Vereinskurier - Ausgabe 10 - April 2004

Dr. Jörg Feldkamp

Ein Jahr Industriemuseum Chemnitz

100.000 Besucher, das ist die stolze Bilanz der ersten elf Monate seit dem Start unseres Industriemuseums am 12. April 2003. Damit ist auf Anhieb der Sprung in die Liga der großen Museen mit 100.000 und mehr Besuchern gelungen. Wenige Wochen nach der Eröffnung gab es die erste offizielle Anerkennung: die Initiative Südwestsachsen zeichnete unser Haus mit dem Ehrenpreis 2003 für Kunst und Kultur aus.

Eine erste Besucherbefragung durch Chemnitzer Studenten brachte auch zu Tage, dass mehr als 80% unserer Gäste das Haus gut bis sehr gut finden und mehr als zufrieden sind. Diese Ergebnisse machen uns ein bisschen stolz, aber nicht selbstzufrieden, sie sind vielmehr Herausforderung und Verpflichtung. Ist erst einmal der Neuheitsbonus verbraucht, zeigt sich auch im Museumsgeschäft der Alltag. Da geht es uns nicht anders als der Wirtschaft, die auch um jeden Kunden werben muss. Und so verstehen wir uns auch als Dienstleister und machen fast jeden Wunsch möglich, sofern er sich denn mit den Zielen eines Museums vereinbaren lässt. Auch die Hochzeit in unseren Hallen fällt dabei nicht durch das Raster, haben wir doch schließlich eine Abteilung der "Familie" gewidmet. In erster Linie aber wollen wir Bildungsinstitut und Ort des Bewahrens für Quellen und Artefakte der über 200jährigen sächsischen Industriegeschichte sein. Dabei liegt uns naturwissenschaftlich-technische Nachwuchsförderung besonders am Herzen. Ferienprogramme, Projekttage, aber auch Kooperationen mit den sächsischen Hochschulen und Universitäten dienen dem PUSH, einer internationalen Bewegung zur populärwissenschaftlichen Vermittlung von Naturwissenschaften (PUSH, das bedeutet "public understanding of science".)

Dass wir den Chemnitzern und den Sachsen identitätsstiftend zur Seite stehen, ist selbstverständlich. Dass wir auch unterhalten und Kreativität fördern, ist uns wichtig. Und nicht zuletzt verstehen wir uns als Sympathieträger und Marketingplattform der sächsischen Wirtschaft. Mit der Abteilung die "Europäer" heben wir bewusst die sächsische Fokussierung auf und beleuchten die europäischen Wurzeln der Industrialisierung Sachsens wie die heutige Position der sächsischen Wirtschaft auf den Weltmärkten mit ausgewählten, exportfähigen Produkten.

Bei aller Euphorie dämpft allerdings die mehrfache Senkung unserer finanziellen Ausstattung durch unsere beiden Finanziers, Stadt und Freistaat, unsere Handlungsfähigkeit. Etatkürzungen und Personalabbau zeigen Wirkung. Damit kommt unserem Förderverein eine wachsende Rolle zu. Mehr denn je benötigen wir Ihre Erfahrung in den Arbeitsgruppen, Ihr Engagement hinsichtlich Führungen und Vorträgen und Ihre Hilfe, etwa bei der Aufsicht im Fahrzeugdepot. Wir sind vermutlich der Spitzenreiter in der Besucherstatistik der Chemnitzer Museen. Was die Stärke unseres Fördervereins betrifft, sind wir es (noch) nicht. Was das ehrenamtliche Engagement angeht, könnten wir es werden.