Vereinskurier - Ausgabe 10 - April 2004

Prof. Dr. Hans Münch, Fritz Pützschler

Das A und O des Hartmann-Unternehmens - Der Textilmaschinenbau

Im Dezember 2003 würdigten der Förderverein Industriemuseum Chemnitz e.V. und das Sächsische Eisenbahnmuseum Chemnitz e.V. das Lebenswerk Richard Hartmanns anlässlich seines 125. Todestages mit einem Vortragsabend. Nachfolgend wird ein früherer Beitrag der beiden Autoren zu Hartmanns Leistungen für den Spinnerei-Maschinenbau wiedergegeben.

In den Vorstellungen vieler Menschen assoziierte der Name Richard Hartmann in der Vergangen-heit vor allem ein Unternehmen für den Dampfmaschinen- und Lokomotivbau. Das entspricht insofern der Realität, als bei Hartmann allein von 1848 bis zu seinem Tode 1878 über 1.000 Lokomotiven produziert und danach bis 1919 noch einmal über 2.300 "Dampfrösser" sowie 2.500 stationäre Dampfmaschinen gebaut und ausgeliefert wurden.

Der Geschichte der Hartmann-Werke seit ihrer Gründung Mitte 1837 wird ihr Ruf als Lokomotiv-Werkstätte allein jedoch nicht gerecht. Das A und O des Hartmann-Unternehmens war der Textilmaschinenbau. Seine Grundlagen waren bereits gelegt, als Richard Hartmann 1832 nach Chemnitz kam. Die ersten Textilmaschinen, soweit nicht englischer Herkunft, hatten sächsische Handwerker wie Irmscher, Forkel und Frey nachgebaut. Schon vor 1830 wurden sie in der Haubold´schen Maschinenbau-Werkstatt, der ehemaligen mechanischen Spinnerei von Wöhler und Lange, "... ein halbes Stündchen unterhalb der Stadt im Chemnitzthale produziert ..." schrieb Wieck. Friedrich Georg Wieck bescheinigte als Förderer des Chemnitzer Gewerbelebens dem "Vater des Chemnitzer Maschinenbaus", Carl Gottlieb Haubold, um 1840 bereits eine "langjährige Erfahrung im Bau von Spinnereimaschinen". Das im Westsächsischen ansässige Textilgewerbe hatte mit Macht schon kurz nach der Jahrhundertwende den Maschinenbau nach sich gezogen, der bis in die 1830er Jahre "ausschließlich Maschinen für die Baumwollspinnerei erzeugte" (H. Stöbe) und damit die einfachen handbetriebenen Geräte verdrängte. In dieses zukunftsträchtige Arbeitsfeld stieg Richard Hartmann voll ein. Um 1850 dominierte in der Chemnitzer Industrie der Textilmaschinenbau mit 14 Betrieben, von denen Richard Hartmanns Werk bereits das größte war und immer weiter expandierte. Richard Hartmann gebührt das Verdienst, den Chemnitzer bzw. sächsischen Textilmaschinenbau in großem Maße fabrikmäßig eingeführt und betrieben zu haben.

Die Anfänge waren allerdings bescheiden und hatten mit großer Industrie noch nichts zu tun. Gemeinsam mit dem Mechaniker F. C. Illing und drei Gesellen begann Hartmann in einer Werkstatt auf der Annaberger Straße 539a mit der Reparatur von z. T. noch primitiven hölzernen Spinnmaschinen. Bald wandte er sich der Herstellung von selbst entwickelten Maschinen für die Streichgarnspinnerei - Vorspinnmaschinen wie Mischwolf und Krempel sowie Selfaktoren - zu. 1839 lieferte Hartmann die ersten Streichgarn-Krempelsätze mit Reißwolf für die Spinnereivorbereitung aus. Kurz darauf gelang Richard Hartmann - inzwischen mit dem Kaufmann August Götze liiert - der große Wurf mit seiner ersten bedeutenden Erfindung. Er nannte sie "CONTINUE". Dabei handelte es sich um eine Streichgarn-Vorspinn-Krempelmaschine mit Florteiler.

Diese Maschine ermöglichte bei kontinuierlichem Betrieb die gleichzeitige Herstellung von bis zu 40 Vorgarnfäden in beliebiger Länge als endlose Bänder, die auf Spulen gewickelt der Feinspinnmaschine unmittelbar zugeführt werden konnten. Darauf erhielt Richard Hartmann 1842 sein erstes sächsisches Patent mit der Nummer 73. Wie kein anderer erkannte Hartmann die Bedeutung der Streichgarnspinnerei und ihren Bedarf an Vorspinneinrichtungen für die Produktion von Qualitätsgarnen.

Seit Einführung der "CONTINUE" auf dem Markt erfolgte der rasche, unvergleichbare Aufstieg des Hartmannschen Textilmaschinenbaus zum größten Unternehmen der Branche in Sachsen.

Unter dem Firmennamen "Hartmann" entstanden riesige Serien von mechanischen Ausrüstungen für Streichgarn-, Baumwoll- und Kammgarn-Spinnereien. In großer Zahl verließen vor allem Vorspinneinrichtungen zur Reinigung, Faserauflösung und Mischung der Wolle sowie Kämm-, Feinspinn- und Spulmaschinen über Jahrzehnte die Hartmannwerke.

Die Spinnereitechnik blieb auch nach mehrfacher Erweiterung des Produktionsprogrammes über den Webstuhlbau (1844) und den Bau von Zwirnereimaschinen (ab 1860) die tragende Säule des Textilmaschinenbaus von Hartmann. Mit seinem Namen war bald der gesamte Maschinenbau von Chemnitz verknüpft, der schon damals "... den Ruhm der Stadt Chemnitz als Industriestadt in die ganze Welt getragen hat ..." (K. Schüppel).

1866 lieferte die "Sächsische Maschinenfabrik zu Chemnitz" den 5.000. Selfaktor aus. Dieser "Selbstspinner" hatte 1859 bei Hartmann Premiere und galt als erste "vollautomatische" Spinnmaschine; sie war durch 20 Patente und Gebrauchsmuster geschützt.

Den Beginn einer weiteren Blütezeit des Hartmann´schen Unternehmens in den 1880er Jahren erlebte der Firmengründer nicht mehr. Richard Hartmann starb am 16. Dezember 1878 an den Folgen eines Gehirnschlages. Über 20 Jahre später beschloss die Generalversammlung der "Sächsischen Maschinenfabrik zu Chemnitz", den Namen Hartmann wieder in die Firmenbezeichnung aufzunehmen. Somit hieß das Unternehmen ab 1899: "Sächs. Maschinenfabrik vorm. Rich. Hartmann AG".
Unter dieser Bezeichnung expandierte das Unternehmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts kräftig. Es wurden Fabrikationsstätten in vier Grundstücken mit einer Gesamtfläche von über 980.000 m2 und 120 Gebäuden betrieben. 22 Schornsteine kündeten weithin vom größten Industriekomplex des damaligen "Ruß-Chamtz". Allein die 1898 an der Limbacher Straße errichtete Gießerei nahm ein Areal von 75.000 m2 ein und beschäftigte 1.000 Arbeiter, ein Fünftel der damaligen Gesamtbelegschaft. Um 1900 hatte die Firma einen Jahresumsatz von 12 - 15 Mio. Reichsmark bei einem Exportanteil von 30%, verteilt auf 24 Länder.

Zum 75jährigen Betriebsjubiläum am 24. Juni 1912 - an diesem Tag des Jahres 1837 erhielt Richard Hartmann das Chemnitzer Bürgerrecht und begann, sich gewerblich und unternehmerisch zu betätigen - wurde des Firmengründers mit der feierliche Enthüllung eines Denkmals gedacht. Ab 1917 - es wurde der 10.000 Selfaktor ausgeliefert - vollzog sich die größte Entfaltung in der Geschichte der Hartmann-Werke: Es erfolgte die Fusion der Oscar Schimmel & Co. AG mit der Sächs. Maschinenfabrik vorm. Rich. Hartmann. Seither gehört das Werk für Spinnereimaschinen an der Altchemnitzer Straße zu Hartmann. Nach dieser Fusion entwickelte sich die Sächsische Maschinenfabrik bis zu einer Größe von 15 Mio. Reichsmark Aktienkapital und fast 11.000 Beschäftigten. 1920 richtete die Gesellschaft ein Zweigwerk in Dresden für den Bau von Baumwoll-, Kammgarn- und Flachs-Spinnereimaschinen ein.

Im Kammgarn-Spinnereimaschinenbau wurden erstmals vollständige Anlagen für den Gesamtprozess von der Wäscherei bis zum fertigen Garn produziert. 1924 waren die Hartmann-Werke mit den Erzeugnissen sämtlicher Textil-Maschinen-Abteilungen und Werke auf der Dresdner Ausstellung "Jahresschau Deutscher Arbeit" vertreten. Dabei erfuhr ein neues Streckwerk für die Baumwoll-Ringspinnmaschine - das Casablanca-Streckwerk - die besondere Aufmerksamkeit der Fachwelt. In der großen Weltwirtschaftskrise 1929-1932 geriet der gesamte sächsische Maschinenbau in die stärkste Rezession, die auch große Industrieunternehmen nicht unbeschadet überstanden. So kam es Mitte 1930 zum fast völligen Zusammenbruch und damit zur Liquidation der "Sächsischen Maschinenfabrik vorm. Rich. Hartmann".

Vom einst fast gigantischen Unternehmen vermochte nur eben jener Textilmaschinenbau auf der Altchemnitzer Straße - das ehemalige "Schimmelwerk" - mit 425 Beschäftigten zu überleben. Dieses Werk überstand die Krise und begann 1932 wieder mit dem Export kompletter Spinnerei-anlagen; die Belegschaft wuchs bis 1937 wieder auf über 2.000 Arbeiter und Angestellte.

Der 2. Weltkrieg brachte dem neuorganisierten Unternehmen nach weniger als 15 Jahren erneut das "Aus". Die Bombenangriffe auf Chemnitz vom 5. März 1945 zerstörten 75% der Fabrikanlagen und Einrichtungen des Hartmann-Spinnereimaschinenbaus. Nach ersten Aufräumungsarbeiten und einer Notproduktion von Artikeln des täglichen Bedarfs wie Küchengeräten, Kleinöfen etc. begann man Ende 1945 wieder, Ersatzteile für Spinnereimaschinen auf alten, aus den Trümmern geborge-nen Werkzeugmaschinen herzustellen. Ab 1948 wurden wieder Ringspinnmaschinen produziert. Danach gehörte der Chemnitzer (ab 1953: Karl-Marx-Städter) Spinnereimaschinenbau über 40 Jahre zu den produktivsten Unternehmen der DDR-Wirtschaft. Davon zeugen u. a. solche Erzeug-nisse wie eine Baumwollkämm-Maschine, die in den 1960er Jahren mit 200 Kammspielen pro Minute Weltspitze darstellte, oder die Kammgarn-Ringspinnmaschine, die nach der Wende vom Herbst 1989 als Modell 2114 mit 832 Spindeln von der Chemnitzer Spinnereimaschinenbau GmbH angeboten wurde.

Diese GmbH bemühte sich energisch, in der Marktwirtschaft Fuß zu fassen und bearbeitete traditionelle Exportfelder. Ein neues Struktur- und Entwicklungskonzept sah die Bildung einer Spinnereimaschinenbau Sachsen (SMS) GmbH mit Sitz in Chemnitz und Tochtergesellschaften in Leisnig und Großenhain vor. Mit der über 150jährigen Tradition des Hartmann´schen Textilmaschinenbaus im Rücken und der Erfahrung dieses Unternehmens, das manche kritische Zeit durch fleißige, inno-vative Arbeit überstanden hat, stellte sich die Chemnitzer Spinnereimaschinenbau-Gesellschaft das Ziel, mit bewährten Baumwoll- und Kammgarn-Ringspinnmaschinen sowie Erzeugnissen für die Baumwollkämmerei auf dem Markt zu bestehen; das gelang nicht. Aufgrund der anhaltenden Konjunkturflaute sowie einer Marktbereinigung musste die GmbH im August 1998 die Gesamtvoll-streckung anmelden. Das war das endgültige "Aus" für das über 160 Jahre erfolgreich bestehende Hartmann´sche Unternehmen.