Museumskurier - Ausgabe 17 - August 2006

Dr. Rainer Thümmel

Glockenguss in Sachsen

Da die ältesten - erhalten gebliebenen - sächsischen Bronzeglocken aus der Zeit um 1200 (z.B. Kirche zu Collm) stammen, kann von einer mehr als 700 Jahre währenden und vor ca. 80 Jahren beendeten Tradition des Glockengießens in Sachsen gesprochen werden.

Von den insgesamt etwa 4.000 Glocken, die gegenwärtig in den Kirchtürmen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und des Bistums Dresden-Meißen zum Lobe und zur Ehre Gottes läuten, bestehen etwa 2.050 aus Bronze, 320 aus Stahlguss und immer noch rund 1.550 aus Eisenhartguss. Der Einsatz des zuletzt genannten, für Glocken völlig ungeeigneten Werkstoffes, ist ausdrücklich nur im Zusammenhang mit der Notsituation der Kirchgemeinden nach der Beschlagnahmung ihrer Bronzeglocken zu Rüstungszwecken in beiden Weltkriegen in den Jahren 1917 bzw. 1940 und ihrem Streben, kurzfristig zu bezahlbaren neuen Glocken zu kommen, zu erklären. Darüber hinaus führte der durchschnittlich um 20 - 30 % größere Durchmesser dieser Glocken gegenüber tongleichen Bronzeglocken zu erheblichen Eingriffen in Glockentragwerke und zu entsprechenden Bauschäden. Während in Sachsen im 1. Weltkrieg 1.815 Bronzeglocken vernichtet wurden, waren es im 2. Weltkrieg nochmals 1.601 Bronzeglocken, die eingeschmolzen worden sind, um Kupfer und Zinn für die Kriegsproduktion zu gewinnen.

Die gegenwärtig vorhandenen sächsischen Bronzeglocken sind das Werk von bisher 112 verschiedenen Glockengießern in Geschichte und Gegenwart. Einen bedeutenden Anteil an dem Guss historischer Bronzeglocken, die beide Weltkriege überstanden, haben 72 namentlich bekannte sächsische Gießer, von denen die herausragendsten in erster Linie - bis zur 1866 in der sächsischen Artillerie erfolgten Einführung des preußischen Hinterladersystems mit Gussstahlrohren von Krupp - Stückgießer (Stücke = Geschütze) ihrer Landesherren waren. Bedeutende Standorte von Glockengießereien befanden sich in Dresden, Freiberg, Kleinwelka, Leipzig und Zwickau. Darüber hinaus haben sich kostbare einzelne Glocken erhalten, die in weiteren Glockengießereien in Chemnitz, Glauchau, Görlitz und Zittau entstanden sind. Eine lang währende Tradition des Glockengusses vom 15. bis ins 20. Jahrhundert hat es in Dresden und Leipzig gegeben. In Dresden wurde auf Geheiß des Kurfürsten August im Jahre 1567 das kurfürstliche Gießhaus neben dem sächsischen Hauptzeughaus errichtet, in dem in den 300 Jahren seines Bestehens die Stückgießer auch Glocken gießen durften. Der Guss von Kanonen und Glocken erforderte vergleichbare Kenntnisse der Herstellung und Zier der Formen, der Zubereitung und des Vergusses der Glocken- bzw. Kanonenspeise aus Kupfer und Zinn. Bei Kanonen betrug der durchschnittliche Zinngehalt 9 %, bei Glocken auf Grund der höheren notwendigen Härte in Verbindung mit den erforderlichen Klangeigenschaften 22 %, der Rest Kupfer und 1-2 % Fremdbestandteile, davon max. 1 % Blei. Die erhalten gebliebenen Bronzegeschütze sächsischer Gießer - gegossen von 1570 bis1845 - zeigen anhand ihrer vielfach reichen und künstlerisch hoch bedeutsamen Zier, woran das Herz der Kurfürsten hing. Die bedeutendsten Stücke befinden sich heute zum erheblichen Teil außerhalb Sachsens als Ausdruck dafür, dass die kriegführenden Kurfürsten oft ihre Schlachten verloren haben und ihre Artillerie Beute der Sieger wurde. Nach dem einzigen gewonnenen Krieg (1870/71) schenkten andererseits die sächsischen Könige Johann (1854 - 1873) und Albert (1873 - 1902) huldvoll einigen sächsischen Kirchgemeinden erbeutete französische Kanonenrohre als "Anzahlung" für den Guss neuer Glocken.

Folgende Stückgießer haben in dem Dresdner Gießhaus, ausgestattet mit dem kurfürstlichen bzw. königlichen Privileg für den Glockenguss in Sachsen, Bronzeglocken gegossen:

 

NameVorname(n)LebenszeitArbeitsorteerhaltene Glocken
HilligerWolf1511 - 1576Freiberg / Dresden1559 Staucha
HilligerMartin1538 - 1601Freiberg / Graz / Dresden1594 Dittmannsdorf
HilligerJohannes1567 - 1640Freiberg / Dresden1602 Greifendorf
HilligerHans Wilhelm1605 - 1649Dresden
HeroldAndreas1623 - 1696Nürnberg / Dresden1669 Lauenstein
WeinholdMichael1662 - 1732Danzig / Dresden1721 Schneeberg, St. Wolfgang
WeinholdJohann Gottfried1700 - 1776Dresden1747 Dresden, Kathedrale
WeinholdAugust Sigismund1738 - 1796Dresden1787 Dresden, Kreuzkirche
WeinholdHeinrich August1775 - 1808Dresden1807 Dresden, Kathedrale
OttoFriedrich August1770 - 1818Dresden1814 Annaberg
SchröttelSigismund1788 - 1852Dresden1842 Lastau
GroßeJohann Gotthelf1808 - 1869Dresden1844 Sayda

Von sächsischen Gießern stammen auch fünf der zehn erhalten gebliebenen schwersten Glocken Sachsens:

 

KircheNominalGussjahrGießerGewicht[kg]
Zwickau, Dom1650Simon Brock u. a.5.750Z
Schneeberg, St. Wolfgang1721Michael Weinhold5.450
Leipzig, Thomaskirche1477Theoderich Reinhard5.100
Dresden, Kathedrale1747Johann Gottfried Weinhold4.830
Freiberg, Dom1488Oswald Hilliger4.570

Von besonderer denkmalpflegerischer und künstlerischer Bedeutung sind die nur 30 erhalten gebliebenen einheitlichen historischen Bronzegeläute mit drei oder mehr Glocken ein und desselben Gießers. An herausragenden Beispielen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert seien genannt:

 

KircheGussjahrGlockenGießer bzw. Gießerei
Waldenburg, St. Bartholomäi1580/813Wolf Hilliger d. J.
Meißen-Zscheila16673Andreas Herold
Annaberg, St. Annen18143Friedrich August Otto
Bischofswerda18164Friedrich Gruhl
Großschirma18253Sigismund Schröttel
Bautzen18275Friedrich Gruhl
Großenhain18554Johann Gotthelf Große
Rehbach18583Gustav Andreas Jauck
Schönbach19024Christoph Albert Bierling
Eibenberg19213Bruno Pietzel

Da zur Entstehungszeit dieser mehrstimmigen Geläute die Korrekturmöglichkeit von Glocken noch unbekannt war - und heute bei historischen Glocken auch aus denkmalpflegerischen Gründen strikt abzulehnen ist - wird unterstrichen, was diese Gießer für eine hohe Fähigkeit bei der Fertigung von wohlklingenden gegossenen Musikinstrumenten besessen haben.

Der sächsische Glockenguss endete kurz nach dem 1. Weltkrieg, als die verbliebenen Glockengießereien Bierling (1922) bzw. Pietzel (1925) aus unterschiedlichen Gründen den Betrieb einstellten. Die Glockengießerei Bierling hatte als letzte, sehr bedeutende Glocken- und Kunstgießerei Sachsens, durch die industrielle Revolution eine größere Leistungsfähigkeit im Vergleich zu ihren Vorgängern erreicht und - zum Ausgleich für die weggefallenen Gussaufträge für Bronzegeschütze - in Verbindung mit einer sehr offensiven Verkaufsstrategie eine regelrechte Welle von "Geläutemodernisierungen" in zahlreichen Kirchgemeinden ausgelöst, der aufgrund des hohen Materialwertes von Bronze zahlreiche sehr alte und bedeutende Glocken zum Opfer fielen. Historische Glocken wurden z.B. zum Materialpreis von 1,60 Goldmark/kg angekauft und neue Glocken - infolge der damals niedrigen Lohnkosten - mit einem Preis von 2,20 Goldmark/kg verkauft. Im Verlaufe von nur 30 Jahren (1883-1913) goss die Bierling'sche Gießerei in Dresden mehr als 200 neue Geläute für sächsische Kirchgemeinden, wovon sich allerdings in Sachsen bis heute, bedingt durch das "Glockensterben" in beiden Weltkriegen nur fünf Geläute vollständig erhalten haben. Eine Reihe bedeutender Kunstgüsse sind von dieser Gießerei auch erhalten geblieben, so z.B. in Dresden das Lutherdenkmal vor der Frauenkirche und die Figuren der Brunnenanlagen "Stürmische Wogen" bzw. "Stille Wasser" am Albertplatz).

Der Ersatz verlorengegangener Bronzeglocken war in Sachsen nach 1945 jahrzehntelang durch die Bewirtschaftung von Buntmetallen nur möglich, wenn die betreffenden Kirchgemeinden legal Bronze bereitstellen konnten. Deshalb sind in der Nachkriegszeit die den Kirchen belassenen einzelnen "Läuteglocken" häufig innerkirchlich - nach Vermittlung von Sachverständigen - aufgekauft und für neue Glocken bzw. Geläute eingeschmolzen worden. So wurden zum Guss für drei neue Glocken zur Schließung von Geläutelücken des Meißner Domes zehn andere Glocken "geopfert". Neue Bronzeglocken konnten damals ausschließlich von der berühmten Gießerei Franz Schilling Söhne in Apolda, die 1988 ihre Pforten für immer schließen musste, bezogen werden.

In der DDR wurde auf Grund der Materialknappheit an Buntmetallen die übergroße Zahl der im 2. Weltkrieg vernichteten Bronzeglocken durch Eisenhartgussglocken, ausschließlich von Schilling (Apolda) und Lattermann (Morgenröthe-Rautenkranz) gegossen, ersetzt. Als nach der Wende die materiellen Voraussetzungen gegeben waren und durch Unterstützung des Beratungsausschusses für das Deutsche Glockenwesen die neu bestellten Glockensachverständigen mit den notwendigen fachlichen Kenntnissen versehen werden konnten, begann eine intensive Phase der Restaurierung denkmalgeschützter Geläute. Auch konnte der oft überfällige Ersatz von Eisenhartgussglocken, die vielfach bauwerksschädlich zu groß dimensioniert - in korrodierten, desolaten stählernen Glockenstühlen - an geköpften Stahljochen hingen, in vielen Kirchen durch neue und vielfach kleinere Bronzeglocken realisiert werden. Die neuen Glocken entstanden in der Kunstgießerei Lauchhammer, der Glockengießerei Bachert (Karlsruhe), der Glockengießerei Perner (Passau), Petit & Gebr. Edelbrock (Gescher) und der Eifeler Glockengießerei Mark (Brockscheid) ausschließlich nach alter Handwerkstradition im Lehmform- bzw. Mantelabhebeverfahren und läuten in neuen hölzernen Glockentragwerken an geraden Holzjochen, um vollendet als Musikinstrument zu erklingen. Dringlichkeit und Reihenfolge wird dabei auf Antrag der Kirchgemeinden nach einer Bauzustandsanalyse, nach entsprechender fachlicher Beratung durch die kirchlichen Baupfleger und die Sachverständigen für Geläute und Turmuhren, zuständigkeitshalber vom die Fachaufsicht auf dem Gebiet der Glocken und Turmuhren ausübenden Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenamt Sachsens entschieden und genehmigt.