Vereinskurier - Ausgabe 10 - April 2004

Günter Rudroph, Carl Bauerschaper, Ulrich Sacher

Die Konsumgüterproduktion der Karl-Marx-Städter WMW-Betriebe

Bei einem Besuch der Chemnitzer Einkaufstempel der Innenstadt und am Stadtrand sind heute die vollen Warenregale und Auslagen nicht zu übersehen. Die Waren warten auf Käufer! Vor 50 Jahren war es genau umgekehrt, da warteten die Käufer auf die Bereitstellung landwirtschaftlicher und industrieller Erzeugnisse. Da war zunächst die Nachkriegszeit, wo es darum ging, überhaupt wieder zu produzieren. Gefragt war nicht gutes Design, sondern die elementarste Bedarfsbefriedigung. Damals wurden alle Materialreserven, insbesondere solche aus Wehrmachtsbeständen, verwertet. Die Produktion der Zeit 1945 - 1949 lässt sich daher kurz unter dem Motto "Not macht erfinderisch" zusammenfassen. Aber selbst später, als der Aufbau des Sozialismus längst auf der Tagesordnung stand, konnte die Wirtschaft der DDR immer weniger mit den wachsenden Ansprüchen der Bevölkerung Schritt halten.

Hauptursache dafür war die schrittweise Liquidierung aller Privatbetriebe mit dem Ziel einer zentralistisch orientierten sozialistischen Wirtschaftspolitik. Der wachsende Einfluss der SED ab Ende der 1940er Jahre behinderte vor allem in der Wirtschaft die noch vorhandenen Privatinitiativen. Die nach der Enteignung von 1945/46 verbliebenen kleinen Privatbetriebe - die traditionell den größten Teil der Konsumgüter produzierten -, waren in der Folgezeit vielen Repressalien ausgesetzt. Die Tarife lagen unter denen der VEB, das führte zu einem Mangel an Arbeitskräften. Mittels übererhöhter Steuern, reduzierter Materialbereitstellung, ohne die Möglichkeit von Krediten für die Modernisierung des Maschinenparks sollten die Unternehmer gezwungen werden, ihre Betriebe aufzugeben und sich somit in die seit 1948 bestehende Planwirtschaft - die mit bevorzugter Entwicklung der Schwerindustrie einherging - integrieren zu lassen. Trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung war die im April 1972 brachial durchgesetzte Umwandlung der in der DDR letzten 11.000 privaten und halbstaatlichen Betriebe bzw. Produktionsgenossenschaften (PGH) in volkseigene Betriebe. Der Versuch, mittels straffer zentralistischer Wirtschaftsführung ein überdurchschnittliches Wachstum - nicht nur bei den Konsumgütern - zu erzielen, schlug aber letztlich ins Gegenteil um.

Der IV. Parteitag der SED (1954) legte deshalb - auch in Auswertung der Ereignisse des 17. Juni 1953 - als Beitrag zur Bedarfsbefriedigung die zusätzliche Produktion von Konsumgütern in den großen Maschinenbaubetrieben fest. Diese Betriebe wurden beauflagt, 5% ihrer Warenproduktion an Artikeln der "1000 kleinen Dinge" herzustellen. Auch spätere Parteitage der SED forderten immer wieder von den Maschinenbauern Leistungen zur Bereitstellung, qualitativ hochwertiger und preiswerter Konsumgüter für die Bevölkerung.

Die Produktion der Massenbedarfsgüter wurde meist in kleinen Betriebsteilen und - vor allem ab 1972 - in den neu verstaatlichten Betrieben ausgeführt oder aus Kapazitätsgründen in Lohnarbeit an Handwerker vergeben. So wurden Konsumgüter des Fritz-Heckert-Werkes Karl-Marx-Stadt auch im VEB Schmiergerätewerk "Saxonia" Schwarzenberg gefertigt. Der VEB Großdrehmaschinenbau "8.Mai" hatte im Thüringer Wald ein Netz von Kooperationspartnern aufgebaut, wobei Zuarbeit ins-besondere an Einzelteilen für Getriebe der Waschmaschine "Flora" (der ersten Trommelwaschmaschine der DDR!) erfolgte.

In der Auswahl der Objekte und bei der Organisation der Produktion war die Initiative der jeweiligen Betriebe gefragt. Gesellschaftliche Kräfte unterstützten mit ihren Mitteln das Konsumgüterprogramm. Unter Mithilfe der Gewerkschaften entstanden "Konsumgüter-Aktivs"; die Ingenieurorganisation KdT (Kammer der Technik) wirkte im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften und durch Ideenkonferenzen mit. Im Bemühen der staatlichen Organe, durch wertmäßige Produktionsauflagen Sortimentslücken im Handel abzubauen, ergaben sich aus der geforderten Initiative der Produzenten nicht selten zeitweilig Überschneidungen und Überangebote an einzelnen Erzeugnissen, weil sich andere Betriebe im gleichen Sortiment bewegten (z. B. wandten sich mehrere Betriebe zeitgleich der Herstellung von Küchengeräten zu). Um 1960 gab es ein auch ein Überangebot an Bohnerbürsten. Es wurden auch Fliesenschneider in Serie hergestellt, obwohl es selbst Glasfliesen selten gab.

Eine rationelle Fertigung erforderte Investitionen und eine Produktion im genügenden Umfang. Das führte zu verschiedenen Umstellungen, ehe die Produktion in Abstimmung mit dem Bedarf stabil und wirtschaftlich wurde. Nur eine langfristige Fertigung eines Produktes lohnte sich und erforderte dessen konstruktive und technologische Weiterentwicklung. Es bleibt die Frage, ob die Lieferung von zusätzlichen Werkzeug- und Sondermaschinen seitens der Maschinenbauer, statt der eigenen Fertigung von Gebrauchsgütern, oftmals nicht ökonomischer gewesen wäre; der später begangene Weg der Entwicklung von industriezweigbezogenen Rationalisierungsbetrieben war sicher effektiver.

Es gehörte fest zur Chemnitzer Maschinenbautradition, dass insbesondere die Textilmaschinenbetriebe die angeschlossenen Gebrauchswarenabteilungen (Spinnerei, Wirkerei) zur Dauererprobung der eigenen Maschinen und als zusätzliches Standbein nutzten. Im Konsumgüterprogramm der DDR ragten die Textima-Betriebe mit der Herstellung besonders hochwertiger Konsumgüter hervor (VEB ERMAFA: Wäscheschleudern Typ HWZ und ZENTRIX, VEB Wirkmaschinenbau Karl-Marx-Stadt: Handstrickmaschinen, VEB Spinnereimaschinenbau: Haushaltsmangeln, VEB Webstuhlbau Karl-Marx-Stadt: Sportgeräte). Neben der Leichtindustrie und den Maschinenbaubetrieben kamen wesentliche Impulse für die techno-logische Weiterentwicklung der Konsumgüterproduktion aus der Tätigkeit des Forschungszentrums des Werkzeugmaschinenbaus und dem ZIF, eines seiner Vorgängerinstitute (PTFE-beschichtetes Geschirr, Metallisierung von Plaste, Titankarbidbeschichten von Werkzeugen).

Mit einer Übersicht soll an einige Beispiele aus den Karl-Marx-Städter Betrieben erinnert werden:

BetriebErzeugnisse der Konsumgüterproduktion
  
VEB Kaltverformungsmaschinenwerk Karl-Marx-StadtKofferträger für Motorräder, zeitweise auch Metallbügelsägen (1959-1967)
VEB Drahtziehmaschinenwerk GrünaElektro-Weidezaundraht für die Landwirtschaft im Betriebsteil Wittgensdorf
VEB Werkzeugmaschinenfabrik "Fritz Heckert", Karl-Marx-StadtDie im Herbst 1954 entstandene Abt. Massenbedarfsgüterproduktion steuerte die Herstellung von Mehrzweck-Küchenmaschinen (2.500 Stück). Seit 1974 realisierte das FHW jährlich über 5.000 Eckbankgestelle und über 1.000 Stuhl-gestelle für den VEB Möbelfabrik Geringswalde in verchromter oder auch plastbeschichteter Ausführung. Fertigung von über 10.000 Nähkastenrahmen pro Jahr für den VEB Holzbearbeitung Flöha (1974)1981 stieg die Produktion für die Bevölkerung auf 372 % gegenüber dem Vorjahr durch die Aufnahme von Pendelstich- bzw. Laubsägen (ZPS und ZLS) und von Zusatzgeräten für das System HBM 480 (Heimwerkerbohrmaschine) ins Fertigungsprogramm. Ab 1981 verkaufte der Betrieb jährlich 6.500 ZPS und 1.000 ZLS. Später wurde die Jahresstückzahl bei ZPS verdoppelt und bei ZLS vervierfacht. 1984/85 produzierte das FHW über 51.000 Fliesenschneid-geräte für eine Firma in der BRD (teilweiser Verkauf in der DDR) und ab 1985 in Zusammenarbeit mit dem VEB Motorradwerk Zschopau Einzelteile für über 15.000 Motorradkupplungen.
VEB Schleifmaschinenwerk Karl-Marx-StadtFleischwölfe und Dielengarnituren (1954-1956). Kreiselpumpen zur besseren Trinkwasserversorgung in ländlichen Gebieten wurden 1958-1962 hergestellt (Jahresproduktion ca. 1.500 Stück). Mandelreiben (1962-1964). 1972-1990 wurden Gasdurchlauferhitzer für das Gasgerätewerk Dessau montiert (jährlich ca. 110.000 Stück). Als zusätzliches Programm wurde zeitweise die Montage von Magnetbandrahmen für Kühlschranktüren sowie die Herstellung von Teilen für einen Handbohrmaschinenständer aufgenommen.
VEB Zahnschneidemaschinenfabrik "Modul", Karl-Marx-Stadtab 1955 Waschmaschinengetriebe und Ersatzteile für Pkw-Getriebe (Opel). 1954 wird zur Herbstmesse in Leipzig die erste im Betrieb entwickelte Bastlerdrehbank ausgestellt (erst als DBF-Gerät, später Heimwerkersystem Unispan 110).
VEB Großdrehmaschinenwerk "8. Mai", Karl-Marx-StadtKonsumgüter wurden seit 1954 im Werk hergestellt. Im Angebot standen Schneefanggitter, Fußabstreicher, Hämmer, Blechhebelscheren, Kleinhebezeuge, Kfz.-Ersatzteile (z. B. für Ikarus-Busse), Kindertischgarnituren und Bohnerbürsten. Waschmaschinengetriebe für Monsator Schwarzenberg (1959-1963),Armaturen für Gasdurchlauferhitzer / VEB Gasgerätewerk Dessau (ab 1962)
VEB Werkzeugmaschinenfabrik Union, Karl-Marx-StadtPKW-Kastenanhänger (1962-1965), Wandregalsystem (1963-1975), Schnellspanner / Schraubstock (1965-1989), Mechanische Bearbeitung von Teilen des Durchlauferhitzers / Gasgerätewerk Dessau und Kickstarter für den VEB Motorradwerk Zschopau (1965-1970), Notenständer (1975-1989), Kaninchenställe / Doppelboxen (1980-1985), Ersatzteile für den PKW "Trabant" - Simmering-Ersatz (1981-1987), Fahrschein-Entwerter für Straßenbahnen und Omnibusse des VEB Nahverkehr Karl-Marx-Stadt (1983-1987),Heimwerker-Spannzwingen in drei Größen (1982-1989).

Den Erzeugnissen kann man zugute halten, dass sie weder Kitsch noch Kunst waren, aber halfen, in der von Kriegs- und Demontageschäden, von spaltungs- und planwirtschaftlich bedingten Disproportionen gezeichneten Ära vielfältige Bedürfnisse zu befriedigen.