Vereinskurier - Ausgabe 10 - April 2004

Jens Winter (Mitglied des Organisationsbüros "100 Jahre Automobilbau" der Stadt Zwickau)

100 Jahre Automobilbau in der Wirtschaftsregion Chemnitz-Zwickau - Symbiose aus Tradition und Innovation

"Vom Horch zum Volkswagen" lautet das Motto der thematischen Sonderführungen, die am 28. März und am 12. September 2004 im Industriemuseum Chemnitz stattfinden. Dieses Motto könnte gleichsam für die einzigartige Geschichte und vor allem für die Kontinuität des Automobilbaus in der Wirtschaftsregion Chemnitz-Zwickau stehen. Nicht nur, dass hier seit 1904 Pkw, Motorräder und Nutzfahrzeuge gefertigt werden, auch zahlreiche Innovationen und legendäre Marken wie "Horch", "Audi", "Wanderer" und "DKW" haben hier ihren Ursprung. Die Wirtschaftsregion Chemnitz-Zwickau feiert ihr 100-jähriges Automobiljubiläum 2004 das ganze Jahr hindurch mit insgesamt etwa 80 verschiedenen attraktiven Veranstaltungen.

Den Grundstein für die industrielle Entwicklung des Automobilbaus in der Region Südwest-Sachsen legte der Ingenieur August Horch. Als Absolvent des Technikums in Mittweida siedelte er nach Stationen in Köln und Reichenbach 1904 nach Zwickau um und gründete hier die A. Horch & Cie. Motorenwerke AG. Als erster in Deutschland verwendete er für seine Automobile bereits Aluminiumguss bei Motoren und Getriebegehäusen, die Kardanwelle als Kraftübertragungselement und hochfesten Stahl für Getriebe-Zahnräder. Nach Differenzen mit dem Aufsichtsrat gründete Horch 1909 unter dem Namen "Audi" (lateinische Übersetzung von "horch") ein weiteres Automobilbauunternehmen in Zwickau und setzte den Weg bahnbrechender Neuerungen fort: Das Lenkrad setzte er auf die linke Seite und den Schalthebel in die Mitte des Fahrzeugs. Entwicklungen, die später fast weltweit übernommen wurden und heute selbstverständlich sind.
Aber nicht nur in Zwickau, auch an anderen Orten der Region kam der Kraftfahrzeugbau schon sehr früh in Gang.

In Schönau bei Chemnitz wurden 1902 bei den Wanderer-Werken bereits Motorräder gefertigt und im Jahr 1913 ging die erste Kleinwagenkonstruktion in Serie, die unter der Bezeichnung "Wanderer Puppchen" große Popularität erlangte. Ab 1925 beginnt man hier mit dem "Typ W9" einen Pkw im Mittelklassesegment zu produzieren, dem 1926 mit dem leistungsstärkeren "Typ W10", der Wagen hatte Vierradbremsen, ein Verkaufsschlager folgte. Dieses Fahrzeug machte den Bau einer weiteren Produktionsstätte im Chemnitzer Vorort Siegmar erforderlich. Damals gab es dort bereits so etwas wie eine "Just-in-time-Anlieferung", denn die einzelnen Baugruppen wurden nach Bedarf vom bisherigen Werk mit der Eisenbahn angeliefert, direkt vom Waggon aufs Fließband gesetzt und montiert.

Wie Horch hatte auch der aus Dänemark stammende Jörgen Skafte Rasmussen sein Ingenieurstudium in Mittweida abgeschlossen, und wie Horch sollte auch Rasmussen Kraftfahrzeuggeschichte schreiben. Zunächst gründete er 1904 in Chemnitz eine Apparatebaufirma. Später zog er nach Zschopau und experimentierte dort ab 1916 mit der Entwicklung von Dampfmotoren. Aus diesen Versuchen ging schließlich der Markenname DKW (Dampf-Kraft-Wagen) hervor. 1918 übernimmt Rasmussen die Rechte an einem Zweitaktmotor, von Hugo Ruppe als Spielzeugmotor konstruiert. Rasmussen lässt daraus zunächst einen Fahrradhilfsmotor, später einen Motorradmotor entwickeln. In wenigen Jahren stieg DKW zum größten Motorradhersteller der Welt auf; im Motorenbau nahmen die Zschopauer DKW-Werke mit den bestechend einfachen und zugleich zuverlässigen Zweitakt-motoren eine weltweit führende Stellung ein.
Um den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu begegnen, schlossen sich die westsächsischen Automobilbauer Horch, Audi, Wanderer und DKW im Jahre 1932 unter dem gemeinsamen Markenzeichen der vier ineinander verschlungenen Ringe zur Auto-Union zusammen. Der Konzern wuchs zum zweitgrößten Kraftfahrzeughersteller Deutschlands und konnte vom Zweirad über den Klein- und Mittelklassewagen bis hin zur Luxusklasse alle Segmente des Marktes bedienen. Der Zweite Weltkrieg bereitete der zivilen Entwicklung ein jähes Aus; Kriegsproduktion dominierte. Aber bereits Ende der 1940er Jahre konnte die Automobilproduktion in der Region wieder aufgenommen werden. Bis zur Wende wurden Motorräder, Nutzfahrzeuge und natürlich der inzwischen zum Kultauto avancierte Pkw "Trabant" gebaut, von dem zwischen 1958 und 1991 drei Millionen Stück das Werk "Sachsenring" in Zwickau verließen.

Die Tradition des Automobilbaus in der Wirtschaftsregion Chemnitz-Zwickau wurde durch den Volkswagen-Konzern noch vor der Wende fortgesetzt, danach aber wesentlich durch zahlreiche Zulieferbetriebe ergänzt. Insgesamt sind heute rund 36.000 Arbeitsplätze in der Region mit dem Automobilbau verbunden. Die VW Sachsen GmbH mit etwa 7.100 Mitarbeitern ist das umsatzstärkste Unternehmen in den neuen Bundesländern.

Die MZ Motorrad- und Zweiradwerk GmbH Zschopau, das Nachfolgeunternehmen des legendären DKW-Werkes wird seit 1996 kontinuierlich ausgebaut. Entwicklungs- und Produktionsschwerpunkte sind Zweiräder der 125-ccm-Klasse, Roller, Fun-Bikes bis 1000 ccm und Enduro-Maschinen; das Industriemuseum Chemnitz wird von Mai bis September eine große MZ-Motorrad-Ausstellung zeigen.

Eine wichtige Rolle für die Wirtschaftskraft der Region nimmt die Zulieferindustrie ein. Um auch unter wachsendem Wettbewerbsdruck aus dem In- und Ausland konkurrenzfähig zu bleiben, ist die Zusammenarbeit in Netzwerken zu einem wichtigen Faktor geworden. So konzentriert sich die 1999 vom Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit ins Leben gerufene Verbundinitiative "Automobilzulieferer Sachsen" (AMZ) u.a. darauf, die Wettbewerbsfähigkeit der sächsischen Auto-mobilzulieferindustrie und der dazugehörigen Dienstleister zu stärken. Die reiche Erfahrung der Auto-mobilbautradition in der Region verbindet sich heute auf ideale Weise mit modernen Verfahrens-techniken und Fertigungskonzepten, die in enger Kooperation zwischen Forschungseinrichtungen, wie den Hochschulen oder dem Fraunhofer-Institut, und der Industrie entwickelt werden.

Um die Bedeutung des Automobilbaus für die Wirtschaftsregion Chemnitz-Zwickau in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu unterstreichen, wird das Ereignis "100 Jahre Automobilbau" im Jubiläumsjahr 2004 in der ganzen Region gebührend gefeiert. Ein "Feuerwerk" an attraktiven Ver-anstaltungen mit Messen, Sonderausstellungen, Oldtimer-Treffen, Kultur- und Motorsportevents soll Bürgerinnen und Bürger, aber auch Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft, Technikinteressierte sowie Besucher aus dem In- und Ausland ansprechen und dabei deutlich machen, dass die Region, über ihre Rolle als ein Elitestandort der Kraftfahrzeugindustrie hinaus, noch viele andere interessante Facetten zu bieten hat. Ein laufend aktualisierter Veranstaltungskalender findet sich im Internet unter der Adresse: www.100jahre-auto.de