Vereinskurier - Ausgabe 11 - August 2004

Dr. Günter Welzel

"Kutsche ohne Pferde" - Louis Tuchscherer baute in Chemnitz das erste Zweitaktmotor-Fahrzeug

Im 19. Jahrhundert wurde in Chemnitz von dem Schlosser Friedrich Ludwig Tuchscherer das erste von einem Zweitaktmotor getriebene Kraftfahrzeug gebaut und erprobt. Tuchscherer war einer der vielen Erfinder und Mechaniker im Chemnitzer Raum, deren kreatives Schaffen den Boden für den industriellen Aufstieg dieser Region bereitete.

Louis Tuchscherer wurde als Sohn eines Schneiders am 23. Januar 1847 in Schönheide bei Eibenstock geboren. Von ihm wird berichtet, dass er sich schon frühzeitig der Idee verschrieb, eine "Kutsche ohne Pferde" zu bauen. In Schönheide lernte er bei einem Schlossermeister und bastelte während seiner Lehrzeit ein Gefährt mit einer Tretvorrichtung, mit dem er über Bärenwalde und Kirchberg bis nach Wilkau-Haßlau fuhr.

Anfang 1862 kam Louis Tuchscherer nach Chemnitz und nahm am 17. Januar 1862 in der Webstuhlfabrik von Louis Schönherr (der heutigen Schönherr-Kulturfabrik) eine Tätigkeit als Schlossergehilfe auf. Nach ihm kamen noch weitere Mitglieder der Familie Tuchscheerer (so die damalige Schreibweise) aus Schönheide in die Schönherrsche Webstuhlfabrik, wo sie als Schlosser, Klempner, Former, Dreher u. a. eingestellt wurden. Offensichtlich fügten sich einige von ihnen nur schwer in die Fabrikdisziplin ein, denn bei manchem steht in den Betriebsunterlagen als Grund des Abganges "Schlägerei" oder mit Rotstift "nicht wieder einstellen".

Louis Tuchscherer wandte sich schon bald nach Aufnahme seiner Tätigkeit in der Webstuhlfabrik der eigenständigen Lösung technischer Aufgaben zu. Hierfür richtete er sich 1867 in der Nähe seines Betriebes eine kleine Werkstatt in der Hauboldstraße 29 ein, die er 1871 in das in der gleichen Straße gelegene Haus Nr. 21 verlegte. In diesen Werkstätten verwirklichte er eine Reihe eigener kleiner Erfindungen, darunter eine Schrotmühle und einen Holzzerspalter. Hauptziel seiner erfinderi-schen Tätigkeit war jedoch die Verwirklichung seines großen Traumes: der "selbstbewegliche Wagen".

Seine Arbeiten an einem Zweitaktmotor wurden über Chemnitz hinaus bekannt. So kam es, dass ihn um 1878 Carl Friedrich Benz (1844-1929) aus dem badischen Mannheim in seiner Werkstatt aufsuchte und sich für den in Entwicklung befindlichen Motor interessierte.

Carl Benz, der eine eigene Firma in Mannheim besaß, befasste sich seit etwa 1871 mit Plänen zum Bau eines Maschinenkraftfahrzeuges. Um dieses Ziel zu realisieren, entschloss er sich 1877 zum Motorenbau und wollte damit gleichzeitig seinem verschuldeten Unternehmen "Eisengießerei und mechanische Werkstätte" in Mannheim eine neue, Erfolg versprechende, Geschäftsbasis geben.

Da das Viertaktverfahren eben erst durch das am 13. März 1878 Nikolaus August Otto erteilte Reichspatent 522 geschützt worden war, wandte sich Benz dem Zweitaktmotor zu. Von ihm erhofften sich sowohl Benz als auch Tuchscherer, dass er infolge der Spezifik eines vollständigen Arbeitsspieles je Kurbelwellenumdrehung sogar Leistungsvorteile erbringt, was sich allerdings in der Praxis als nicht zutreffend erwies.

In der Folge konnte zunächst Tuchscherer erste Ergebnisse vorweisen, denn mit der Erprobung eines mit flüssigem Kraftstoff betriebenen Motorwagens kam er Carl Benz um fünf Jahre zuvor. Am 23. Juni 1880 hatte er auf eigenen Wunsch die Sächsische Webstuhlfabrik (vorm. Louis Schönherr) verlassen. Im gleichen Jahr unternahm er eine Fahrt mit einer Kutsche, die durch einen von ihm entwickelten Zweitaktmotor angetrieben wurde. Unter ohrenbetäubendem Lärm aber mit gleichmäßiger Geschwindigkeit ging die Fahrt damals von seiner Werkstatt in Richtung Glösa.

Das Anlassen des Motors erfolgte durch Ziehen an einem Riemen, wodurch Schwungrad und Nockenwelle in Bewegung gesetzt wurden. Er musste damals eine Nockenwelle verwenden, da er in seiner kleinen Werkstatt nicht die Möglichkeit hatte, eine Kurbelwelle herzustellen. Das Grundprinzip bestand darin, dass die durch die Expansion der Brenngase verursachte Verschiebung der Kolben die versetzt zueinander angeordneten Nocken über Stößel bewegte und damit eine Drehung der Nockenwelle bewirkte.

Mit diesem Prinzip waren nur geringe Wirkungsgrade bei der Leistungsübertragung zu erreichen. Die Kraftübertragung erfolgte mittels Flachriemens auf die Achse der Hinterräder. Zum Kuppeln diente ein seitlich angebrachter Hebel, der das Verschieben des Flachriemens von der Leerlaufscheibe auf die Motorscheibe bewirkte.

Diese Fahrt nach Glösa im Jahre 1880 gilt als die erste Fahrt eines Automobils mit Verbrennungsmotor. Allerdings hatte das Unternehmen allenfalls lokale Bedeutung und fand wenig Beachtung. Auch fehlte Tuchscherer das Geld, um seinen Motor zu vervollkommnen oder sich seine Erfindung patentieren zu lassen.

Carl Benz hingegen arbeitete inzwischen an stationären Zweitaktmotor-Kraftmaschinen, die der 1882 gegründeten Gasmotorenfabrik Mannheim gute Aufträge eintrugen. Die Partner von Benz lehnten jedoch den Bau eines "Selbstfahrers" strikt ab. Benz trat daraufhin aus diesem Unternehmen aus und gründete mit neuen Geldgebern die Firma Benz & Co., Rheinische Gasmotorenfabrik in Mannheim, wo er ab 1884 die Verwirklichung seiner Pläne vom "Selbstfahrer" begann.

Die Bedingungen, unter denen Benz dieses Projekt in Angriff nahm, waren ungleich günstiger als bei Tuchscherer. Ihm war deshalb auch im Gegensatz zu seinem Chemnitzer Konkurrenten ein dauerhafter und sich fortentwickelnder Erfolg beschieden.

Sein Fahrzeug stattete Benz allerdings mit einem Viertaktmotor aus. Er sah von vornherein ein leichtes Fahrgestell vor, bei dem auch die damals noch prekären Probleme mit der Lenkung einigermaßen gelöst werden konnten. Daher beschränkte sich Benz auf ein zweisitziges Dreirad, das mit Drahtspeichenrädern, Rohrrahmen und Führung des Vorderrades mit einer Gabel Elemente aus dem Fahrradbau aufwies. Der Motor befand sich hinter der Sitzbank zwischen den Hinterrädern, von dem die Kraftübertragung durch einen Flachriemen auf eine Welle in der Wagenmitte und von dort durch zwei Ketten auf die Hinterachse geleitet wurde.

Erste Fahrversuche mit diesem Fahrzeug erfolgten im Spätherbst 1885, die allerdings "gegen die Hofmauer" gingen. Bald aber wurden Fahrstrecken von 1000 Metern und mehr mit Geschwindigkeiten von 16 Stundenkilometern absolviert.

Carl Benz äußerte sich später über jene Männer, die an der langwierigen Entwicklung des Automobils mitgewirkt hatten, wie folgt: "Wenn jeder Versuchswagen, der mit einem Uhrwerk, einer Dampf- oder Gasmaschine angetrieben, aber nie betriebsbrauchbar wurde, in die Klasse der Automobile gerechnet wird, dann gibt es ein ganzes Heer von Erfindern. Wenn wir aber die Frage präziser stellen, wer hat das Benzinmobil wirklich erfunden, mobil und betriebsfähig gemacht, dann können nur ganz wenige vor dieser Frage bestehen." In den Kreis dieser Wenigen kann Louis Tuchscherer sicher einbezogen werden.

Louis Tuchscherer verstarb im Alter von 75 Jahren am 21. Oktober 1922 in Chemnitz. In Würdigung seiner Verdienste als Automobil-Pionier beschlossen - auf Antrag des Tisches der Heimat- und Denkmalpflege - die Stadträte von Chemnitz am 1. Dezember 1999, eine im Industrie- und Gewerbegebiet an der Jagdschänkenstraße entstandene Straße nach dem Erfinder der "Kutsche ohne Pferde" zu benennen: "Tuchschererstraße".