit in Chemnitz/Hilbersdorf zu erhalten. Nach der Wende konnte die gesamte Anlage als Flächendenkmal unter Denkmalschutz gestellt werden.

Der Kontakt zu einem vereinseigenen Eisenbahnmuseum in Bayern und das Interesse des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Dieter Noll für Eisenbahngeschichte (s. D. Noll "Die Hedschasbahn"), führten 1990/91 zur Gründung des Vereines "Sächsisches Eisenbahnmuseum e.V." Chemnitz/Hilbersdorf.

Um die Eisenbahner verschiedener Dienstzweige, die den Museumsbetrieb noch parallel zum auslaufenden Bahnbetrieb begannen, sammelten sich bald Eisenbahnfreunde aller Alters- und Berufsgruppen zu aktiver Mitarbeit, aber auch zu passiver Mitgliedschaft. Im Juli 2004 wurde die Mitgliedsnummer 222 erreicht.

Für die Mitglieder des SEM ist der Begriff "Bahnland Sachsen" eine Verpflichtung, die Vielseitigkeit auf allen Gebieten der Technik, des Betriebes und der Geschichte der Eisenbahn zu zeigen und "begreifbar" zu machen.

Im Jahr 2003 bestätigte eine Untersuchung von Alleinstellungsmerkmalen der Anlagen, der Fahrzeuge, dem Fahrbetrieb bis hin zu den Öffnungszeiten, einen guten Platz im Spitzenbereich. Nach schwierigen und langjährigen Verhandlungen konnte im Juni 2004 der Kaufvertrag für die gesamte Immobilie mit allen Gebäuden und Anlagen unterschrieben werden.

Während sich seit Jahren der Kohlehochbunker, die Drehscheiben, Kräne und Werkzeugmaschinen im Eigentum des SEM befinden, benutzt und regelmäßig geprüft werden, ist ein Teil der erworbenen Gebäude stark reparaturbedürftig und kann nur teilweise sofort verwendet werden.

Fertiggestellt und bereits stark nachgefragt ist der vereinseigene Reisezug, der aus vier Personen- und einem Speisewagen der ca. 30jährigen Reichsbahnbaureihe Bghw besteht. Gezogen wird der Zug von der museumseigenen Dampflok 50 3648 (Krupp 1941). Sowohl die Wagen als auch die Lok wurden nicht von der Bahn, sondern aus privater Hand erworben und auf eigene Kosten bzw. in Eigenleistung wieder betriebsfähig gemacht und von der Bahnaufsicht abgenommen.

Die ständige Fahrzeugsammlung besteht gegenwärtig aus 15 Dampflokomotiven. Aufgrund der guten Zusammenarbeit mit dem Museum der Bundesbahn in Nürnberg (2) und dem Verkehrsmuseum in Dresden (4) können Lokomotiven der Baureihen 38.2, 43, 57, 10 - 40, 58.2, 75.5 und 86 gezeigt werden, die Jahrzehnte in Hilbersdorf stationiert waren.

Weitgehend unbekannt sind Dampfspeicherlokomotiven, das sind feuerlose Industriedampflokomotiven, von denen gegenwärtig fünf verschiedene Exemplare aus den Baujahren von 1911-1987 zu sehen sind.

Die Sammlung der Diesellokomotiven zeigt Exemplare aller Baureihen, die bei der DR in Betrieb waren. Dazu gehören auch die Großdiesellokomotiven aus Rumänien BR 119 und aus der Sowjetunion die BR 120 und BR 131. Interessant ist, dass die Lokomotivwerke in Lugansk (Woroschilowgrad) im Auftrag des russischen Zaren von Dr. Gustav Hartmann - einem Sohn Richard Hartmanns - aus Chemnitz gegründet wurden und noch heute Lokomotiven produzieren.

Bei den Elektrolokomotiven stehen zwei Baureihen der Vorkriegszeit E 44 045 und E 94 059 (254059) einer Lok der 1. Nachkriegsserie E 42 002 (24 2002) gegenüber.

Einen bedeutenden Umfang hat die Feldbahnanlage (600 mm Spur) durch die unermüdliche Arbeit vorwiegend jüngerer Mitglieder angenommen. Neben der Besichtigung der 15 Feldbahnlokomotiven kann auch eine Fahrgastrunde gedreht werden. Noch nicht gezeigt wird die in Aufarbeitung befindliche Heeresfeldbahnlok aus dem l. Weltkrieg, die bei "Hartmann" gebaut wurde und vor einigen Jahren in England erworben werden konnte.

Seit kurzem ist der rührige Verein Hilbersdorfer Modelleisenbahner dem Sächsischen Eisenbahnmuseum e.V. beigetreten. Die sehenswerte Anlage befindet sich in einem Schnellzugwagen vor der Werkstatt des Museums, ist aber noch nicht an allen Öffnungstagen zu besichtigen. Das gilt auch für eine Straßenbahnanlage, die sich neben den Ausstellungsräumen befindet. Diese Ausstellungsräume beginnen mit dem Richard-Hartmann-Zimmer, welches umfassend den Lokomotivbau in Chemnitz und den Export von Lokomotiven in die ganze Welt darstellt. Die Dokumentation stammt vom Hartmannforscher und Vereinsmitglied Günter Reiche (s. G. Reiche: "Richard Hartmann und seine Lokomotiven"). Weitere Räume zeigen

  • die Entwicklung des SEM,
  • die historische Nachstellung eines Lokomotivtransportes mit Pferden (am 16.09.2000),
  • die Entwicklung von Fahrkartendruckern verschiedener Systeme,
  • die Telegrafen und Fernsprechgeräte verschiedener Ausführungen sowie
  • den Einfluss der Eisenbahn auf Kinderspielzeug und Haushaltsgegenstände.

Zu einer Fundgrube für Eisenbahnhistoriker und auch Modellbahnbauer hat sich die Bibliothek des SEM auf Grund ihrer Archiv- und Dokumentationsschätze entwickelt. Es wurde erforderlich, für die Bibliothek wöchentlich zwei Besuchertage einzurichten. Mehrfach vorhandene Fach- und Eisenbahnbücher aus antiquarischen Beständen können dort käuflich erworben werden.

Gemeinsam mit dem Förderverein des SEM wird gegenwärtig das Projekt eines Themenparks erarbeitet, das einen Zeitraum von ca. zehn Jahren umfäßt. Ein Schwerpunkt ist dabei die museale Aufarbeitung der weltweit einmaligen Seilablaufanlage des Rangierbahnhofes Hilbersdorf, die 1928 bis 1930 erbaut wurde und das Rangieren ohne Lokomotiven bis 1992 ermöglichte. Die Maschinenanlage und Teile der Seilablaufanlage sind noch vorhanden und stehen unter Denkmalschutz.

Für Besucher aus anderen Regionen, die mit Sonderzügen anreisen, sowie für den eigenen Dampfzugbetrieb wurde am Zufahrtsgleis ein Bahnsteig erbaut und von der Bahnaufsicht abgenommen. Das hölzerne Häuschen für die Bahnsteigschaffner stand einst im Bahnhof Reichenbach/V.

Nachtrag der Redaktion:
Seit der Gründung des Sächsischen Eisenbahnmuseums e.V. und des Industriemuseums Chemnitz bzw. den zugehörigen Fördervereinen, gab es neben freundschaftlich-kollegialer Verbundenheit auf Leitungs- und Mitarbeiterebene fortwährende Kooperation mit "kurzem Draht" auf den Feldern gegenseitiger technischer Hilfe (Austausch von Material, Technik - z.B. LKW oder Vitrinen vom IMC und Schwerlastheber vom SEM - und know how). Dazu kamen der Austausch von Leihgaben und Ausstellungen, z. B. in Sachen Richard Hartmann.
Herauszuheben ist die frühere Unterstellung, dann Wiederinbetriebnahme, Wartung und Betrieb der Dampfspeicherlok des IMC auf dessen Gelände an der Kappler Drehe durch Mitglieder des SEM; in diesem Fall als bezahlte Dienstleistung (A.D.)